Donnerstag, 21. Dezember 2017

Ein Buch in der Schublade

Ich habe ein Buch in der Schublade. Es ist das Buch einer Mutter. Eine Mutter mit zu wenig Zeit. Eine Mutter mit schlechtem Gewissen. Wegen nicht gebackener Plätzchen, nicht besuchter Weihnachtsfeiern, nicht gesungener Lieder, zu selten vorgelesener Bücher, zu wenig selbst gemachtem Irgendwas, egal was, zu wenig Bio, zu viel Auto, zu wenig Wir und zuviel die da, zu wenig Paar und zu viel alles andere, zu viel, zu wenig, und so weiter. Und so fort.
Es ist die Geschichte einer Mutter, die gerne alles könnte. Job, Familie, Hausfrau, Geliebte, ach überlegen Sie nur, Ihnen fallen sicher noch ein paar Rollen ein. Ich will dieses Buch nicht allein schreiben, helfen Sie nur. 
Die Mutter hat fünf Kinder. Vier davon leben. Eins, das erste, wurde im Mülleimer eines Krankenhauses entsorgt. Wenn es ihr ganz schlecht geht, denkt sie manchmal dran. Denn das passt dann gedanklich. Das Schlechtgehen und der Gedanke an die Krankenschwester, die sagte: "Was sollen wir damit? Werfen Sie's da rein." 
Die Mutter ist glücklich. Sie hat vier Kinder. Und einen Beruf. Das passt nicht, hört sie immerzu. Aber sie glaubt das nicht. Sie macht das passend. Das klappt schon. Die Mutter holt sich Hilfe, organisiert Kinderbetreuung, geht arbeiten, holt noch mehr Kinderbetreuung, geht noch mehr arbeiten, um noch mehr Kinderbetreuung bezahlen zu können. Ärgert sich über schlechte Kinderbetreuung, organisiert neue Kinderbetreuung, macht alles irgendwie passend. Zieht um, für mehr gemeinsame Mahlzeiten und mehr Kinderbetreuung. Für weniger Kinderbetreuung.  Sie verstehen. Braucht stattdessen mehr Kinderbetreuung, weil sie nun pendeln muss. Die Mutter dreht an den Stellschrauben, immer und immer wieder. Sie will das passend machen. Das muss doch passen, warum passt das nicht, zur Hölle, diese verdammte Hose hing neulich noch nicht so.

Die Mutter ist unglücklich. Weil sie immer hetzen muss und nicht viel richtig macht. Weil sie so oft umgezogen ist, dass sie überall fremd ist. Weil sie keine Zeit zum Zuhören hat. Weil sie auch niemanden hat, den sie fürs Zuhören bezahlt. Weil sie das gerade nicht will. Die Mutter will gern selbst zuhören. Den Kindern. Stattdessen räumt sie Wäsche, Spülmaschinen ein und aus, hetzt von Termin zu Termin, sagt immerzu "Beeile dich!", "Geht das ein bisschen schneller!", "Wir haben doch keine Zeit!" und ärgert sich, weil sie genau weiß, wie sich diese Sätze anfühlen. Und weil sie gar nicht weiß, wohin sie eigentlich hetzt. 
Die Mutter hat Jobangebote. Schlägt sie aus. Weil sie nicht mehr Arbeit braucht. Weil sie zu tun hat, die eigene zu optimieren. Sie optimiert und optimiert und doch kommt am Ende nur Suboptimal heraus. 
Die Mutter, von der diese Geschichte handelt, hetzt durch ihr Leben wie dieser japanische Schnellzug, der nie zu spät kommt und dessen Namen zu suchen sie keine Zeit hat. Es ist die Geschichte einer Mutter, die gerne ein bisschen mehr Zeit hätte. Fürs Dasein. Nicht Mutter, Frau oder Lehrerin. Einfach fürs Dasein. Das Buch liegt in meiner Schublade. Ich schreibe es nicht. Sie kennen das.


Kommentare:

Mom229: Shinkansen heißt der. Das weißt du nicht? Boah.

workmum32: Mein Leben, ey. <3

xymama199: <3.

xymama200: <345.

helpingmama678: Was ihr braucht ist ne Kinderfrau. So eine, die sich um alles kümmert. Auch um dich.

abcmama123: Kümmer dich um dich. #selflove

UrselausdemNetz: Was genau willst du jetzt eigentlich sagen?

Mom389: Schreib das Buch! Du musst dieses Buch unbedingt schreiben!

Mom390: Ja schreib das! Ich kauf das.

xymama999: Weißt du, ich kann das so gut nachempfinden, was du da schreibst. Ich finde mich in deinen Worten so wieder. Sie sind wie ein warmer Wintermantel, der einen mit seiner wolligen Wärme umfängt.
                  >trollmom23: Und der dann voll kratzt.

trollmomxy: Bist du nicht Lehrerin? Was hast du denn für Termine?

trollmomz99: Und der Vater?

momxy: Das mit der Fehlgeburt tut mir voll leid. An der Stelle hatte ich voll Pipi in den Augen. Ich hatte auch drei. Is kein Spaß.

abcmama: Du wolltest doch unbedingt Termine. Jetzt haste se und da jammerste. Irgendwas is immer.


Kommentare:

  1. Ja nun. Selbst so ausgesucht. Nach dem zweiten kind weiß ich genau:mehr schaffe ich nicht. Oder ich muss den Job schmeißen.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ach, jetzt hab ich doch noch einen Kommentar vergessen einzubauen. Danke. Der hat gefehlt.

      Löschen
    2. Siehste! Gerne zu Diensten.

      Löschen
    3. PS. Schön übrigens, dass Sie so feste Grenzen haben. In so einer begrenzten Welt lebt es sich sicher sehr beschaulich.

      Löschen
  2. Boah ey, woher kennst du mich? :) <3

    AntwortenLöschen
  3. Ich glaube, diese Mutter will einfach zu viel. Keiner kann 5 Kinder haben, vier lebend auf dieser Erde, und davon ausgehen, alles bleibt und klappt gleich gut, als wären diese 5 Kinder nicht vorhanden. Geht nicht. Geht einfach nicht.

    Ich weiß, es absolut nicht zeitgemäß zu behaupten, man kann als Mutter keine "Karriere" machen und unbeliebt macht man sich dazu auch noch. Aber ich empfinde es genau so. Entweder oder. Zumindest vorerst. Dabei habe ich nicht einmal Kinder. Ich darf also sowieso nicht mitreden, zumindest zählt es nicht. Ich rede trotzdem mit. Ich weiß nicht warum man überhaupt den Anspruch hat, in allem voll da zu sein und dazu auch noch perfekt. Ich stell mir manchmal vor 85 zu sein und auf mein Leben zu blicken; mit diesen 85-jährigen Augen lassen sich so manche Sinnlosigkeiten, aber auch wichtige Dinge, für mich besser heraus kristallisieren.

    Ich finde es wichtig dass diese Mutter ihrer Arbeit nachgeht, die ihr so viel bedeutet, aber vielleicht nicht in dieser Menge und vielleicht auch nicht unbedingt jetzt. Zumindest nicht, wenn es sich nicht gut anfühlt und sie unglücklich ist. Diese Zeit jetzt bekommt sie nie wieder.

    AntwortenLöschen
  4. Liebe Heike,
    heute habe ich durch Zufall auf deinem Blog nachgeguckt, ob du wieder was geschrieben hast (obwohl du ja eigentlich "gedroht" hast nicht mehr im Blog zu veröffentlichen-was aber verdammt schade wäre).
    Und siehe da: ein Beitrag direkt aus meinem Herzen geschrieben.
    Ich kann deine Gefühle, deine Zerrissenheit so gut nachempfinden. Meine Lebenssituation ist ähnlich. Auch 5 Kinder, allerdings das dritte tot, fast gleich alt (Kinder, aber auch du und ich), gar nicht so weit weg von dir lebend, ebenfalls arbeitend im selben Job. Das jüngste Kind zwei Wochen älter als deine Kleine.

    Das "Chaos" wird erst jetzt besser werden, wenn sie größer sind. Und unser Perfektionismusstreben müssen wir wohl noch eine Weile hinten an stellen. Aber das wird alles, ganz bestimmt.

    (Und so blöde Kommentare wie "Du wolltest es ja so!" auf die brauchst du echt keine Antwort geben! )

    Fühlen dich ganz lieb gedrückt und verstanden.

    Alexandra

    AntwortenLöschen
  5. Ich habe vor einiger Zeit immer sehr gerne Ihren Blog gelesen und habe immer wieder mal vorbeigeschaut, ob Sie nicht doch wieder schreiben.
    Es tut mir sehr leid, dass Sie so unglücklich und getrieben sind. (Wenn das denn die richtigen Begriffe für Ihre Gefühle sind. Wenn nicht, dann streichen Sie sie bitte.) Ich wünsche Ihnen sehr, dass Sie- wie auch immer- wieder zufrieden und glücklich sein können.

    AntwortenLöschen