Sonntag, 22. März 2015

Liebe Alleinerziehende,

ich wollte dir schon lange mal schreiben, aber mir fehlte in letzter Zeit das, was du wahrscheinlich nur noch aus der entfernten Erinnerung kennst. Muße. Manchmal, wenn ich mit kinderlosen, sehr jungen Menschen über meinen Alltag rede und ganz tief in ihre Augen schaue, sehe ich ihn. Den Blick. Den Blick der Unwissenheit. Sie nicken, haben Verständnis, wollen ganz bei mir und meiner aktuellen Alltagsgeschichte sein, aber sie wissen nicht. Sie wissen nicht, wie es wirklich ist, mein Leben. Und das muss auch so sein. Genau dieser Blick ist es, liebe Alleinerziehende, den ich dir schickte, bis ich irgendwann mal ein bisschen von deinem Leben kostete und nun weiß. 

Ich weiß, warum du bei Gesprächen nie ganz anwesend bist. 
Ich weiß, warum du jede Minute des Tages mit aktiver Geschäftigkeit füllst. 
Ich weiß, warum du abends als letztes, in der Nacht immer mal wieder und morgens als erstes denkst, "Ich müsste eigentlich noch was tun."
Ich weiß, warum du manchmal, und manchmal auch sehr manchmal denkst, "Was ist, wenn mir was passiert?"
Ich weiß, wie es sich anfühlt, immer weitermachen zu müssen, aber manchmal nicht richtig zu wissen, wie. 
Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn du die einzige Ansprechpartnerin für ein oder mehrere Personen im Haus bist. 
Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn die Kinder mit enttäuschten Gesichtern fragen: "Wo ist der Papa?"
Ich weiß, dass deine Zeit immer zu schnell verfliegt. 
Ich weiß, dass der Glücksmoment deines Tages manchmal darin besteht, dass du doch noch ein halbes Brot im Haus hast und nicht nochmal mit allen Kindern los musst.
Ich weiß, wie lang so eine Woche sein kann und wie es sich dann anfühlen muss, wenn das Wochenende erst noch kommt.
Ich weiß, dass Pausen sich nie wie echte Pausen anfühlen, weil du die wenige Zeit, die du hast, nutzen MUSST.
Ich weiß, dass ein Abend, an dem niemand da ist, mit dem man gemeinsam seufzen kann, auch nur wieder einer dieser Abende ist.
Ich weiß, wie es sich anfühlt, Einladungen zu bekommen, sie lächelnd anzunehmen, in dem Bewusstsein, dass die Energie dafür sowieso fehlen wird. 
Ich weiß, warum du immer diesen gehetzten Blick hast.
Ich weiß, warum du die Momente auf der Arbeit genießt, dabei aber immer wieder ängstlich auf dein Telefon starrst, weil sie immer DICH anrufen.
Ich weiß, wie wichtig dir deine Routine ist. Das Gefühl, dass alles jeden Moment auseinanderfallen könnte, ist einfach zu präsent.

Aber was ich nun vor allem genau weiß ist, dass ich, wenn wir uns noch einmal begegnen würden, dir anstelle meines verständnisvollen, aber unwissenden Blicks lieber ein paar Stunden Muße schenken würde.

Dieser Brief ist einer lieben Bekannten aus Budapest gewidmet. Mutter von zwei Töchtern. Wo auch immer du bist, du hast einen Platz in meinem Herzen.

(Alleinerziehend bin ich übrigens nur von Montag bis Freitag immer mal wieder. Es kann sich hier also nur um einen klitzekleinen Ausschnitt der Wahrheit handeln.)

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