Sonntag, 28. Juni 2015

Aupair - einfach mal laut gedacht

In letzter Zeit werde ich immer mal wieder gefragt, ob ich nicht Tipps habe, wie das funktioniert mit einem Aupair. Was man selbst wissen sollte und was man von einem Aupair erwarten darf. Mit welchen Schwierigkeiten man rechnen muss und auf welche Änderungen man sich einstellen muss. Ich bin kein Experte in diesen Fragen und mag sie ungern beantworten, weil ich glaube, dass es sich immer um individuelle Erfahrungen handelt. Das konnte ich am eigenen Leib erfahren. Denn noch vor vier Wochen habe ich gesagt: Nie wieder Aupair. 

Warum? Unser erstes Aupair kam im April und ich war wahnsinnig froh, dass wir das versuchten, denn ich bin mit allen meinen Aufgaben an den meisten Tagen überfordert und lasse viele Dinge hinten runter fallen, die mir wichtig sind, die aber beim besten Willen nicht mehr reinpassen. Immer öfter handelt es sich dabei auch um so essentielle Dinge wie den Nachtschlaf. Das ist so dermaßen frustrierend, wenn du auf keiner Ebene mehr zufrieden bist, weil du überall nur Flickenteppiche reparierst. Ich brauchte Hilfe und ich freute mich riesig, dass ich welche hatte. Aber dann ging der erste Versuch so dermaßen schief, dass mich viele fragten: Warum hast du das überhaupt nochmal  versucht?
Puppentheater made by Aupair

Die Antwort ist ganz einfach: Ich habe keine Wahl. Ich brauche immer noch Hife. Und inzwischen habe ich sie. Seit drei Wochen.

Vorneweg: Meine Aupair-Situation ist speziell. Wir haben ein ungarisches Aupair, weil wir unsere Kinder zweisprachig erziehen und ich mit meinem Mann auch hauptsächlich ungarisch spreche. Wir sprechen mit unserem Aupair in ihrer Muttersprache und ich denke häufig darüber nach, wie es wäre, wenn das nicht ginge. Wie hätte sie mir erzählen können, dass die Jungs sie aus dem Haus ausgesperrt haben, um ihr durchs Fenster eine lange Nase zu zeigen und Kind P zu ihr gesagt hat, "Geh nach Hause, du gehörst hier nicht her?" Wie hätte sie ihren Frust über all diese Erfahrungen bei mir abladen können, wenn die Ausdrucksmittel massiv eingeschränkt sind? 
Erster Punkt also: Sprachkenntnisse! Die Kommunikation muss klappen, egal in welcher Sprache. Mit unserem Aupair reden wir. Morgens, mittags, abends. Sie kann alles sagen und wir nehmen kein Blatt vor den Mund und wir sprechen über Konflikte und das Fremdeln der Kinder. Machen uns gegenseitig Hoffnung und laden unseren Frust ab. Das tut gut. Wenn das auf Deutsch geht, super. Ich bin froh, dass es vorerst auch auf Ungarisch möglich ist.

Zweiter Punkt ist wohl das Kümmern. Ich versuche mich, so gut ich kann zu kümmern. Habe Willkommensgeschenke besorgt, bringe ihr Kleinigkeiten mit, wenn ich einkaufen war, frage sie, wie sie sich fühlt und versuche viel, auf sie einzugehen. Und wir reden. Wir sitzen regelmäßig abends zusammen und trinken ein Glas Wein oder schauen einen Film. Für heute haben wir uns den Tatort vorgenommen. Wir quatschen über Feminimus (sie ist sehr intelligent und hat irre viel zu sagen, das würde mir sicher entgehen, wenn wir die Sprachbarriere hätten) und das Leben und wir verbingen unsere Freizeit gern mit ihr. Ein Aupair ist ein Mensch mit Wünschen, Gefühlen, Bedürfnissen und Ängsten. Man kann sich nicht um diese kümmern. Fühlt sich dann aber nicht so gut an. Für beide Seiten.

Dritter Punkt: Finanzen. Die Fixkosten in unserem Fall belaufen sich auf
260 Euro Taschengeld
40 Euro Kranken und Haftpflichtversicherung
50 Euro Sprachkursunterstützung
Plus Ticket für die Öffentlichen, was hier so auf 100 Euro hinausläuft.

Darüber hinaus waren wir zum Einstieg mit ihr essen. Ich bringe immer mal was Kleines mit. Wenn wir einen Kaffee trinken, bezahle ich und ich versuche zumindest, großzügig zu sein. Ob ich das wirklich bin, kann ich nicht beurteilen. Wie käme das auch rüber. Aber ich möchte es zumindest gerne sein. Was wir darüber hinaus gern machen würden:
- Sie muss Autofahren lernen. Dafür muss ich aber meine Versicherung ändern
- Ich hätte gern ein Handy für sie, zur Zeit skypen wir oder kommunizieren live.
- Ich würde sie gern mit in den Urlaub nehmen
- Ich freu mich schon auf Weihnachten. Eine junge Frau mit so vielen Interessen beschenken. So einfach!

Vierter Punkt: Alleinsein. 
Es ist nun immer noch jemand da. Darauf muss man sich einstellen. Aus meiner Erfahrung kann ich nun sagen, dass das leichter fällt, wenn man sich gut versteht. Mit unserem ersten Aupair haben sowohl wir als auch sie uns relativ schnell zurückgezogen. Ich habe gemerkt, dass sie mir eigentlich nicht wirklich was zu sagen hat und unsere Beziehung sehr stark vom Chef-Angestellten-Gefühl geprägt war. Damit konnte ich ünerhaupt nicht umgehen. Ich wollte kein Dienstmädchen bei mir im Keller haben. Ich wollte ein Familienmitglied bei mir im Wohnzimmer haben. 

Fünfter Punkt: Sprachkurs
Ich hätte nicht gedacht, dass es so schwer ist, einen vernünftigen Sprachkurs für ein Aupair zu finden. Das finde ich richtig ätzend. Aber vielleicht habe ich auch einfach Pech. Wir wohnen in einer komplizierten Ecke, am Landkreisrand, was übrigens auch den ÖVB-Ticketkauf erschwert. Aber daran liegt es nicht nur. Das Angebot ist einfach nicht dolle. Aus meiner Sicht wäre ein Sprachkurs gut, der drei Termine die Woche mit 4-5 Stunden hat. Das ist eine Anzahl, die es dem Aupair ermöglicht, intensiv zu lernen, aber auch unsere Bedürfnisse noch genauso intensiv zu berücksichtigen. Das gibt es aber nicht. Hier bei uns gibt es Kurse, die einmal die Woche stattfinden, für ein bis zwei Stunden, manchmal auch länger, und Kurse, die jeden Tag stattfinden für 4-5 Stunden, was auch nicht schlecht wäre, meiner Meinung nach, aber dauerhaft unrealistisch ist, weil es mit dem Pensum hier nicht vereinbar ist und ja auch zusätzlich noch viel gelernt werden muss und - und das ist das wohl schwerwiegendste Argument - ein solcher Kurs monatlich 290 Euro kostet. 
Wir versuchen unser Glück gerade mit kostenlosen Kursen für Migranten, sie besucht zur Zeit zwei und ich hoffe, dass wir damit erfolgreich sind. Das Geld, das sie dabei spart, reicht dann vielleicht für ein paar Intensivkurse etwas später. 

Sechster Punkt: Essen
Aus eigener Erfahrung weiß ich (ich war Austauschschülerin in den USA mit 15), dass die fremde Ernährung in einer anderen Familie eine der schwierigsten Erfahrungen ist. Ich kann die heimische Küche nicht ersetzen, aber ich weiß auch, wie sehr das Lebensgefühl von der Ernährung abhängt. Deswegen sollte man auch mit diesem Thema sehr sensibel umgehen. Ob ich das richtig mache, weiß ich nicht. Ich versuche mein Bestes.

Ich weiß nicht, ob ich richtig mache, was ich mache. Ich mache das auch zum ersten Mal. Es hilft aber sehr, mal laut darüber nachzudenken. Und vielleicht hilft es auch irgendwem da draußen.



Kommentare:

  1. Ich finde, das hört sich echt gut an! Schön, dass Du Dir Gedanken machst- und dann auch noch laut :-) Ich bin gespannt, wie es weitergeht bei Euch, LG JuSu

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  2. Das klingt echt gut - und ich bin mir sicher, dass sie merkt, dass du dir Gedanken machst, und das alleine schon ganz viel wert ist, für die Beziehung zwischen euch und für sie selbst!

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  3. "Ich wollte kein Dienstmädchen bei mir im Keller haben. Ich wollte ein Familienmitglied bei mir im Wohnzimmer haben." <3 Es liest sich so, als würdet ihr viel richtig machen!

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  4. Vielen, vielen Dank, das beantwortet viele meiner Fragen. Verena

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