Mittwoch, 17. September 2014

Wörter sind manchmal stärker als ich

Neulich schrieb ich an anderer Stelle über Sätze aus der Kindheit, die sich in meine Erziehung geschlichen haben, obwohl ich sie gar nicht mag. Nicht nur die eigene Kindheit schleicht sich jedoch in den aktiven Sprachschatz hinein. Vorzugsweise sind es die Kinder selbst.
Seit ich Kinder habe, sage ich reihenweise Wörter, die sich in meinem Mund anfühlen wie Lakritzschokolade. Irgendwie fremd. Irgendwie unangenehm. Und doch...
Ich, das Opfer, kann mich dagegen nicht mal wehren. Ich könnte sicher. Aber ich schaffe es nicht. Die Wörter sind zu stark. Sie sind überall. Und sie sind stärker als ich.

Hier die 3 stärksten Exemplare:

Ojemine 
Ein Wort, das sich aus einem Kinderbuch in unseren aktiven Wortschatz geschlichen hat. Es wurde dort verwendet im Zusammenhang mit Krachbumm und Pardauz. Zur Erklärung: Es handelt sich dabei um ein japanisches Kinderbuch in der Übersetzung. Ein paar Eichhörnchen fahren mit dem Schlitten den Berg hinunter und stürzen. Das kann schon mal krachbumm machen. Und Ojemine reimt sich halt auf Schnee. Die Verwendung dieser leicht angestaubten Wortkonstrukte in diesem Kontext erklärt sich also von selbst. Nachdem mein Großer das Wort dann aber irgendwann in einer Situation völlig fern von Eichhörnchen und jeglichem Schnee verwendet hat und ich ob seines Gebrauchs sehr schmunzeln musste, hat sich das Wort in unseren aktiven Alltagswortschatz eingeschlichen. 
Kakao ausgeschüttet? Ojemine! 
Schon ins Bett? Ojemine!
Heute wieder Kindergarten? Oh-jaaaa-mine.

fei
Ich bin Brandenburgerin. Wer nicht weiß, was das ist, kann sich hier informieren. Das Wort fei ist für mich kein Wort. Da fehlt einfach ein Buchstabe oder gegebenenfalls sehr viele Buchstaben, damit hinter der Buchstabenkombination für mich auch ein Sinn erscheint. Mein Sohn allerdings, der kam irgendwann in die Kita. Die bayerische Kita. Und sagt deshalb nun häufig Sachen wie: "Das könn ma fei machen." "Da kann ich fei nichts für." "Des darf moa fei net mocha!" Ich höre diese Wortschönheit inzwischen so oft, dass die Fremdheit anfängt sich aufzulösen. 
Gestern ertappte ich mich das erste Mal in der aktiven Verwendung. "Das is fei blöd, wenn du mich haust!" und der Sohn: "I hab fei net gehoa!" Na gut. Des war jetzt fei erfunden.

tun
Wem die Verwendung des Verbs tun Ohrenschmerzen bereitet, der/die sollte fei (Ojemine!) über das Kinderkriegen nochmal nachdenken. Denn die ersten Elternjahre sind voll mit Ohrenschmerzen. "Das könn ma jetzt wegtun!" "Kannst du das Papier raustun?" "Tu mal deine Sachen in die Schublade!" Alles noch halbwegs korrekte Verwendungen. Aber bei der Häufigkeit des Auftritts dieses vermaledeiten Verbs wundert es mich überhaupt nicht, dass die Kinder irgendwann Sätze konstruieren wie: "Tun wir noch vorlesen?" Seit ich Kinder habe, mache ich fast gar nichts mehr. Ich tue. Und manchmal tun mir davon ziemlich die Ohren wehtun.

Kommentare:

  1. Lakritzschokolade durfte ich neulich in Stockholm kosten... sehr lecker ;-) ! So ist das manchmal mit Ungewohntem - man kostet es und es schmeckt dann plötzlich doch!
    Ojemine musst Du aus Deinen Kindheitserinnerungen verdrängt haben :-).
    M.

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    1. Ich hab die ja auch aus Stockholm bekommen. Diese Schweden....

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  2. Bei mir ist es so, dass ich durch meine Mädels den Charme dieser Worte wiederentdeckt habe. Das ist der Klang unserer eigenen Kindheit wiederbelebt! Pardauz! Was für ein schönes Wort!! Und Ojemine ist doch wesentlich schöner als Huch! (Wobei ich Auweia! auch toll finde) Und "fei" beherrschen meine kleinen Bayerinnen auch aus dem ff. Nur das Wort "tun" - das tun wir uns bitte ganz schnell abgewöhnen, gell? Oh! Ohjemine...

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    1. Ojemine ist tatsächlich eine Schönheit

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  3. Hab herzlich gelacht !! Machen ist auch nicht besser. Kennst du den Satz "Mach dat Mäh mal ein!" Der ging vor einem Jahr oder so durchs Netz.

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    1. Nein, den kannte ich nicht. Aber das stimmt. Reiht sich ein bei kriegen. Davon kriegte meine Deutschlehrerin immer Ausschlag.

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  4. Ohjemine! Ich habe mit dem bayrischen Mann und mittlerweile auch bayrischem Wohnsitz fei auch schon viele dieser Vokabeln in meinen Wortschatz getan. Schlimm.

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  5. Mein niedersächsischer Ehemann bekommt immer die Krise, wenn ich "tun" sag.
    Aber das gehört nun mal zu der Eher mit einem Bayerischen-Madl dazu.

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  6. Ist das tun auch bayerisch? Ich war mir nicht sicher. Ich dachte, das ist mehr so verniedlichungsbedingt.

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