Freitag, 10. Juli 2015

Idylle können wir nicht

Ich habe manchmal ganz idyllische Ideen. Es kommen immer Kinder darin vor. Kinder, die lachen, fröhlich sind. Kinder, die mir sanft ins Ohr flüstern: "Mama, darf ich..." "Mama, kann ich...". Kinder, die an meinem Rockzipfel hängen, weil sie sich in neuen Umgebungen leicht unsicher fühlen und sich freuen, dass ich da bin, um mit ihnen was Neues auszuprobieren. Kinder, die sich dann sanft vom Rockzipfel lösen, um die neue Umgebung zu erkunden. Zurückhaltend, ruhig und auch ruhig ein wenig vorsichtig. 

Gestern wollte ich mit den Kindern in die Bibliothek. Ich kam so gegen 16 Uhr nach Hause. Die Bibliothek im Dorf hat nur Donnerstag Nachmittag geöffnet und wird ehrenamtlich betrieben, was ich übrigens für ein ganz wundervolles Wunder halte. Ich habe wenig Möglichkeiten, hier im Dorf mit den Kindern Dinge zu unternehmen, die uns aus dem Alltag herausholen. Im Dorf selbst kann man sich nicht vernünftig mit drei Kleinkindern fortbewegen. Ich sterbe jedes Mal tausend Tode, wenn die Jungs mit Laufrad und Fahrrad in verschiedene Richtungen abdüsen und ich mit dem Kinderwagen rumschiebe, weil es keine Radwege gibt und die Gehwege entweder sehr schmal oder nicht vorhanden. Und weil die LKWs mit 70 durchs Dorf brausen. Tut mir im Herzen weh, dass wir uns deswegen nicht mehr so viel bewegen und häufig nach Haus düsen und im Garten spielen. Und dann hab ich manchmal diese Ideen. Es könnte doch schön sein, wenn wir die Bibliothek besuchen. Wenn wir uns Bücher aussuchen, mit nach Hause nehmen, vielleicht auch ein Spiel. Wenn wir in der Bibliotheksecke ein bisschen kuscheln und den Duft der Literatur ein wenig die Nasenflügel kitzeln lassen. Das mal ich mir dann so aus. Und dann läuft das so ab:

Wir kommen rein. Kind A will sofort runter vom Arm. Kind P rast wie ein Irrer an den Bibliotheksdamen vorbei, schreit noch kurz "Wer bist du, wie heißt du?", hat aber keine Zeit für die Antwort, weil er erstmal kucken muss, wo er hier ist. Er geht an alle Türen, macht auf, kuckt rein, schmeißt sie wieder zu. Kind M derweil rennt die Treppe hoch, zu den Erwachsenenbüchern. Kind P rennt hinterher "NEIN! ICH ZUERST!", Kind A will alle Bücher aus den Regalen werfen, ich setze mich, räume diese Bücher wieder ein, Kind M schleppt Spiele an: "MAMA, das will ich spielen!" und packt aus. Kind P will derweil das Licht an- und ausschalten und kucken, ob man im Klo wirklich eingeschlossen wird, wie er kürzlich hier gelesen hat. Ich schnappe mir schnell ein paar Bücher, das Spiel wird wieder eingepackt, ich sammle drei neue Bücher vom Boden, die Kind A runtergeworfen hat, gehe zur Theke und versuche die Anmeldung hinter mich zu bringen, während das Aupair Kind A davon abhält die Treppe hochzuklettern und runterzufallen und Kind M und P abermals die Spielesammlung zur Theke schleppen. Ich schwitze, das Aupair schwitzt, 'Nur noch raus hier!', denke ich. 
Idylle. Das können wir irgendwie nicht.

Kommentare:

  1. Zumindest steht nicht zu befürchten, dass dein Rockzipfel ob dreifacher Dauerbelastung reißt.
    (I feel you. Und mir reichen schon zwei von der Sorte dafür.)

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  2. Idylle und gesunde, normale Kinder gehen einfach nicht zusammen
    ��

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  3. Ja, diese Idylle, die bekommt man einfach nicht aus dem Kopf. Trotz besseren Wissens. ��

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  4. Hallo Kerstin,

    was ,wenn nicht "gesunde , normale Kinder" ist Idylle ????

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    1. Die Kommentare sind verkürzt. Ich denke, Kerstin meinte, dass "normale" Kinder sich nicht so verhalten, wie man es sich romantisch in seinem Kopf ausmalt. Denn sie sind eben sehr lebhaft. Aber du hast natürlich Recht. Wenn man es aus deiner Perspektive betrachtet, haben wir es sehr idyllisch. War auch nicht ganz so ernst gemeint, das Ganze.

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  5. Unsere gehen ausgesprochen gerne in die Bücherei. Ganz selten gibt es da mal idyllisches Bücher und Spiele aussuchen. Meistens gibt es Wettrennen zwischen den Regalen, Diskussionen übers DVD ausleihen, ein Baby, das die DVDs alle ausräumt, Diskussionen übers Spiele ausleihen, mehrere ausgepackte Spiele, Geschrei, weil das Baby Spielezubehör ansabbert, Baby von der Treppe pflücken und am Ende muss immer einer aufs Klo oder einer stinkt. Aber zumindest ist das Büchereipersonal sehr entspannt angesichts der wütenden Kinder :-)

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    1. Das beruhigt mich. Parallel mit uns war aber eine Mutter mit zwei Töchtern da. Da ging es so ruhig ab, wie beim schriftlichen Abitur im Mai. Das macht mich dann immer etwas wuschig.

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  6. hach, ich lese immer so gerne bei dir - erfrischend ehrlich und herrlich (un)perfekt, wie das leben halt.
    ich habe diese idyllevorstellungen vor jeder großen familienfeier und auch diese werden von großen kindern jedes jahr aufs neue in sekunden zunichte gemacht... am ende ist es immer nur so gut wie man es selber macht...
    herzliche grüße,
    maarika

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    1. Danke für den Kommentar. Das freut mich aber.
      Liebe Grüße
      Heike

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  7. Ja, das kommt mir - sogar mit nur einem Kind - bekannt vor. Bei mir sind es dann die tollen Ideen, basteln und malen und kreativ sein mit dem Kind (danke Pinterest) bei denen ich uns immer ganz friedlich am Tisch sitzen sehe und dann.... naja, lassen wir das :D
    LG
    Mo

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  8. Ich schwitze auch immer in der Bibliothek. Die Tochter will ununterbrochen Treppen hoch und runter laufen (an der Hand...), ansonsten weint sie laut und erbarmungslos. Der Sohn holt sich stapelweise DVD (die ich nie ausleihe). Manchmal schaffen wir es bis zur Lesecke, wo die Tochter dauernd runterfällt und ich dem Sohn immerhin vorlese. Wenn wir gehen bin ich jedenfalls nassgeschwitzt und fühle mich mal wieder wie eine Mutter, die ihre Kinder nicht im Griff hat. Aber zu Hause freuen wir uns über die Bücher =)
    Liebe Grüße,
    Kathrin

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  9. Liebe Heike,

    passt jetzt nicht hierher - aber:

    deine Beeren-Sahne-Kuchen sehen so gigantisch-lecker aus, blogge doch mal das Rezept - Tausende werden dir danken !

    LG Sandra

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