Montag, 16. März 2015

Fremd im eigenen Land

Ich bin Migrantin. Ich fühl mich nicht nur so, ich bin eine. Denn unabhängig davon, dass gerne behauptet wird, die Mauer in Deutschland wäre gefallen, spüre ich sie seit meiner Rückkehr nach Deutschland deutlicher denn je. Und es geht dabei nicht um die innerdeutsche Mauer, sondern die in den Köpfen der Menschen. Die, die den Unterschied macht zwischen den Menschen, die immer in der eigenen Suppe schwimmen und nicht mal wissen, wie es am Tellerrand aussieht, geschweige denn darüber hinaus, und denen, die eben hinter besagtem Tellerrand leben, um ab und zu nur mal zu schauen, was auf dem Teller so los ist.

Ich bin Migrantin, denn ich bin entwurzelt. Heimat, ich weiß nicht genau, was das ist. Geboren in der DDR, aufgewachsen im vereinten Deutschland, mit Lehrern, die mal eben in Wochenendkursen von Russisch auf Englisch und von Stabi auf Politische Bildung umschulten. Aufgewachsen in Brandenburg, wo die meisten nach der Wende weg und inzwischen wieder viele hinwollen. Aufgewachsen in einer Stadt, in der es für die Jugend nur wenig Zukunft gab, in einer Region, in der es irgendwann nur noch Sand geben wird, wie unsere Erdkundelehrer gern dramatisierten. Heimat, das war für mich lange die Kleinstadt, aus der ich weg wollte. Und aus der ich dann auch dauerhaft weg ging.

Vor ein paar Jahren hab ich dann meine Liebe zu Ungarn entdeckt. Ich zog nach Budapest, arbeitete drei Jahre dort an Schule, Universität und Goethe-Institut. Ich baute eine Wohnung, fand Freunde, gründete ein Zuhause, gebar meine beiden Söhne und kam an. Ich lernte die Sprache, las die Romane, aß die Torten und regte mich gemeinsam mit meinen Mitmenschen leidenschaftlich über die Politik auf. Und während all das passierte, wurde die Stimmung im Land stetig schlechter und die Politik immer rechter. Wir gingen. Und ich verließ zum zweiten Mal meine Heimat. Und diesmal nicht weil ich weg wollte. Sondern weil ich musste.

Und nun bin ich hier. Fühle mich fremd. Mein eigenes Land und doch so fremd. Die Kinder kommen nach Haus und sagen beim Abendessen: "Jesses, Maria und Josefa". Sie falten die Hände vor dem Essen zur Danksagung und der Schützenverein lädt mich zum Bockschießen ein. Ich führe Gespräche über meine Biografie, in denen immer die Sätze fallen: „Ja, aber die Lebenshaltungskosten in Ungarn sind ja viel niedriger” und „Die können halt nicht alles haben! Man muss sich unseren Standard auch erstmal erarbeiten.” Diese Gespräche wecken in mir jedes Mal den Wunsch, das Land zu verlassen, um mich wenigstens berechtigterweise fremd zu fühlen. Aber ich stecke hier fest. Ich füttere meine Kinder mit Gelbwurst, übe mich im Dialekt, aber komme doch nie an. Ich fühle mich heimatlos. Und ein bisschen müde. Home is where the heart is, lautet ein Sprichwort. Das kann gut sein. Aber was, wenn man sein Herz unterwegs irgendwo verloren hat? 

Kommentare:

  1. Hallo Heike,

    ich lese schon länger - mit Interesse - dein Blog, bin aber oft auch anderer Meinung !

    Deine Situation kann ich sehr gut nachfühlen - und wahrscheinlich viele andere auch !

    Ich kenne dieses Gefühl - wenn auch aus ganz anderen Konstellationen heraus - durch lange Jahre der emotionalen und tatsächlichen Heimatlosigkeit .

    Dein Text ist toll - du solltest ihn auch außerhalb deines Blogs veröffentlichen,
    ich bin sicher, er hätte große Resonanz !

    LG nikki

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    1. Wenn ich Komplimente lese, die so beginnen, werde ich ja immer neugierig...., 'aber wo ist sie denn nun anderer Meinung und warum schreibt sie das nicht auch mal?'
      Vielen Dank!

      LG
      Heike

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  2. Liebe Heike, ich lese hier auch schon länger mit (und sehr gern). Dieser Text hat mich berührt, auch wenn ich nie länger "woanders" gelebt habe. Aber Deine Gefühle kann ich gut nachvollziehen, vielleicht, weil ich nun schon seit vielen Jahren sehr viele hundert Kilometer von meiner Familie entfernt wohne. Und mich immer noch manchmal schwer tu, mir dem Hier und Dort, dem Ankommen und Abreisen.

    Wie auch immer, ich wollte nur mal hierlassen: Ich mag Dein Blog sehr sehr leiden.

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  3. Liebe Heike, man kann richtig spüren, dass du irgendwie nicht glücklich bist. Vielleicht ist das Bundesland Bayern auch nicht dein Ding??? Oder ist es eventuell dort schöner, wo dein Mann arbeitet? Aber schon wieder ein Umzug...? Fragen über Fragen, die du dir sicher jeden Tag stellst. Ich hoffe sehr, dass du bald deine innere Heimat findest.
    PS: dein Blog ist wirklich toll. ;-)
    Dörte

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  4. Das kenne ich nur zu gut. Und dabei habe ich nie außerhalb Deutschland gelebt und bin "im Westen" geboren.
    Ich lebe nun seit 22 Jahren hier im schönen Bayern- aber zugehörig fühle ich mich nur bedingt. Wir sind so oft umgezogen, dass ich heute noch nicht gerne Koffer packe. Bisher habe ich auch immer ganz gut Anschluß gefunden. Seit 2 Jahren lebe ich nun wieder mit der Familie auf dem Dorf- so richtig! Anschluss finde ich hier nur schwer- auch ich werde mit den Omas und Opas am Kindergarten nur schwer warm und kenne die Eltern oft nichtmal vom sehen.
    Da ich kein Vereinsmensch bin (jedenfalls nicht für Schützenverein und Seniorenturnen) dauert es diesmal länger. Aber das wird schon noch- bestimmt!
    Liebe grüße Sarah

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