Donnerstag, 4. Juni 2015

Ich würde es ja gerne glauben

Ich würde es ja gerne glauben.

Dass Vereinbarkeit das Problem ist.
Dass Familien besser unterstützt werden müssen.
Dass Frauen weniger diskriminert werden müssten.
Dass die gesellschaftliche Akzeptanz für Kinder größer sein müsste.
Dass Arbeitsstellen sicherer sein müssten.
Dass Existenzen sicherer sein müssten.
Dass Mobilität der Übeltäter ist.
Dass das Lohngefälle in Frauenberufen schuld ist.
Dass Kita-Gebühren niedriger sein müssten.
Dass es insgesamt weniger Armut geben müsste.
Dass es bessere Rentenabsicherungen geben müsste.
Dass es rosigere Zukunftsaussichten geben müsste.
Dass es am Umgang mit dem Hebammenberuf liegt,

dass wir hier in Deutschland einfach keine Kinder mehr kriegen. Aber es fällt mir einfach schwer. Auch wenn dies alles wahrnehmbare gesellschaftliche Probleme sind, um die es gilt, sich zu kümmern, und zwar vordergründig. Aber all diese Probleme und das Kinderkriegen bekomme ich gedanklich nicht zusammen. Vielleicht liegt das daran, dass ich meine Kinder einfach bekommen habe, ohne darüber nachzudenken. Vielleicht war das falsch. Verantwortungslos. Naiv. Dumm. Aber ich habe das so gemacht. Ich habe keine Minute darüber nachgedacht, wie viel der Beitrag in der Kita kosten würde. Ich habe keine Sekunde darüber nachgedacht, ob ich Schwierigkeiten haben werde, wieder in den Beruf zurückzufinden (Das war übrigens wirklich dumm, wie ich inzwischen weiß, nicht aus eigener Erfahrung, aber aus Beobachtungen anderer heraus). Ich habe beim Kinderwünschen-, -planen, -machen auch nicht darüber nachgedacht, ob es mir möglich sein wird, mein Kind mit Hebamme zu bekommen, auch wenn mir das wichtig war. Ich habe nicht an meine Rente gedacht. Ich habe auch nicht an die Grenzen der familiären Unterstützung gedacht. Und ich hab nicht daran gedacht, dass ich mich in vielerlei Hinsicht eventuell in die Ecke manövrieren würde, weil ich Kinder habe. 

Seit ich Kinder habe allerdings, denke ich durchaus über diese Dinge nach. Nun könnte man meinen, ich war eben einfach dumm. Alle anderen denken nach, bevor sie was tun. Sie planen Kinder. Sie bauen sie ein. Sie machen Kostenvoranschläge. Sie rechnen durch, wie viel vom Monat übrig bleiben wird, wenn das Geld alle ist, nachdem das Kind erstmal da ist. Sie rechnen nach, ob sich das lohnt mit dem dritten Kind wegen des Kindergeldes, immerhin 6 Euro mehr. Sie lassen sich Angebote machen von Kitas, bevor sie sich ins Abenteuer Kind stürzen. Oder sie fragen den Arbeitgeber, wie es denn mit dem home office nun wirklich aussieht. Vor der Zeugung wohlgemerkt. Und entscheiden sich dann dagegen. Vielleicht machen das andere wirklich. Vielleicht. Ich glaube nur nicht dran. Würde mich mal jemand überzeugen?

Kommentare:

  1. Leider kann ich dich nicht überzeugen. Denn ich ticke da, wie du. Einige von den Dingen habe ich mich hinterher gefragt. Aber eigentlich waren beide Kinder reine "wir wollen gern zwei Kinder"-Bauchentscheidungen. Lediglich beim Zeitpunkt spielten ein zwei Gedanken mit rein.

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  2. Ob ich überzeugen kann weiß ich nicht, aber ich bin eine von diesen Personen.
    Ich bin 27, mein Mann und ich wünschen uns seit Jahren ein Kind, aber es geht nicht. Ich studiere noch, er fängt im Herbst eine Ausbildung an, wir arbeiten beide nebenher und tja, es geht nicht.
    Ich hab nie Bafög bekommen, durch meinen Job und immer noch Unterstützung meiner Eltern reichts zum Leben, aber mehr auch nicht.

    Wie soll ich ein Kind finanzieren, wenn für mich kaum genug Geld da ist?
    Wie soll ich mein Studium beenden, wenn meine Uni sich zwar "familiengerecht" nennt, es aber in 90% der Fälle nicht gern gesehen wird, ein Baby mit in die Vorlesung zu bringen, es keine Stillräume oder sonst irgendwas gibt?
    Wie soll ich guten Gewissens schwanger werden, wenn die Hebammensituation in meiner Stadt mehr als katastrophal ist?
    Ich habe keine Familie da, wo ich lebe, und meine Schwiegerfamilie lebt knapp 60km von hier und da arbeiten selbst noch alle, da kann niemand einspringen zur Kinderbetreuung.

    Es bleibt mir aus meiner Sicht nichts anderes übrig, als diesen seit Jahren bestehenden Herzenswunsch zu verdrängen, so schmerzhaft es auch ist.

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  3. Wirklich? Du glaubst nicht, dass Frauen in Deutschland mehr Kinder bekommen würden, wenn die gesellschaftlichen Bedingungen andere wären? Ich glaube das schon, nicht zuletzt, weil ich selbst auf ein zweites Kind verzichte, weil ich mir dank fehlender Kinderbetreuung meine lange Ausbildung dann an den Hut stecken könnte.
    Ehe ich mein erstes Kind bekam, wäre mir nie in den Sinn gekommen, dass die Gesellschaft ein außerordentliches Interesse daran hat, mich als top-qualifizierte Frau an den Herd zu fesseln, nur weil ich ein Kind bekommen habe. Ich dachte, es wäre alles eine Frage der Organisation und der Partnerschaft. Und nun sitze ich hier, jobbe gelegentlich freiberuflich, versorge das Kind und den Haushalt, und bereite mich auf die Altersarmut vor, und das trotz summa cum laude und jahrelanger Berufserfahrung.
    Auf das zweite Kind verzichten wir, weil ich die Hoffnung nicht ganz aufgegeben habe, dass die Situation sich doch noch ändert, wenn das Kind erst einmal älter ist. Ich bin ernüchtert, sehr ernüchtert, vom Desinteresse der Politik und von der Diskriminierung durch die Wirtschaft. Und ich bin traurig, dieses zweite Kind nie kennenzulernen, aber es ist eine Entscheidung zwischen dem zweiten Kind und dem Beruf. Beides kann ich nicht haben. Vielleicht klappt es gerade noch mit dem Einzelkind.

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    1. Ja, das glaube ich. Schätzt du es so sein, dass deine berufliche Situation besser wäre, wenn du kein Kind hättest? Wenn ja, woran machst du das fest?

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  4. Man sollte nicht wild rumrechnen und planen.
    Die Innere Uhr einer Frau läuft immer früher ab.

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  5. Ich glaube, dass die Dinge, die Du anführst, vielleicht nicht die ersten Kinder verhindern, wohl aber dritte und vierte Kinder. Das Standardreihenhaus hat zwei Kinderzimmer. Kinderzimmer teilen ist ja heute für viele kaum mehr vorstellbar. In Standardautos passen 2 Kindersitze. Bei uns ist nach dem dritten Kind der Kinderwagen und das Kinderbett kaputt. Und ein viertes Kind würde nicht ins Auto und Haus passen. D.h. ein viertes Kind wäre also nochmal richtig teuer.
    Ein weiterer Punkt ist, dass man ja erst mal die Ausbildung beenden und ein paar Jahre arbeiten will und schwupps ist man 35. Und dann kriegt man eben nur ein Kind, oder vielleicht zwei, aber dann ist Schluss.

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    1. Die Dinge die du da zu Beginn anführst sind allerdings Dinge, für die nicht die Politik verantwortlich ist und darum ging's mir. Außerdem ist das, was in Deutschland als Standard gilt, für mich sehr fremd. Unsere Kinder sind zu dritt in einem Zimmer und das wird auch noch eine Weile so bleiben. Warum ist das nicht vorstellbar? Unser Kinderwagen läuft super, den will ich noch verkaufen und dass man für viele Kinder ein großes Auto braucht (wenn man ein Auto braucht), ist ja logisch. Aber daran ist doch nicht die Politik in Deutschland schuld?!?
      Das mit der Ausbildung stimmt. Aber wenn man erst ein paar Jahre arbeiten will, dann verschiebt man doch schon Prioritäten. Kann man machen. Hätte ich aber nie so gemacht.
      Ich glaube einfach nicht, dass die Politik mehr Kinder bewirken wird. Völlig unabhängig davon, welche gerade in Mode ist.

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    2. Na zumindest das "erst mal die Ausbildung fertig machen" ist doch schon typisch deutsch, oder nicht? Berufe wechseln und Quereinsteigen, scheitern oder gar ungelernt was machen, ist ja hier noch nicht so normal.
      Ich kann das schwer beurteilen, wann ich mich bewusst für Kinder entschieden hätte. Unser erster kam ungeplant und überraschend. Vermutlich wäre ich mit Absicht nicht 6 Monate vor Ende meines Projektes und Abgabe meiner Diss schwanger geworden. Aber wenn dann mal eins da ist, kann man ja auch noch mehr kriegen ;-) Und da haben wir uns auch nicht von meiner immer noch nur befristeten Stelle abhalten lassen.
      Aber Du hast schon recht, das sind eher Dinge, die in unserer Gesellschaft drin stecken und auf die die Politik keinen Einfluss hat.

      Und das mit den Kinderzimmern: ich finde heutzutage ist der Anspruch an Platz, den die meisten Leuten haben, schon enorm. Die Wohnungen, die in den 50er Jahren gebaut worden sind, sind ja inzwischen wegen der kleinen Zimmern quasi unvermietbar.
      Bei uns "müssen" sich auch demnächst zwei Kinder ein Zimmer teilen. Finde ich nicht schlimm. Ich musste nur an den Blogkommentar bei Frische Brise denken, wo ihr einer das Jugendamt auf den Hals schicken wollte, weil zwei Kinder zusammen eine 12qm Zimmer bewohnen.
      Die haben ja alle keine Ahnung. Am Ende hängen doch alle in der 8 qm Küche rum ;-)

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  6. Ich glaube auch nicht, dass es allein die greif- und änderbaren Rahmenbedingungen sind, die nicht stimmen, sondern so ein merkwürdig deutsches Sicherheits- und Planbarkeitsstreben eine Rolle spielt, in dem Kinder als Faktor X enorme Unsicherheit darstellen (kosten Geld, werden krank, steckt man nicht drin, machen den hedonistischen Lifestyle kaputt). Anders gesagt, vielen fehlt der Optimismus, dass es am Ende gut wird. (und nein, wir haben vorher keine Kostenbilanz aufgestellt und auch nicht nach Betreuungsplätzen gefragt, rational durchgerechnet hätte wohl keine/r mehr Kinder).

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  7. Ich glaube schon, dass die gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen eine Rolle spielen, aber nicht die alleinige und nicht die entscheidende, da gebe ich dir recht.

    Ich glaube aber auch nicht, dass Lifestyleansprüche die Familiengründung verhindern.

    Das momentane Credo lautet "Nur eine erschöpfte Mutter ist eine gute Mutter", Familie ist das letzte Abenteuer, das es noch zu erleben gibt, bedeutet nie gekannte Müdigkeit, einen täglichen Balanceakt,dauerndes Zurückstecken, aber auch emotionale Höhenflüge und neues Liebesglück.

    Familie ist alles - außer Alltag, außer Selbstverständlichkeit, außer Normalität

    Ich finde diesen Blick falsch und auch fatal.

    Und je geringer die Geburtenrate in Deutschland, desto mehr scheint das Bild
    der "Ausnahmesituation Familie" auch noch gerechtfertigt.

    Oft sind es gerade die Mütter, die dieses Bild auf Familie zementieren (man muss nur mal die Mama-Blogs querlesen), obwohl er ihnen selbst die Luft zum Atmen nimmt.

    Ketzerisch:
    Ich wünsche jeder Mutter, die diesem Credo anhängt, dass sie eines Tages
    erlebt, wie ihre Tochter das eigenen Enkelkind total gechillt erzieht.

    LG und noch einen schönen Sommerabend !!

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    1. Ich weiß nicht, in welchem Zusammenhang das mit meinem Eintrag steht, aber dir auch einen schönen Sommerabend. Auch erschließen sich mir die Zusammenhänge der einzelnen Sätze gar nicht.

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    2. Sorry, vielleicht habe ich mich nicht gut ausgedrückt.

      Der Bezug zu deinem Eintrag war zunächst, dass ich dir zustimme, verbesserte Rahmenbedingungen führen nicht zwingend zu mehr Familiengründungen.
      Soweit ich dich weiter verstanden habe, schreibst du, dass du dich bei deiner Familiengründung nicht von Themen wie Vereinbarkeit, Kosten etc. hast leiten lassen. Das finde ich eigentlich selbstverständlich.

      Ich selbst habe 3 große Kinder, meine jüngste Tochter ist im März 18 geworden, ich habe beruflich viel mit ausländischen ArbeitnehmerInnen zu tun und Geschwister, die mit ihren Familien im Ausland leben (alles EU).

      Ich sehe überall mehr mehr Selbstverständlichkeit und Gelassenheit beim Thema Familie - und mehr Kinder.
      Das, was ich in deutschen Medien zu diesem Thema lese und höre ist oft davon geprägt, dass Familie als Extremsituation dargestellt wird, im Guten und im Schlechten.
      Das entspricht meiner Meinung nach nicht der Realität und nimmt jungen Paaren die Leichtigkeit bei der Familiengründung.
      Das ist wirklich bedauerlich.
      Denn Familiengründung ist leicht, man ist jung, man ist zu zweit, man darf sich seine gemeinsamen Wünsche erfüllen.

      Ich bin seit gut zwanzig Jahren Mutter, und seitdem ist die Geburtenzahl in Deutschland stetig gesunken und die Diskussion zu familienpolitischen Themen stetig polarisierender geworden - vielleicht besteht ein Zusammenhang ? Keine Frau mit Kinderwunsch
      solllte sich genötigt fühlen über Kostenvoranschlägen oder KITA-Angeboten zu brüten.

      Ich hoffe der Wind dreht sich bei diesem Thema noch mal, und zwar bald, auch im Interesse meiner eigenen Kinder, denn die haben sicher noch viel vor !

      LG !

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    3. Guten Morgen,
      vielen Dank, dass du dir die Mühe gemacht hast, noch einmal zu antworten. Ich war ja nicht sehr höflich (zumindest liest sich mein Kommentar nicht so). Aber jetzt ist mir der Zusammenhang klarer.
      Die "Extremsituation" trifft es ganz gut. Das spüre ich häufig. Mein Beispiel ist wegen der drei Kinder besonders extrem. Ich selbst empfinde das gar nicht so. Manchmal schon, aber aus anderen Gründen.

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