Freitag, 12. Dezember 2014

Ziemlich krank

Erinnert ihr euch noch an diesen Text hier: Mein größter Kompromiss ?
Ich schrieb über mein Aufnahmegespräch in der Rehaklinik für Essstörungen. Das Gespräch ist 13 Jahre her und ich war vier Monate dort. Typisch für die Therapie von Essstörungen sind sogenannte Phasenprogramme, die den Patienten - je nach Therapieverlauf - einen breiteren Aktionsradius erlauben, bzw. ihre Möglichkeiten komplett einschränken. Bei Essstörungen wird häufig ein wöchentliches Gewicht vereinbart, das man zu- oder eben mitunter auch abnehmen sollte, als Teil der Therapie. Wird das Gewicht nicht erreicht, werden Privilegien entzogen. Bei der Einweisung hatte ich schon 5 Kilogramm zugenommen und wog 53,7 kg. Eine Woche später, am 12.1. hätte ich 500 g zunehmen sollen, wog aber stattdessen 53,6 kg. Ich kam in Phase 1, die mit den wenigsten Privilegien und den größten Einschränkungen. Dazu gehörten: 5 Mahlzeiten am Therapeutentisch, ständiger Aufenthalt auf dem Zimmer außer zu den Therapiezeiten, Ausschluss von Physiotherapie, morgendliches und abendliches Wiegen, kein Ausgang und abendliches Tagebuchschreiben für den Therapeuten. Stellt euch vor, ich hätte das Tagebuch aufgehoben. Dies wäre mein erster Eintrag.

Freitag, den 12.1.2001

Leider war ja heute keiner anwesend, der diese Aufgabe hätte übernehmen können, mir diese Wut im Bauch nehmen. Ich hab echt alles versucht. Aber freitags ist man hier offenbar auf sich gestellt.
Mit allem hätte ich heute Morgen gerechnet, aber nicht damit, dass mir 100 g fehlen und ich in die Phase muss. Echt. Ich bin die letzte, die in diesem Irrenhaus dahinein gehört, und ich finde es eine Sauerei, weil wir 
erstens noch gar kein Zielgewicht vereinbart hatten und ich mir deswegen sowieso unsicher war wegen, ja wie viel denn nun eigentlich? 
und zweitens weil wir überhaupt noch gar nicht über diese Geschichte gesprochen haben. Ihr scheint nicht zu wissen, was ihr mir damit antut, wenn ihr mich diesem Druck aussetzt und mich zwingt auf meinem Zimmer zu bleiben, und stattdessen zu fressen und zu fressen. Wenn Sie sich mal mein Essprotokoll angeschaut haben, dann wissen Sie vielleicht, dass ich mir echt Mühe gegeben habe. 

Was heißt Mühe geben? Es hat wirklich geschmeckt und ich hab echt viel gegessen und es hat mir trotzdem ein gutes Gefühl gegeben, weil ich wusste, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Ich will zunehmen und zwar gerne, aber mit diesem Druck, dem ich jetzt ausgesetzt bin, schafft ihr mir ein Problem, wo gar keins war. Sie dürfen nicht vergessen, dass ich neben dieser Essstörung auch eine Angststörung habe. Sie können sich ungefähr vorstellen, wie es für einen Angstpatienten ist, wenn folgendes eintritt. Ich habe endlich (nach mittlerweile sechs Monaten) wieder Spaß daran gefunden, rauszugehen. Sechs Monate habe ich mich freiwillig eingesperrt zu Hause, in der Klinik und im Betreuten Wohnen. Sechs Monate hatte ich Angst vor die Tür zu gehen, mit der Bahn zu fahren, alleine zu sein, in Supermärkte zu gehen, in der Schlange zu stehen oder im Kino zu sitzen.
Langsam beginne ich jetzt auch hier, mich besser zu fühlen und ich habe mich heute wirklich gut gefühlt. Ich fange an, es zu genießen, rauszugehen und mich nicht nur zu zwingen, rauszugehen, sondern Freude daran zu haben.  
Außerdem habe ich seit langem das erste Mal wieder Sport getrieben und zwar nicht, weil ich abnehmen wollte oder mein Gewicht kontrollieren wollte, sondern weil es einfach schön ist, seinen Körper zu spüren und Sport zu machen. Ich hatte auch davor in den letzten sechs Monaten Angst. Mein Herzschlag. Der hat mir Angst gemacht. Ich konnte das Gefühl nicht ausstehen, mein Herz schlagen zu hören und habe deswegen jegliche körperliche Aktivität gemieden. Können Sie sich vorstellen, wie furchtbar das ist? Du fühlst dich wie eingesperrt.  Du lebst noch, aber das eigentliche Leben macht dir nur Angst. Hier konnte ich endlich einen ersten Schritt in die richtige Richtung gehen und was passiert?
Weil ich 100 g zu wenig wiege, darf ich nicht weiter machen auf diesem Weg. Ich könnte kotzen, ganz ehrlich. Und es kotzt mich noch mehr an, dass ich tatsächlich wieder das Bedürfnis habe, zu kotzen. Diese Wut, die ich in meinem Bauch hab, hat heute gleich dazu geführt, dass mir das Essen vor dem Magen stehen geblieben ist. Aber ich wusste, ich muss trotzdem essen, weil ich sonst ja noch mehr Gewicht verliere. Und diese Panik verfolgt mich nun. Ist das Ihre Vorstellung von Gesundung? Ich bin verdammt wütend auf mich selbst, dass ich dieses Scheiß Phasenblatt überhaupt unterschrieben habe. Am liebsten würde ich hier wieder verschwinden, aber das mach ich nicht. Ich warte jetzt einfach erstmal bis Montag ab und dann bestehe ich auf einer Sondervereinbarung. Sie können mich hier einfach nicht so einsperren!

Was mich am meisten ankotzt, ist, dass ich überhaupt nicht damit gerechnet hatte. Denn, wenn das der Fall gewesen wäre, hätte ich einfach mit dem Gewicht bescheißen können, wie alle anderen auch hier. Ein paar Gläser Wasser heute vor dem Wiegen hätten ja schon ausgereicht. Aber weil ich mir sicher war, dass ich zugenommen hatte, warum hätte ich das tun sollen? Sehen Sie, was dieses bescheuerte Phasenprogramm mit mir macht? Ich denke darüber nach, Wasser zu trinken, um mehr zu wiegen. Wie krank ist das denn?

Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, das war ziemlich krank.


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