Donnerstag, 10. Dezember 2015

Zzzzzzzzzhhh...

In Wirklichkeit ist es wahrscheinlich einfach so, dass ich mir meinen beruflichen Wiedereinstieg anders vorgestellt habe. Ich stecke fest. Ein Jahr, nachdem ich das letzte Mal feststeckte. Aber diesmal steck ich noch fester. Vielleicht auch nicht. Ich weiß nicht. Ist auch egal.

Seit September arbeite ich Vollzeit und wer sich nicht erinnert, ich unterrichte Deutsch und Englisch, das ist die Kombi, mit der einen die Leute regelmäßig abwechselnd auslachen oder den Spruch "Die Intelligenz eines Lehrers zeigt sich bei der Fächerwahl" vor die Füße schmeißen und sich dabei richtig gut fühlen. 

Ja. Ich unterrichte Deutsch. Und ja. Ich unterrichte Englisch. Und ja. Das ist eine Scheiß-Kombi, was die Arbeitsleistung angeht. Aber nein, das beweist nicht meine eigene Dummheit. Das beweist nur die Dummheit des Systems. Ich habe eine Affinität zu Sprachen. Das bin ich. Ich kann noch ein bisschen kochen (das Ergebnis von viel Übung und wenig Talent) und ich bin auch nicht so schlecht im Saubere-Wohnung-Vortäuschen (diese Fähigkeit baue ich allerdings gerade aktiv ab). Beides Kenntnisse, die mir im Beruf und in der Schule nicht viel nützen. Also wählte ich Sprachen, als ich mich für den Lehrerberuf entschied. Und ich wählte Deutsch und Englisch, weil ich es für eine noch größere Herausforderung hielt, mein Leben lang zwei Fremdsprachen im Kopf für Schüler zu sortieren. So studierte ich Deutsch und so studierte ich Englisch. Und es war mir ein Vergnügen. Ich las wie eine Bekloppte und wenn die Englisch-Sport-Studenten über die Leseliste in der Anglistik stöhnten, lächelte ich nur in mich hinein und sagte, der hat ja keine Ahnung. Mein Rettungsanker. Schon damals. Nicht ich, die Dumme. Sondern die anderen. Ich dachte ja, dass das irgendwann aufhört, diese Einschätzung meiner Entscheidung. Ich Dumme.

Nun sitze ich hier, an einem Gymnasium in der Oberpfalz und unterrichte Deutsch und Englisch in Vollzeit. Das sind 23 Unterrichtsstunden. Also quasi nichts. Und das halte ich wirklich nicht für viel, denn ich weiß, dass in anderen Bundesländern die Stundenzahl höher ist. Und ich habe in guter Erinnerung, wie ich in Budapest 35 Unterrichtsstunden pro Woche hatte. Damit was übrig bleibt. 
Aber irgendwie komme ich eben nicht hin. Und während alle anderen wissen, woran es liegt, nämlich an meiner Dummheit, bin ich mir eben nicht so sicher. 
In den letzten zwei Wochen habe ich eine Klausur in der Oberstufe und 4 Schulaufgaben in der Mittel- und Unterstufe schreiben lassen. Die Korrekturzeit, das habe ich hochgerechnet, das geht ganz leicht, beträgt dafür so 50 Stunden. Wenn ich fix bin. Und diese 50 Stunden Korrekturzeit muss ich auf zwei Arbeitswochen verteilen, denn in diesem Zeitrahmen muss ich alles zurückgeben. Nun trägt es sich allerdings zu, dass ich seit September, seitdem ich eben Vollzeit arbeite, täglich von 6.30 Uhr bis 16.30 Uhr arbeite. Und an den meisten Tagen um 4 Uhr aufstehe, um noch eine kleine Arbeitsstunde vor dem Aufstehen reinzuquetschen. Und dass es an den meisten Tagen länger als 16.30 Uhr geht. Und dass ich am Wochenende an beiden Tagen jeweils zwischen 4-6 Stunden mit Arbeit verbringe. 
Rechnet man das hoch, braucht man sich nicht zu wundern, warum hier seit Oktober nichts mehr geschrieben wurde. Rechnet man das hoch, braucht man sich auch nicht zu wundern, warum ich inzwischen seit einer ganzen Weile nicht mehr um 4.00 Uhr, sondern regelmäßig um drei oder um zwei Uhr aufstehe, weil ich eh nicht mehr schlafen kann. Rechnet man das hoch, stellt man fest, dass da keine Zeit für irgendwas bleibt. Rechnet man das hoch, fragt man sich, wo bleiben die Kinder? Ist die irre? Rechnet man das hoch, denkt man, die ist doch bescheuert, das kann ja nicht gehen. Und: Das liegt doch an ihr. Wie sie arbeitet. Die macht irgendwas falsch. Rechnet man das hoch, fragt man sich, wie man 25 Stunden Mehrarbeit in eine 60-Stunden-Woche quetschen kann. Man kann. Aber das ist Schwachsinn. Rechnet man das hoch, stellt man fest, dass alle diese Rechnungen Milchmädchenrechnungen sind. Nix gegen Milchmädchen.

Was ich mache, funktioniert so leider überhaupt nicht. Jedenfalls nicht auf Dauer. Und wenn ich das sage. Wenn ich mal jammere, höre ich: 
Du hast doch ein Aupair! 
Tja, Scheiß-Kombi. 
Und die Kinder? Leiden die nicht?
Warum bleibst du nicht zu Haus?
Also ich kenne X,Y. Die haben nicht solche Probleme. 
Warum machst du auch Vollzeit? Hätte ich dir ja gleich sagen können. (Das hat übrigens ganz leicht feststellbare Gründe. In schwarz auf weiß sozusagen, statt rot auf weiß.)


Vielleicht bin ich ein bisschen müde.

Kommentare:

  1. Ich drück Dich aus der Ferne. Ich hoffe,ihr findet eine Lösung! (( ))
    Alles Liebe,
    Steffi

    AntwortenLöschen
  2. Also ich kenne XY - gleiche Fächerwahl, 14 Stunden Unterricht, 150km Fahrtstrecke zur Schule - und zur Zeit nur im Krankenhaus (sie selbst und die Kinder). Aber es wird besser werden und sich einspielen. Vielleicht ist “Vollzeit“ doch zuviel? Es ist doch okay auszuprobieren und evtl auf ein paar Stunden weniger zu kommen, damit noch Kraft bleibt für die Begeisterung und die Kinder.
    LG, Micha

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Micha,
      für mich im Moment offenbar ja. Das stimmt mich nachdenklich. Auch deshalb, weil ich sehe, dass es eben am Ende doch immer darauf hinausläuft. Kind ODER Karriere. In Teilzeit kommt auch in der Schule niemand vorwärts.
      LG
      Heike

      Löschen
  3. Es gibt eben nicht das Modell für Alle, es gibt ein Modell für Jeden. Du wirst deins finden, vlt bist du nur müde, oder aber zu recht angepisst. Getippt aus einer 40 +x std. Woche. ♡ alu

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hey Alu,
      ich hätte halt gedacht, ich habe es schon gefunden. Aber die Kinderbetreuung läuft eben auch nicht so, wie ich es mir vorstelle, das mit dem Vertrauen zum Beispiel, das fällt mir auch ganz schwer.
      Lg
      Heike

      Löschen
  4. Erst mal will ich dich drücken! Denn wenn du eines nicht bist, dann schuldig!
    Ganz im Gegenteil! Du bist klug, witzig, mutig, energiegeladen und einfach wunderbar.
    Aber ja - momentan ist die Situation scheisse so wie es sich anhört. Und du wirst an Stellschrauben drehen müssen. Ein bisschen hier und da. Denn was es sicher nicht gibt ist ein Patentrezept für die Lösung.
    Da war es wieder mit dem: und wenn es nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende!
    Irgendwie ist es das ja nie - diese Reise namens Leben. Besonders nicht mit Kindern <3

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke! Ein bisschen hier und da klingt gut.

      Löschen
  5. Ach herrje... ich studiere Lehramt und hasse (HASSE!) dieses Belächeltwerden, das Vorurteil, keine "richtige" Fachwissenschaft zu studieren, und dann deine Schilderungen... Dabei hab ich wirklich Lust auf den Job. Nur manchmal nagen eben auch Zweifel.
    Auf dass Du eine Lösung findest!!
    Grüße, Maja

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Maja,
      vielleicht bin ich keine gute Lehrerin. Wer weiß das schon so genau.
      Alles gute für die Ausbildung dir!
      LG
      Heike

      Löschen
  6. Es wird irgendwann besser, ganz bestimmt. Ich finde Dich bewundernswert, drei so kleine Kinder und ein Vollzeitjob (und nein, es ist nicht doof, ich würde mich freuen, wenn meine Kinder so eine tolle engagierte und sprachbegabte Lehrerin hättrn). Schlafentzug ist nicht ohne Grund ein Foltermittel in manchen Ländern... Aber wo soll man denn die Zeit noch hernehmen, wenn der Tag nur 24h hat? Herzlichst Joevlin

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja, ich will zu viel auf einmal. Das sagt man mir zumindest nach. :-) Danke für die Komplimente!
      Liebe Grüße
      Heike

      Löschen
  7. Deine Worte (hier und bei Twitter) lassen viel Leidenschaft erahnen.
    Leidenschaft für deine Schüler und Leidenschaft für deine Fächer.
    Diesen Land braucht leidenschaftliche Lehrer.

    Ich wünsche dir von Herzen, dass du findest, was du für dich, deine Familie und deine Leidenschaft brauchst.

    Liebe Grüße
    Michael

    AntwortenLöschen
  8. Es liegt nicht an dir, sondern an diesem seltsamen System Schule, das auf die unterschiedlichen Arbeitszeiten in den Fächern keine Rücksicht nimmt. Mein Mann hat schon - lange bevor wir Eltern wurden - auf 75% verkürzt. Um es überhaupt schaffen zu können und damit die Leidenschaft bleibt. Es hat ihm und uns gutgetan.
    Leider ist bei einer Verkürzung nur die Stundenzahl reduziert. Konferenzen und sonstige Bürokratie bleiben gleich - ohne Ausgleich.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Und das Geld. Das ist ja ein Aspekt. Für mich ein sehr wichtiger, weil er auch über Aupair oder nicht Aupair entscheidet. Und was mach ich ohne Aupair mit Konferenzterminen, Elternabenden und Klassenfahrten. Es ist wirklich schwierig. Und was du schreibst wegen der Leidenschaft und dem Schaffen...GENAU! Es soll doch schaffbar sein. Ohne dass die Qualität leidet.
      Danke für deinen Kommentar!

      Löschen
  9. Wow, meinen Respekt für dieses Engagement und die Selbstreflektion und auch -kritik hierzu!
    Fühlen Sie sich, unbekannterweise, ganz vorsichtig umarmt.
    Ich wünsche Ihnen, dass Sie gut auf sich aufpassen und vielleicht auch ein Stückchen Gelassenheit (in welche Richtung sich diese wenden soll, dürfen Sie sich gerne aussuchen - Vertrauen Au-Pair, Familie, Karriere, Ansehen, whatever).

    Viele Grüße

    AntwortenLöschen
  10. Ich bewundere was du machst.

    Und weißt du, solche Lehrerinnen, die für ihren Beruf brennen, an die erinnert mich sich. Meine Deutschlehrerin gehört noch immer zu den größten Vorbildern für mich.

    Aber ich verstehe wie unfassbar hart das ist. Ich finde es schon mit 30 Stunden Arbeit und zwei kleinen Kindern anstrengend und das ist ja noch nicht mal anähernd dein Pensum.

    Ich wünsche dir viel Kraft und irgendwie vielleicht ein bisschen Schlaf auch zwischen der Arbeit und all dem.

    AntwortenLöschen
  11. Achach. Neben viel Mitgefühl lasse ich einen Buchtipp da, der mir (jede ist anders... ich mag Tabellen :-) ) geholfen hat, die Berge klein zu bekommen. http://aol-verlag.de/5932-aufsaetze-leichter-beurteilen.html
    Erholsame Ferien, bald... Anne

    AntwortenLöschen
  12. Und ja, das System ist pervers, da es zulässt, dass die meisten Korrekturfachlehrenden (mit und ohne Kinder) auf Teilzeit gehen, um die Umfänge überhaupt zu bewältigen. Ich merke, dass das inzwischen auch common sense ist und irgendwie gewollt. Deshalb arbeite ich momentan an meiner Schule daran, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Teilzeitlehrende auch in anderen Bereichen eben nur Teilzeit arbeiten, wenn sie sich dazu entschließen: z.B. Konferenzen, Betreuung von Prüflingen, Abendtermine. Das ist ein mühseliger Prozess, aber eben auch ein kleiner Baustein in dieser großen "Vereinbarkeitsdebatte".
    Meine größte Baustelle allerdings ist, dass ich mich noch viel zu oft selber schlecht fühle, ES nicht zu schaffen. Wenn ich diesen Gedanken auch nur ein wenig transformieren könnte - so meine Fanatasie - dann kann ich diesem Verinbarkeitswahnsinn auch mit einer anderen Gelassenheit begegnen. Bis dahin: Schaden begrenzen und Augen AUF und durch! Alles Gute für Dich!

    AntwortenLöschen
  13. Bald sind zumindest Ferien.
    Schwacher Trost, ich weiß.
    Jedes Mal, wenn ich von Dir lese, würde ich am liebsten ins Auto springen und eine WG mit Dir aufmachen. Ob drei oder 6 Kinder zu betreuen ist dann auch schon egal.
    Und dann könnten wir wenigstens abends/nachts gemeinsam am Schreibtisch sitzen und arbeiten.
    Fühl Dich ganz fest gedrückt und wenn Not an der Frau ist, schrei!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Darüber denke ich auch oft nach. Eine Familien-WG wäre wirklich schön. Für vieles eine Lösung.

      Löschen
  14. ich kenn mich null aus mit diesem lehrer-stunden-kram, aber es hört sich logisch an, dass du zuviel arbeitest. teilzeit kommt man in der schule nicht voran - das kann ja sein, aber was bringt's dir, in vollzeit voran zu kommen, aber im leben auf weniger als teilzeit zu fahren? bleib weiter so engagiert und überzeugt von deiner berufung, verlier das nicht, weil du dich vielleicht verlierst. im strudel der zeit und der zwänge.

    aber wie ich auf twitter gelesen hab, hast du andere pläne für 2016, und was dann danach kommt, wird man ja sehen. ;) ich drück dir sehr die daumen für alles. du schaffst das!

    AntwortenLöschen
  15. Hallo Heike, ich kann das total nachvollziehen, was Du berichtest. Ich hoffe, die Weihnachtsferien haben ein wenig zur Entspannung beitragen können. Alles Gute für's neue Jahr. Liebe Grüße, Stefan R. aus Tp.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Stefan!
      Das tut gut! Ich hoffe auf das zweite Halbjahr und auf einen Gewöhnungseffekt?
      Die Ferien tun sehr gut, danke!
      Liebe Grüße zurück
      Heike

      Löschen