Dienstag, 23. Dezember 2014

Bild einer Reinigungsfrau

Nach dem Lesen eines meiner frühen Werke (ich muss ungefähr 14 gewesen sein), sagte mein Bruder einmal zu meiner Mutter: "Ja, Scheiße kannse wirklich gut schreiben."
Die Gelegenheit dazu nutzte ich auch gern im Deutschunterricht. Twitter gab es 1995 noch nicht.

Aufsatztyp: Bildbeschreibung, Klasse 8 - Wie würdet ihr diesen Text bewerten?
"Um der Aufforderung, ein Bild meiner Wahl zu beschreiben, zu folgen, habe ich mich auf die Suche nach einem Bild gemacht, welches durch die perfekte Zusammenstellung von Form und Farbe so aussagekräftig ist, dass es für sich spricht und meiner Beschreibung nicht bedarf. Leider fand ich kein solches Bild. Also wählte ich ein bedeutendes Werk des 20. Jahrhunderts. Es ist eines der späteren Werke (80er Jahre) und heißt "Unsere Reinigungsfrau".
Es wurde sehr genau gezeichnet, denn es ist sehr gut zu erkennen, was beziehungsweise wer gemalt wurde. Die Reinigungsfrau ist eindeutig als solche zu identifizieren, da sie das für ihren Beruf typische Werkzeug in der Hand hält - den Besen. Die Reinigungsfrau spielte für die Künstlerin sicher eine sehr wichtige Rolle, denn wie sonst würde sie auf die Idee gekommen sein, sie zu malen.
Vielleicht war sie eine sehr hübsche Putzfrau und die Künstlerin dachte, sie würde sich gut zum Portraitieren eignen, was aber beim Anblick des Ergebnisses nicht wirklich als vorstellbare Alternative erscheint. Aber vielleicht spielte sie ja auf irgendeine andere für uns schwer nachvollziehbare Weise eine wichtige Rolle. 
Über die Farbwahl lassen sich nur Vermutungen anstellen, etwa dass braun von der Künstlerin als besonders schön empfunden wurde und sie die Reinigungsfrau durch die Verwendung dieser Farbe verschönern wollte. Vielleicht ist aber auch das Gegenteil der Fall. Es ist allerdings auch durchaus vorstellbar, dass alle anderen Farbtöne einfach ausverkauft waren. 
Der große Mund der Reinigungsfrau erscheint wild und brutal. Vielleicht hat die Putzfrau oft rumgeschrien und damit der Künstlerin Angst eingejagt. Ihre weit aufgerissenen Augen jedoch zeugen vielmehr von einem Angstgefühl, das der Putzfrau innewohnt. Dieser Eindruck wird durch die wild zerzausten Haare und die krallenartigen, zur Abwehr geformten Hände noch verstärkt. Woher diese Angst? Ich kann nur spekulieren und das will ich nun auch tun:
Es drängt sich mir der Gedanke auf, dass die Künstlerin einen Eindruck von "harter Schale - weicher Kern" vermitteln wollte. Denn die Putzfrau sieht einerseits sehr monströs, andererseits sehr zerbrechlich aus. Wahrscheinlich hat die Putzfrau bei ihren Begegnungen mit der Künstlerin immer böse und wütend geschaut, aber wenn die Künstlerin sie genauer anschaute, konnte sie Lachfältchen erkennen und schloss daraus, dass sie nicht immer nur böse gewesen sein konnte. 
Das Bild ist ein in sich geschlossenes Kunstwerk und die Zeichnung als solche ist doch sehr gelungen. Nun ja, dafür müsste man wahrscheinlich die Reinigungsfrau sehen.

Und? Welche Note?

Kommentare:

  1. als Unterrichtende sage ich :


    die Schülerin zeigt viel Freude bei der Erledigung dieser (Haus-) Aufgabe - auch oder gerade, weil sie zunächst vielleicht verärgert über diese Aufgabe war;

    die Schülerin zeigt, dass sie erkannt hat, wie Sprachmittel eingesetzt werden,
    das Erkennen der Existenz eines bestimmten Sprachduktus aus zweckgebundenen Gründen - das ist viel für die achte Klasse viel und hätte von der Schülerin damals wahrscheinlich auch nicht so in Worte gefasst werden können;

    last but not least: Witz und Ironie bei der Lösung von Aufgaben ist oft ein Highlight in der Arbeit mit Jugendlichen und - leider, leider, schleift sich im Lauf des Lebens oftmals ab;

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    1. Hach, wie schön. Da freut sich mein Schülerinnenherz.

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  2. Liebe Heike,

    ich habe diesen Post schon vor einigen Tagen auf dem Handy gelesen, laut gelacht und mich gefragt, ob du das wirklich abgegeben hast? Das finde ich schon mal bewunderswert mutig, abgesehen von der Kreativität, die aus deiner Bildwahl spricht. Ich finds genial, ob das deine Lehrerin aber auch so bewerten konnte, weiß ich nicht - die Anforderungen an den Text sind mir ja nicht bekannt. Aber ich wünsche der Achtklässlerin, dass ihre Lehrerin so viel Humor hatte, dass sie diese Arbeit auch so gut bewertet hat wie ich das spontan tun würde.

    Liebe Grüße,
    Steffi

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