Mittwoch, 22. April 2015

Kleine Schritte



Mittwoch, 3.30 Uhr. Ein ganz normaler Tag beginnt. Ich bin um 21 Uhr ins Bett gegangen, wo mein Mann ganz ausnahmsweise schon schlief, weil er die Nacht zuvor im Bad verbracht hat (die 6. oder 7. Runde Magen-Darm in diesem Haus/ in diesem Frühling), trotzdem ganz normal arbeiten war und deshalb um 20 Uhr umgefallen und liegen geblieben ist. 
Ich dagegen habe noch - auch ganz ausnahmsweise - ein wenig in meinem neuen Arbeitszimmer korrigiert. Denn eigentlich mache ich das abends nicht. Warum? Mein Korrekturstapel ist soooo groß, ich kann ihn nicht bewältigen. Es ist in etwa wie mit den Wäschestapeln gleich nebenan. Ihr kennt das. Ich schaffe es einfach nie, die wegzuwaschen. Da zaubert immer jemand neue Wäschestücke hin. Und wenn ich mich nach einem langen Tag mit Unterricht, Kinderbespaßung, jeder Menge Kommunikation auf allen Ebenen noch an einen dieser Stapel setze, baue ich eine solche emotionale Bindung zu ihm auf, dass ich nicht mehr schlafen kann, ohne an meine geliebten Stapel zu denken. 
Und so bin ich heute um 3.30 Uhr aufgewacht und da fiel mir mein Stapel ein. Da mein Wecker aber erst um 4.30 Uhr klingeln sollte, nutze ich die Zeit, um ein bisschen von meinem Wiedereinstieg zu berichten, der nun seit 9 Wochen läuft.

Ich habe fünf Klassen, drei Englisch, zwei Deutsch, insgesamt 17 Unterrichtsstunden - das entspricht in Bayern einer Teilzeit von etwa 70% (und damit kann ich mich glücklich schätzen) - plus 3 Bereitschaftsstunden (in denen ich in 90% der Fälle vertrete), plus Sprechstunde, plus eine Frühaufsicht ab halb acht, die von mir Anwesenheit in der Schule verlangen. Den Rest kann ich zu Haus machen oder in der Schule. Das gelingt momentan mehr schlecht als recht. Meinen Arbeitsplatz einzurichten hält immer noch an und die ewige Schlepperei von Büchern, Heften und Ordnern geht mir gehörig auf den Keks. Wenn ich es mir aussuchen könnte, hätte ich gerne einen kleinen Raum in der Schule nur für mich oder vielleicht noch ein oder zwei andere Lehrer, in dem ich arbeiten könnte. Ich würde das auch echt tun. Ich würde da morgens um sieben hinfahren und bis 16 Uhr bleiben. Völlig unabhängig davon, wie viel Unterricht ich hab. Ich wäre da. Man könnte mich auch ansprechen oder da auffinden, jederzeit. Aber in erster Linie könnte ich da echt arbeiten. Hier zu Haus geht das nur nachts. Tagsüber bin ich entweder selbst für die Kinder zuständig oder unser aupair (seit 10 Tagen) passt auf die Kinder auf. Wenn ich allerdings im Haus bin, ziehen die Kinder - verständlicherweise - mich vor, was dazu führt, dass ich nur arbeiten kann, wenn die Kinder nicht da sind oder schlafen. Das macht die Sache etwas kompliziert. 
Betreuungszeit ist von 7-15 Uhr. Die nutzen wir aus, aber mehr kann ich nicht haben. Diese eine Stunde, bis 16 Uhr. Sie würde mir so sehr helfen. Aber die Gruppe ist voll.
Und so stehe ich jeden Morgen um 5 Uhr auf. Und je nach Arbeitslevel wird das nach vorn geschoben. Nach den Osterferien am Samstag bin ich um 1 Uhr aufgestanden. Bis um 6 Uhr hab ich wahnsinnig was weggearbeitet. Die Woche lief auch gleich wie ne Eins. Aber um 6 Uhr war ich natürlich im Eimer. Und der Tag fing erst an. Grmpf.
In der Schule kann ich unter den gegebenen Umständen meine Ressourcen nicht richtig nutzen, weil immer jemand quatscht. Selbst im Silentiumraum. Lehrer sind da wenig besser als Schüler. Ich überlege schon Ohrenstöpsel, mit denen hab ich mir im Ref geholfen. Aber das ist schon arg verzweifelt.
Spaß habe ich weiterhin. Die Arbeit ist anstrengend, aber ich bin gern im Unterricht und ich korrigiere sogar gern, gestern Abend zum Beispiel waren ein paar sehr schöne Übungsaufsätze von SechstklassEltern dabei. Da merkt man immer, die haben in der Grundschule schon gelernt, dass es nur und ausschließlich um Noten geht. (Und haben wahrscheinlich die Erfahrung gemacht, dass es für solche Hausaufgaben Noten gibt). 
Ich würde auch sagen, dass ich inzwischen eingespielt bin. Das Chaos lässt etwas nach, ich habe mich für eine Fortbildung angemeldet (re:publica! jej!!) und ich erlebe in Woche neun den ersten Klassenwechsel, der nicht mal mein Blut in Bewegung gebracht hat. Ich schaffe das, denke ich in diesen Momenten.
Und dann komme ich nach Hause, sehe, dass meine Kinder seit Wochen zum Friseur müssen, schaffe es wieder nicht zum Spielplatz (aussichtslos in der Woche), sehe meine Kochbücher anstauben, schiebe den Stapel ungelesener Bücher auf dem Nachtisch um und num und höre vom aupair, dass meine Kleine erste begleitete Schritte gemacht hat und niemand das gefilmt, fotografiert oder sonst irgendwie festgehalten hat. Und dann denk ich, das haut doch alles nicht hin? Was mach ich da bloß?
Dann überlege ich, wie ich aus der Nummer wieder rauskomme? Ein bisschen Elternzeit, das wäre doch was. Ein bisschen weniger arbeiten, ein bisschen mehr schreiben. Ein bisschen mehr Freizeit, ein bisschen mehr Luft, ein ganz kleines bisschen mehr Schlaf.
Aber dann telefoniere ich nach langer Zeit eine Stunde mit einer Studienfreundin, habe einen tollen Tag bei einer Pflanzaktion vom Dorf oder esse die Palatschinken, die mir unser aupair um 20 Uhr macht, weil ich bei der ersten Palatschinkenrunde um 18 Uhr keine abbekommen habe (die Kinder haben sie eingeatmet) und denke: Kleine Schritte. Ganz kleine. Und dann wird das.

Kommentare:

  1. Oh wow, 17 Stunden bei Englisch und Deutsch (die Killerkombi schlechthin) - da ziehe ich den Hut! Da sind deine Wünsche nach etwas mehr Luft wirklich sehr bescheiden. Ich wünsche dir viel Schlaf, eine Zugehfrau für den Wäscheberg (auch im übertragenen Sinne) und hoffe weiterhin ganz viel von dir zu lesen! Liebste Grüße aus der Elternzeit, Maarika

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    1. Vielen lieben Dank. Um ehrlich zu sein ist mir manchmal der Wäscheberg sogar ein willkommener Fluchtpunkt.

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  2. So ist es wirklich. Kleine Schritte - mehr Routine - die Kinder ein paar Minate älter und es wird von mal zu mal besser. Versprochen.
    Ich drück dich!

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  3. Oh, Re:Publica hab ich dieses Jahr nicht als Fortbildung durchgekriegt an der Arbeit :-), aber ich freu mich auch schon ganz doll drauf. Und letztes Jahr hatten sie ein paar richtig interessante Schulbeispiele - und jede Menge andere Themen natürlich

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    1. Ich hab mich sehr gefreut, dass es geklappt hat. Bei mir läuft das über Sonderurlaub zu Fortbildungszwecken. Ich nehme an, da sind die Regeln nicht so streng. Aber vielleicht hab ich auch einfach nur wirklich coole Chefs.

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  4. Da würde auch Frische Beides Überschrift von heute “Mütter sind nicht so belastbar“ passen. Du bist mit deiner Energie und Entschlossenheit jedenfalls für mich das beste Gegenbeispiel.
    LG, Micha

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  5. WOW! Wahnsinn wie du das mit dem Pensum machst und dann auch noch mitten in der Nacht aufstehst.
    Ich wünsche dir auch ein kleines bisschen mehr Luft für alles. Aupair find ich schonmal ne tolle Sache.

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    1. Naja, das mitten in der Nacht aufstehen ist mehr oder weniger dem Nicht-schlafen-Können zu verdanken. Ob das so eine tolle Sache ist, weiß ich nicht. Aber ich denke, das wird besser. Wir sind ja auch immer noch mit Ankommen beschäftigt.

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