Freitag, 28. August 2015

Ich musste daran denken...

Heute war ich in der Therme. Und wie ich da so lag und die Wellen meine Füße umspielten, der Mann die Söhne im tiefen Wasser bespaßte und ich meine Tochter in ihren Laufversuchen im flachen Wasser bestärkte, musste ich daran denken, wie ich heute Morgen den Versuch gestartet hatte, Nachrichten zu schauen. 
Ich musste daran denken, wie ich mich erst nicht traute, den Fernseher überhaupt anzumachen, weil die Kinder im Raum waren und ich Angst habe, ihnen erklären zu müssen, warum dauernd Menschen auf Booten, in LKWs, auf Autobahnen sterben. Und warum die, die sich irgendwie durchkämpfen und überleben, hier von viel zu vielen nicht willkommen geheißen werden. 
Ich musste daran denken, dass mein Vater, wenn doch auch nicht mit uns im Schwimmbad sein, so aber doch uns zu einem Spaziergang abholen könnte, läge er nicht im Krankenhaus wegen eines Schlaganfalls. 
Ich musste daran denken, wie ich seit Wochen nicht zum Bloggen komme, weil mir die Worte fehlen. Aus Gründen, die ich gar nicht recht fassen kann.
Ich musste dran denken, wie dekadent dieses Geplansche in künstlich erzeugten Wellen ist. 
Ich musste an meine Mutter denken, und ihre Angst, nun ein ganze Weile allein zu sein. 
Ich musste daran denken, wie schön es doch wäre, wenn Familien zusammen bleiben könnten, um einander zu helfen und um füreinander dazu sein. 
Und ich musste daran denken, wie ich am liebsten die Augen schließen würde vor all diesen Sorgen. Ich musste daran denken, wie schnell das gehen kann, von einem normalen Arbeitstag zu einem Tag auf der Intensivstation mit halbseitig gelähmtem Körper, der nun, um wieder arbeiten zu können, erst wieder die Grundfunktionen erlernen muss. 
Ich musste daran denken, was eine Familie wie die unsere wohl durchmachen müsste, wäre sie auf der Flucht und wie weit ich gehen könnte für die Hoffnung auf ein besseres Leben oder überhaupt Leben!? Ich bin so ein Schisser, so ein Sorgenmagnet. Ich habe Angst, wenn ich die Kinder auf dem Klettergerüst sehe. Wie viel Angst muss eine Mutter überwinden, die schwanger, mit Kindern, mit wem auch immer, ein marodes Boot auf dem Mittelmeer besteigt, ohne schwimmen zu können?
Ich musste daran denken, dass mein Konto ein riesiges Minus aufweist, weil der Besuch bei meinem kranken Vater natürlich nicht eingeplant war, aber dennoch auf jeden Fall sein musste. 
Ich musste daran denken, dass ich zu verschwenderisch bin, dass ich zu viel Geld ausgebe, an allen Ecken und Enden. Dass ich mehr Geld übrig haben müsste, für Flüchtlinge zum Beispiel. Und für kranke Väter.
Ich dachte, dass Geld eine gute Sache sei, aber das man mehr tun müsste. Ich dachte daran, dass die Welt sich gerade komplett verändert. Ich dachte daran, dass alles schon irgendwie wird. Ich sah meine Tochter an und dachte: Scheiße, was passiert in dieser Welt? Scheiße, wie wird das weiter gehen? Ich sah sie nochmal an und dachte: Es muss irgendwie. 

Kommentare:

  1. Ja es wird weiter gehen, aber im Moment macht mich auch vieles ratlos und müde. Ich schicke dir eine dicke Umarmung! LG, Micha

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  2. Ja, irgendwie muss man in der letzten Zeit an so vieles denken. Und so vieles macht mich traurig. Wie gut es dabei ist, Kinder zu haben. Zur Ablenkung, zum Lachen, zum Herumalbern. Wie wird wohl ihre Generation sein?
    Aus all deinen genannten Gründen entscheiden sich einige gegen Kinder. So eine schlechte Welt.
    Liebe Grüße,
    Kathrin

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