Dienstag, 28. Oktober 2014

Wie ich die schönste Sprache der Welt lernte

12. Können Sie in einem Dialekt fluchen?


Nein. Aber ich kann das in einer fremden Sprache. In einer, die aufgrund der aktuellen Situation im Ursprungsland auch hier in Deutschland immer mehr, aber immernoch sehr wenige verstehen. (Im Kindergarten sind es allerdings mittlerweile pro Gruppe mindestens ein bis zwei Kinder. Ich muss mich also zusammenreißen.) Und ich kann das so gut, dass ich inzwischen nicht mehr sicher sein kann, dass die Kinder, die ungarischen Flüche, die sie beherrschen, nur vom Papa (oder überhaupt von ihm?) gelernt haben. Warum? Das ist ganz einfach. Zum einen bin ich vielleicht ein Bauer (dazu schrieb ich schon einmal hier) und das meine ich nicht richtig ernst. Und zum anderen habe ich die ungarische Sprache erst richtig durchs Fluchen gelernt.

Ungarisch ist eine wunderschöne Sprache. Sie wird oft als eine der schwierigsten Sprachen der Welt bezeichnet. Aber das halte ich für Quatsch. Auch wenn es mir durchaus schmeichelt, denn ich habe sie gelernt. Bezwungen sozusagen. Ob eine Sprache schwierig ist oder nicht, das hat dennoch viel mehr mit dem zu tun, der sie lernt und mit der Ausgangssprache der jeweiligen Lerner/innen. Und so hat vielleicht auch die Tatsache, wie jemand eine Sprache lernt, viel mit dem zu tun, der sie lernt?!? Was sagt das jetzt über mich aus? 
Ich habe Ungarisch in der Schule gelernt. Aber nicht so, wie die meisten Schüler in der Schule nicht Englisch oder nicht Latein oder nicht Französisch lernen und nur ihre Zeit absitzen, sondern als Lehrerin. Von Schülern. Und genau deswegen bin ich auch so gut im Fluchen.
Als ich meinen Mann kennen lernte, war ich 23 und hatte mit Ungarn nichts am Hut. Ich war nicht ganz so tellerrandblind wie viele in meiner Umgebung. So wusste ich durchaus, dass die Hauptstadt von Ungarn Budapest und nicht Bukarest ist. Dennoch wusste ich über Ungarn eigentlich nur eins: Dass ich nichts über Ungarn wusste. 

Vier Jahre später zog ich vollständig dorthin, im Herbst 2007 trat ich meine erste Stelle als Lehrerin an einer Fachmittelschule in Budapest an. Meine Sprachkenntnisse waren ungefähr zwischen A2 und B1. Ich konnte also Tomaten kaufen und einen Metrofahrschein. Und ich konnte meiner (inzwischen) Schwiegermutter glaubwürdig vermitteln, dass ich wirklich keinen dritten oder vierten Nachschlag wollte. Zum Überleben im Alltag reichte es also. Zum Arbeiten in der Schule... Nun, es war ein Abenteuer. 

Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie ich ein paar Tage nach Unterrichtsstart vor einer meiner Stunden das Klassenzimmer betrat und zeitgleich das Wort "kurva" hörte. Ich drehte mich um, signalisierte mein Entsetzen darüber und der Tag war gelaufen. Der Schüler war perplex, er hatte gar nicht mich gemeint. Er hatte nur vergessen, den "kurva"-Modus abzuschalten, bevor ich reingekommen war. Bei diesen Jungs war nämlich alles kurvageil, kurvacool, die Autos waren kurvamäßig schnell, der Alkohol hatte am Wochenende voll kurvamäßig reingehauen und die Tussi neulich an der Straßenbahnstelle, also die hatte wirklich kurvamäßig ausgesehen. Was natürlich ein ausgesprochenes Kompliment sein sollte. Nun. Das Missverständnis zwischen mir und dem Schüler aufzuklären, dabei half eine Kollegin. Und wie das manchmal so ist mit solchen Dingen. Die Vermittlung ging kurvamäßig in die Hose. Es war der letzte Tag, an dem ich mir auf diese Art in der Schule helfen lassen wollte. Diese kurvaschwere Sprache musste ich einfach lernen. Und zwar so schnell wie möglich. 

Drei Jahre Schularbeit und drei Sprachkurse später machte ich die Ungarische Oberstufenprüfung. Der Bereich, in dem ich am besten ausgebildet war, kam jedoch leider nicht in der Prüfung dran. Vielleicht lebe ich mich deshalb heute noch manchmal darin aus. 

Dies ist ein Post meiner #99FragenfürEltern Challenge. Wenn du nicht weißt, worum es dabei geht, hier entlang.

Kommentare:

  1. Lustig, ich habe mal angefangen Koreanisch zu lernen, und das gehört ja zur finno-ungarischen Sprachfamilie. Und ich muss sagen, diese Sprachfamilie ist schon was Besonderes. ;)
    Ich kann im Berliner Dialekt fluchen und wenn es hart auf hart kommt,dann mache ich das auch. Denn so fühlt es sich für mich am besten an.

    Liebe Grüße,

    Andrea

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  2. Dieses Wort kenne ich aus der polnischen Sprache. Im deutsch-polnischen Wörterbuch von PONS gibt es einen kleinen drucktechnisch hervorgehobenen Absatz zu diesem Wort. In eleganten Worten wird die Bedeutung des Begriffs zuerst erklärt und dann hinzugefügt: "Vom Gebrauch dieses Wortes ist abzuraten"
    Viele Grüße

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