Donnerstag, 9. Juli 2015

Mal wieder Therapiebedarf

Es ist mal wieder so weit. Ich habe ein Kind, das therapiert werden soll. 

Mit der Feststellung von Therapiebedarf habe ich inzwischen Erfahrung. Bei Kind P. sollte schon fast alles therapiert werden. Unter anderem auch ein leichter Dysgrammatismus. Bei Kind M. hätte ein bisschen Logopädie auch nicht schaden können und Physiotherapie. Ganz viel Physiotherapie. Und jetzt war es endlich auch mit Kind A soweit. Sie ist jetzt 1 Jahr und 6 Monate und läuft nicht frei. Grund genug, ein wenig Therapie vorzuschlagen.

Der Therapiebedarf wurde mir im Entwicklungsgespräch in der Kinderkrippe mitgeteilt. Ich führe ja gern Entwicklungsgespräche. Am liebsten in der Krippe. Da geht es dann um Tabellen und um Fortschritte und um Rückstände und um Schule. Um SCHULE! Das ist das Ding, in dem ich arbeite und in das immer mehr Kinder mit einer Diagnose kommen. Einer Diagnose, die ich unbedingt kennen muss, um dem Kind im Unterricht vernünftig pädagogisch und erzieherisch begegnen zu können. Eine Diagnose, die mir bescheinigt, dass Tim heute fehlt, weil er ausgebrannt ist. Eine Diagnose, die mir hilft zu verstehen, dass Levin in Reihe eins nicht zappelt, weil er seit 5 Stunden nahezu pausenlos volle Konzentration bieten muss und Unterricht in nahezu jeder Stunde frontal läuft, sondern weil er eine Aufmerksamkeitsstörung hat. Oder eine Konzentrationsstörung. Vielleicht aber auch nur eine Bewegungsmangelstörung? Ich habe nichts gegen Diagnosen. Sie sind häufig durchaus sinnvoll und hilfreich. Aber bitte doch an den richtigen Stellen und bei den richtigen Kindern. Und mit dem richtigen Zweck, nämlich dem Kind etwas Gutes zu tun.

Auf meine Fragen, warum meine Kinder therapiert werden sollen, bekam ich bisher jedes Mal den Hinweis auf Entwicklungstabellen. Und Schule. Eine normgerechte Entwicklung läuft anders. Bei Kind A ist es nun das Laufen. Sie schiebt derzeit Gegenstände durch den Raum und wenn man ihr zwei Hände reicht, läuft sie auch durch den Raum. Aber sie läuft noch nicht frei. Das kann therapiert werden. Muss aber nicht. Fakt ist aber eins: Meine Kinder sind anderthalb, drei und vier. Sie sind kerngesund, fröhlich, wahnsinnig offen und sehr sozial. Therapiebedarf haben sie dennoch alle. Denn sie sind einfach zu langsam. Sie laufen nicht schnell genug, springen nicht weit genug, stehen nicht lange genug auf einem Bein und essen nicht gut genug (mit dem Löffel). Eine Therapie könnte Abhilfe schaffen. Die Kinder würden sich dann viel schneller entwickeln. Auf meine Frage, warum das wichtig wäre, kommt am Ende immer die gleiche Antwort: Die Schule. Die Leistung. Der Vergleich. Dinge, die ich hartnäckig ignoriere. Als Lehrerin. (Wahrscheinlich Beruf verfehlt!)

Das ist anstrengend. Ich komme regelmäßig in Rechtfertigungszwang. Und mir wird das Gefühl vermittelt, ich kümmere mich nicht genug. Es werden in Heften, Ordnern, Computern Bestätigungen archiviert, dass ich "zur Kenntnis nehme", dass ich "ausreichend informiert wurde", dass "Therapiebedarf besteht". Zur Absicherung. Damit später, im Falle eines Falles, es nicht hieße, "sie hätten ja nicht." Sie hätten sich ja nicht genug gekümmert. Denn sich kümmern, das müsste ja eigentlich.....

PS. Mit unserer Kita sind wir übrigens sehr zufrieden. Die Gründe für solche Gespräche sehe ich weder im spezifischen Personal noch in bestimmten Einrichtungen, sondern in gesellschaftlichen Entwicklungen.

Kommentare:

  1. Ah, jetzt verstehe ich den Tweet! Ich dachte, du meintest Psychotherapie!

    Es geht übrigens auch umgekehrt: Weil die Kita meinte, dass "er das schon schafft", hat sie die erste Einschätzung des dritten Kindes, er sei psychosozial noch nicht altersentsprechend entwickelt (Ex-Frühchen ---> korrigierter Geburtstermin ---> Einfluss auf Schulbeginn) rechtzeitig zum nahenden Schulbeginn korrigiert - mit den Hinweis, alle Kita-Plätze seien schon vergeben und daher müsse das Kind schon in diesem Jahr zur Schule.

    Wir haben uns mit Hilfe eines Kinderpsychologen und eines langen, abwägenden Gespräches mit der Schulamtsärztin dagegen entschieden.

    Die Kita-Leitung hat mir mehr als deutlich gemacht, dass es nur ihrer kinderfreundlichen Philosophie zu verdanken ist, dass das Kind in der Kita in seiner Gruppe bleiben darf.

    Ich könnte kotzen. Die empfohlene Psychotherapie (jetzt geht das Pendel wieder in die andere Richtung) hielt dann der potenzielle Kindertherapeut selbst für überflüssig - ich auch, aber weil ich ein vorsichtiger Mensch bin, bin ich - ohne Kind - wenigstens einmal zu dem Menschen hingegangen.

    Ansonsten kann ich auch ein Liedchen singen zu Kindern, die sich insgesamt ein wenig später entwickeln zu scheinen (Krabbeln, Laufen, Sprechen spät) und undurchsichtigen Diagnosen.

    So sollte der älteste Sohn zur Sprachförderung - weil er beim verpflichtenden Sprachtest der Vierjährigen kein Wort gesagt hat, weil er schüchtern ist und der Test in einer Besenkammer stattfand. Ich habe die durchführende Lehrerin, die streng nach Protokoll vorgegangen ist, lange bequatschen müssen, dass der Sohn den Test noch einmal machen kann, weil ich es albern fand, einen perfekt sprechenden Vierjährigen ("Mama, ich dachte, wir wollten zum Sprachtest?" - "Schautz, DAS WAR der Sprachtest und du hast kein Wort gesagt!") zur Sprachförderung zu schicken.

    Achja und Schule. In unserem Viertel spricht man ja, wenn man vom Schulwechsel redet, eigentlich nur darüber, welches Gymnasium das geeignete ist. Ich finde es echt schwer, mich dem in der Luft hängenden Druck zu entziehenden und mir zu sagen, dass es auch ein Leben jenseits des Abiturs gibt und dass es viel mehr als Noten doch auf soziale Kompetenz und Fröhlichkeit ankommt.

    Ich hoffe, ich kann meinen Kindern das vermitteln.

    Und du machst das ja sowieso :)

    Mit den allerbesten Grüßen,

    Mara

    P.S. Bei der Logopädie sind wir allerdings Dauergast ...

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  2. Ich sitze hier und möchte dir gern am liebsten stehend applaudieren. In dem Zusammenhang habe ich auch noch deinen Artikel über Kind P mit dem Dysgrammatismus gelesen.

    Ich habe auch das Gefühl, dass man ständig Kinder therapieren will. Die Kinderärztin vom Großkind damals wollte ihn mit nicht mal drei Jahren wegen Dyslalie zur Logo schicken. Habe ich abgelehnt, habe einen Vermerk bekommen. Danach sind wir eh umgezogen. Die neue Ärztin sah das völlig entspannt.

    Minikind hat zur U8 jetzt zwar einen kleinen Vermerk "leichte Dyslalie" aber da warten wir noch ab, sagt die Ärztin. Als Latetalker hat er ein bisschen Zeit verdient. und... "Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht!"

    Was nun deine kleine 18 Monatsmaus betrifft: Hey sie läuft doch. Aber eben noch nicht frei. Vielleicht hat sie aktuell wichtigere Dinge zu tun, zu entwickeln. Sie steht scheinbar, sie kann ihre Füße bewegen etc. Fertig. Was will man da denn therapieren?

    Und die Begründung "SCHULE" finde ich auch immer völlig drüber.. ja.. .bei einem 5 Jährigen Sommerkind, der dann mit gerade mal 6 eingeschult wird, kann man schauen... aber doch nicht bei 1-2-3-4 jährigen.

    Es stimmt aber, die Rechtfertigungskeule kommt dann immer.

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  3. frau_charlotte versucht es erneut...

    wir hatten das glück von recht entspannten erzieherinnen in der kita. "kann er noch nicht, das kommt schon noch, ruhig blut." bis letzten november. da hat das kind mit 5 jahren und 2 monaten den zahlentest vergeigt. *schwupp* war die rede von dyskalkulie - seitens der testenden erzieherin und seitens der leitung. die erzieherin des sohnemanns sah das etwas lockerer und bestätigte meine (grundschullehrerin - also auch kein unbeschriebenes blatt in der hinsicht) überzeugung, das wäre keine dyskalkulie sonder einfach nur desinteresse.

    ich ließ mich zwischenzeitlich doch verunsichern und wurde nervös. das legte sich aber, als meine mutter erzählte, das wäre bei mir vor schuleintritt auch so. ab klasse 2 war ich klassenbeste, hatte mathe im abi, habe es erfolgreich studiert.

    ich finde, generell sollten wir den kids ihre reifezeit einfach zugestehen. das versuche ich als grundschullehrerin auch zu vermitteln, wenn die nervösen eltern da stehen und irgendwelche möglichen diagnosen in den raum werfen. wertschätzende unterstützung und regelmäßige kommunikation lassen aufwändige testungen häufig unnötig werden und wenn dann noch ein quentchen geduld und spucke dazukommt - will heißen, freundlich-bestimmte begleitung der kinder durch eltern und lehrerin, dann wird das schon laufen.

    dieser gymnasial-wahn schon ab kindergarten macht mich wahnsinnig - eine mutter (das kind hatte wirklich so richtig ads) sagte mal "lieber glücklicher müllmann als depressiver bwl-er". ich hoffe, diese haltung kann ich als mutter und auch als lehrerin weitertragen.

    nebenbei und sowieso: erzieherinnen und lehrerinnen dürfen gar keine diagnosen äußern und therapien als zwingend notwendig empfehlen - wir sind nicht qualifiziert, das ist der job von anderen.

    auf der anderen seite gibt es natürlich auch eltern, da arbeite ich auf ergo hin, damit ich mit der therapeutin gemeinsam in den eltern-allerwertesten treten kann. manchmal geht es nicht anders. kinder können ja nix für ihre eltern ;-)

    ich wünsche dir gelassenheit und dass du dich nicht aufregen und erst recht nicht rechtfertigen musst!

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  4. Dass man Kinder immer miteinander vergleichen muss, finde ich schrecklich. Ein Kind passt nicht in eine Tabelle oder Schublade? Es muss dringend etwas unternommen werden. Unsere Kita ist da zum Glück überhaut nicht so. Da unser Sohn jedoch mit seinen knapp drei Jahren sehr, sehr, sehr lebhaft ist, warte ich nur schon darauf, das der "Therapiebedarf" auch einmal auf uns zukommen wird. Da wird lustig!

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