Freitag, 28. November 2014

Mein Kind muss essen, schlafen, fröhlich sein

Ich habe als Mutter, Lehrerin, Sprachenlernerin und hobbymäßige Sturköpfin eine ganz klare Meinung darüber, was ein Kind im Alter von 4 Jahren können muss. Es beschränkt sich auf drei Hauptaktivitäten: Essen, schlafen und fröhlich sein. Alles andere ist ein Plus, aber kein Muss. So kann mein Sohn mich zum Beispiel mehrmals hintereinander mit und ohne Schummeln in Lotti Karotti schlagen, ohne dass ihm (mir schon ein bisschen) dabei langweilig wird. Leider wurde das heute beim Kinderarzt bei der U8 nicht getestet. Und so ging ich mit der Diagnose Dysgrammatismus nach Hause, weil mein Kind nicht alles kann, was es muss.


Das Kind, es geht um Kind P, wurde auf Sprache getestet. Ich habe mich dabei auch sehr amüsiert, denn das Kind wird immer witziger, vor allem in solchen Testsituationen. 

So sollte er zum Beispiel auf einem Blatt Gegenstände benennen. Es handelte sich dabei um ganz einfache Begriffe wie Blume und Bett. Der Arzt fragte: Was ist das? Das Kind sagte: Ein Bett. Der Arzt fragte: Was ist das? Das Kind sagte: Eine Blume. Der Arzt fragte: Was ist das? Das Kind sagte (der Drucker ging plötzlich an): Mach du alleine weiter. Ich muss da was kucken! 

Dann sollte das Kind beweisen, dass es Steigerungsformen beherrscht. groß - größer - am größten. Der Arzt hatte ein Blatt, darauf waren vier Lebkuchenmänner. Der erste war kaputt. Der zweite war vollständig, der dritte war etwas hübscher und der vierte war am schönsten. Der Arzt zeigt auf Nummer eins und sagt: Der ist schlecht. Dann auf Nummer zwei: Der ist gut. Dann auf Nummer drei: Und der? Das Kind sagt: Der ist schön. Der Arzt zeigt auf Nummer vier: Und der ist am..?? Das Kind sagt: Der ist auch schön. Nächste Frage. (Durchgefallen übrigens)

Nächster Test: Das Kind soll zeigen, dass es die Pluralendungen beherrscht. Es beherrscht den Plural. Die Pluralendungen beherrscht es noch nicht, weil es im Ungarischen keine Pluralendungen gibt. Aber das spielt keine Rolle. Der deutsche Plural ist eine sehr wichtige Sache. Wenn man den nicht kann, dann kann man den Arzt gar nicht immerzu unterbrechen, indem man ihn immer lauter, leicht mahnend, anspricht: "Ich möchte aber viele, viele Gummibärchen. Nicht nur eins." Jaja, das mit den Bärchen ist halt ein blödes Beispiel, ich weiß. Aber stellt euch vor: Einen der wichtigsten Unterschiede für die Lebenserhaltung kennt er schon. Geld hat keine Pluralendung. "Mama, hast du  VIEL Geld?"

Die Testliste ist lang, aber ich langweile ungern. Die Diagnose: Das Kind hat einen -ismus. Das ist gut. Denn das kann man behandeln. Man kann etwas tun. Das ist doch schön. Es wäre ja fatal, wenn das Kind etwas hätte, wo man nichts tun könnte oder gar müsste. Und wie wir alle wissen, besteht dringender Handlungsbedarf. Das Kind ist vier. Es muss auf einem Bein hüpfend, grammatikalisch korrekt singend, Strichmännchen in den drei Grundfarben zeichnen können, um sie hinterher zu zählen und dabei versuchen, möglichst lange still zu sitzen. Essen, schlafen, fröhlich sein. Das wird nicht reichen, liebe Mama. Denn spätestens in der Schule, da... spätestens dann...
Schade eigentlich.




Kommentare:

  1. Ein Erlebnis dieser Art hatte ich vor ein paar Tagen. Meine Jungs müssen laut Arzt von einer Logopädin behandelt werden. Unbedingt. In einem Jahr. Dann, wenn sie vier Jahre alt sind.

    Der Arzt war ein Zahnarzt und konnte das im Zuge der Vorsorgeuntersuchung an den Milchgebissen erkennen. Gesprochen haben meine Söhne kein Wort mit ihm. Erst, als wir die Ordination verließen, fragten beide in korrektem Deutsch (Artikulation und Grammatik einwandfrei): "Mama, was ist eine Logopädin?"

    Und ja, essen, schlafen, fröhlich sein, das können meine Jungs ganz wunderbar.
    Liebe Grüße
    Paula

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  2. Meine Güte! Das wurde bei meiner Tochter überhaupt nicht getestet. Damals war sie so unfassbar schüchtern in der Untersuchung, dass sie nur einsilbig geantwortet hat. Ich wurde gefragt, ob sie gut spricht, ich sagte ja. das wars. Hüpfen mußte sie auch nicht. Tut mir echt leid für Euch, aber verrückt machst Du Dich deswegen jetzt ja nicht.

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    1. Diese Vorsorgeuntersuchungen werden sehr unterschiedlich gehandhabt, meine ich. Da gibt es wahnsinnig viel Spielraum. Meiner hat sich unter anderem deshalb relativ zügig verteidigt, dass er überhaupt keine Gespräche mit mir führen müsse, als ich die Diagnostik in Frage stellte.

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  3. Der große kleine Mensch (5, einsprachig) ist beim bilden der Vergangenheitsform von unregelmäßigen Verben manchmal unsicher. Dann bildet er einfach die regelmäßige Form. Ebenso beim Plural. Die Regeln sind ihm also klar. Die Abweichungen der Regel noch nicht ganz. Führte bei der letzten Vorsorgeuntersuchung auch dazu, dass die Frau, die diese Sprachtests gemacht hat, ins Protokoll schrieb, er habe Schwierigkeiten mit der Grammatik. Der Kinderarzt fand das zum Glück nach seinem Gespräch mit dem großen kleinen Menschen nicht. Ansonsten wäre ich nämlich ähnlich aufgebracht wie du.
    Was dieses Ding mit der Bilingualität angeht, scheinen manche Ärzte echt hinterm Mond zu wohnen. Höre ich hin und wieder mal, dass die da seltsam unentspannt sind, wenn ein dreijähriges zweisprachiges Kind im Deutschen nicht so viele Wörter kann wie ein einsprachiges. Aber klar, ein unverständliches Wort für den Arzt gildet halt nicht...

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  4. Ich kann wieder mal nur laut lachen und mit dem Kopf schütteln. Wir hatten eine gleichwertige Situation diese Woche. Ich kann da nur kurz laut drüber lachen, etwas anderes fällt mir dazu nicht mehr ein. Ganz liebe Grüße, Diana.

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  5. Unglaublich! Wie gut, dass meine Kinder nie so getestet wurden. Die durften einfach nur schlafen, essen, spielen, fröhlich sein. Und das reicht völlig!

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  6. War das vielleicht schon die Schuleingangsuntersuchung?
    LG, Micha

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  7. Klar kannst du dich über die Untersuchungen lustig machen - und der aktuelle Förder- und Diagnosewahn lädt ja auch direkt dazu ein - dennoch würde wohl keine Mutter auf die Möglichkeit eines kostenlosen, umfassenden und zeitlich ab Geburt eng getakteten Untersuchungsprogramms verzichten wollen;

    und wer sein Kind gesund und fröhlich im Leben stehen sieht: um so besser,
    es besteht keinerlei Zwang zu einem Besuch beim Kinderarzt !

    LG Lilo


    Wer sich als Mama

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    1. Liebe Lila,
      ich möchte behaupten, ich könnte darauf verzichten. Das Vorsorgeuntersuchungsprogramm ist Pflicht. Es besteht also sehr wohl Zwang. Dieser Zwang hat seine Ursachen. Aber es besteht eben auch ein Untersuchungs-, Diagnostik-, und Therapiewahn, der nicht im Wohl des Kinde begründet ist. Darin - und insbesondere im Testverfahren für den Bereich Sprache - lag meine Kritik.
      Liebe Grüße und danke für deinen Kommentar.

      Heike

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    2. Entschuldige, es heißt natürlich Lilo. Da war die Autokorrektur im Spiel.

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  8. Liebe Heike,

    da bin ich ja froh, dass wir eine sehr entspannte Kinderärztin haben. Ich erinnere mich an "Wie heißt der Mann vom Huhn?" Meine Tochte antwortete "Bauer" und die Ärztin konnte vor Lachen kaum noch atmen. Wer weiß, in welches Nachhilfeinstitut wir von einem anderen Ärzt geschickt worden wären!

    Die Antworten deines Sohnes finde ich pfiffig. Deshalb stellen sich mir zwei Fragen: Werdet ihr den Kinderarzt wechseln? Und wo und wie und müsst ihr jetzt den -ismus beseitigen?

    Ich wünsche deinem P., dass er weiter essen, schlafen und fröhlich sein darf. Der restliche Stress beginnt noch früh genug.

    Liebe Grüße,
    Frau Pappelheim

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