Mittwoch, 24. September 2014

Wie gut sind unsere Lehrer? Besser als so manche Dokumentation!

Ich bin ein Fan von Dokumentationen und von Experimenten. Und wenn es um Lehrer geht, kann ich einfach nicht wegschauen.

ZDFzeit versprach aufzuklären, (hier geht's zur Doku) wie gut unsere Lehrer sind, mit einem "bislang im Fernsehen einmaligen Experiment." Wenn ich solche Superlative lese, schalte ich normalerweise direkt ab. Ich hätte es auch tun sollen.

Das einmalige Experiment, liebes ZDF, hat sicher viel Geld gekostet. Und viel Zeit. Aber leider sieht es auf der Ergebnisseite mal wieder schlecht aus, wie fast immer, wenn es um Lehrer geht. Eine Dokumentation misst man an dem, was sie dokumentiert. Was habt ihr da jetzt eigentlich dokumentieren wollen: Gute oder schlechte Lehrer? Einen schlechten, eine gute? Oder andersherum? Den Stress, den Lehrer haben? Habt ihr mit Absicht ein Mittelschichtsgymnasium ausgewählt, um nicht mit Rütli-Schul-Dokus in einen Topf geschmissen zu werden? Oder um zu zeigen, dass es auch die armen Gymnasiallehrer nicht leicht haben? Die haben es nicht leichter, keine Frage. Aber die Dokumentation krankt an dem Versuch, den Stress von Lehrern in Dezibel messen zu wollen.  

Und genau das ist das Problem der gesamten Dokumentation. Man kann den Stress einzelner Pädagogen in Dezibel messen, den anderer wiederum in Korrekturzeiten. Wieder anderen bedeutet die Beziehungsarbeit, beziehungsweise Herausforderungen wie Inklusion oder Integration den meisten Stress. Das Problem ist aber nicht, dass Lehrer in Deutschland Stress haben, sondern dass sie dies immerzu beweisen müssen. Keine andere Berufsgruppe in Deutschland muss so häufig und wiederkehrend unter Beweis stellen, dass sie "in echt schuftet" und nicht nur die Füße hochlegt, wenn die letzte Stunde zu Ende ist oder gar vorher.
Die Infografik vergleicht Lehrerarbeitsstunden in Europa.
Nicht fauler als andere (Lehrer) also, unsere Lehrer.
Da äußert sich ein Ingo Naujoks über Lehrer, die doch bitte vor dem Burnout "die Notbremse ziehen sollen und sich einen anderen Beruf suchen". Da wird ein Sportlehrer lächerlich gemacht, weil er mit dem Handy in der Turnhalle die Dezibel misst und auf die eigentlichen Lautstärkeprobleme in Schulen nur im Nebensatz eingegangen wird. Da zeigen Herr Precht und Herr Möller mal wieder auf die bösen Beamten, die "auf ein ruhiges, geordnetes, überschaubares Leben hoffen" und allein deshalb ihren Beruf ausgewählt haben. 
Da wird mal wieder ein Lehrer beim Fingerzeig beobachtet:  "Die Grundlage für die Erziehungsarbeit, die wir hier in der Schule leisten, sollte im Elternhaus gelegt werden!" Und als Verstärkung darf Ingo Naujoks betonen, dass die Kinder ja heute nicht mal mehr zu Hause lernten, dass man Guten Tag sagt.

So wird mal wieder nicht dokumentiert, wie gut unsere Lehrer sind, sondern wie schlecht sie sind. Und das mit Unterstützung von Eltern, Bildungsexperten und sogenannten Bildungsexperten und nicht zuletzt zwei Lehrern selbst. Da Dokumentationen des Lehrerberufs in Deutschland häufig so ausgehen, kann ich sie nur verstehen, die Lehrer und Lehrerinnen, wenn sie sich nicht gern in die Klassenzimmer schauen lassen. 

Kommentare:

  1. Liebe Heike,
    ich möchte kein Lehrer sein und ich habe im letzten Schuljahr der Lehrerin von K1 auch gesagt, wie viel Respekt ich vor ihrer Arbeit habe.
    Ich habe auch schon unterrichtet und kann -ansatzweise- nachvollziehen, wie kräftezehrend der Beruf sein kann. Gerade dann, wenn man ihn aus den falschen Gründen gewählt hat.
    Die Dokumentation habe ich nach dem ersten Auftritt des neunmalklugen Schauspielers abgeschaltet. Mir waren wurde mit zu vielen Klischees und Verallgemeinerungen aufgewartet.
    Was ich glaube, ist, daß in Deutschland die Lehrerausbildung nicht genügend Handwerkszeug aufzeigt, wie mit Schülern umgegangen werden kann. Nach dem Fachstudium werden die armen angehenden Lehrer ins kalte Wasser geworfen und haben nach den zwei anstrengensten jahren ihres Lebens entweder die Schnauze voll oder denken sich, ich wurschtel mich da noch gar durch.
    ABER ich selbst bin in meiner Schulzeit und jetzt wieder an der Grundschule durchaus Lehrern begegnet, die ihren Beruf leben. Und die werden alle mit denen in einen Sack gesteckt, die nach der Verbeamtung möglichst gemütlich auf die Rente warten wollen.
    Hier zeigt sich wieder die Mentalität hierzulande; Jeder ist der Meinung er können überall mitreden und alles beurteilen.
    Lehrer sind Menschen wie Du und ich. Und wie in jeder Berufsgruppe gibt es gute und schlechte. Und wir sollten uns davor hüten, nur weil wir alle mal Schüler waren, zu glauben wir können sie in irgendeiner Weise beurteilen.
    Liebe Grüße
    Suse

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  2. "und wir sollten uns davor hüten, nur weil wir alle mal Schüler waren, zu glauben wir könnten sie in irgendeiner Weise beurteilen" - genau darin sehe ich das Problem! Lehrer erlauben Eltern (und auch Schülern) nicht, sie zu beurteilen. Nirgendwo im "wirklichen Leben" ist man so ausgeliefert wie als Schüler! Einmal die Schule ausgewählt, muss man als Kind hinnehmen, was da kommt. Zu wechseln, weil man nicht klar kommt, weil ein Lehrer nicht akzeptabel reagiert (ja, auch das gibt es, denn auch Lehrer sind Menschen!), was muss passieren, dass man das seinem Kind zumutet? Und auch Lehrer sind Eltern - und selbst sie werden am Eltnsprechtag von manchem Lehrer nicht ernst genommen. Die Medaille hat nämlich 2 Seiten. Und ich könnte wetten, dass auch Du, liebe Heike, in der langen Zeit, in der Deine Kinder in die Schule gehen werden, oftmals über den Lehrer Deiner Kinder den Kopf schütteln wirst... Erste Erfahrungen mit anderen, für Eltern unverständlichen Handlungsweisen geschulter Pädagogen hast Du ja schon in dem eigenartigen Verhalten der Kitaleitung sammeln müssen.
    All diese Pädagogen vergessen über ihren Alltagsjob oft gerne, dass Eltern ihnen das anvertrauen, was ihnen das Liebste ist - ihr Kind!
    Allgemeine Lehrerkritik ist Mist, aber allgemeines Lehrerbedauern auch...
    Liebe Grüße Sabine
    (bin selber auch Lehrerin - und Mutter 2 fast erwachsenen Kinder - kenne also auch schon seit Jahren beide Seiten...)

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    1. Liebe Sabine, (liebe Suse)

      Vielen Dank für eure Kommentare. Das sind die ersten hier, die mir richtig Spaß machen, weil sie das Gehirn in Bewegung bringen.

      Wenn du das hier noch liest, Sabine: Es ging mir auch nicht darum, zu argumentieren, dass Lehrer nicht kritisiert werden sollten oder darum, zu behaupten, dass Lehrer vor allem nicht von Außenstehenden beurteilt werden sollten. Es ging mir um eine pauschale Beurteilung des Lehrerjobs an sich, basierend auf dem klassischen Vorurteil, Lehrer würden wenig arbeiten und meistens falsch in ihrem Beruf sein (wie zum Beispiel im Video das Bild des Sportlehrers, der ein Problem mit Lautstärke hat)

      Ich habe im Übrigen klare Vorstellungen von Lehrerbeurteilung in der Schule. Ich erwarte sehr wohl von Eltern, Kollegen, Übergeordneten und in erster Linie von den Schülern, dass sie mich beurteilen und dass diese Beurteilung kommuniziert wird und dafür schaffe ich auch Raum.

      Gänzlich Außenstehenden fehlen jedoch häufig objektive Beurteilungsmaßstäbe und hier liegt das eigentliche Problem. Der Erfolg eines Lehrers ist schwierig messbar. Das hat man auch im Video gesehen. Im Rückblick, und ich glaube darauf wollte Suse hinaus, beurteilt man Lehrer oft ganz anders als in der aktuellen Situation. Und deshalb ist ein darauf basierendes Urteil fragwürdig. Es verhält sich damit wie mit der Schwiegermutter, die dir sagt: "Was? Dein Kind schläft noch nicht durch? Also meins hat ja schon mit 3 Monaten durchgeschlafen!"

      Das heißt aber mit Sicherheit nicht, dass man Lehrer bedauern sollte. Es heißt nur, dass man objektive Bewertungsmaßstäbe ansetzen sollte. Das passiert in Schulen nicht oder zu selten. Das hat auch der Herr Puderbach im Video angedeutet. Und hierin liegt das Grundproblem.

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    2. Ja, das stimmt, man kann Lehrer sehr schlecht bewerten. Wie auch, denn in Doku heißt es ja schon in einem der ersten Sätze, dass das Unterrichten hinter verschlossenen Türen stattfindet. Lehrer werden gerne so pauschal ver- und beurteilt, weil man tatsachlich als Eltern keine Möglichkeit hat, seine Kritik irgendwie zum Ausdruck zu bringen - wenn mir das Brot nicht schmeckt, wechsel ich halt den Bäcker...
      Wir als Eltern können uns nur ein Urteil über Lehrer bilden durch das, was die Kinder erzählen, wie sich ein Lehrer am Elternsprechtag oder am Elternabend gibt. Heute war an meiner Schule ein Projekttag, eine gute Gelegenheit, Eltern zu zeigen, was man so mit den Schülern macht... Objektive Bewertungsmaßstäbe wären da gut, denn in den Schulen, in denen ich als Schüler, Mutter oder Lehrerin zu tun hatte, gab es die nicht! Uns sein wir mal ehrlich, wer kennt die nicht die Kollegen im Kollegium, die montags wundenleckend im Lehrerzimmer auftauchen und jammern... Die prägen in ihrem Bekanntenkreis natürlich deutlich mehr das Bild des Lehrers als diejenigen, die ihre Arbeit gut, von Herzen aber still ausführen - auch wenn das die Mehrheit ist!
      Liebe Grüße Sabine

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  3. Tja, das ist halt wie beim Fußball("80 Mio. Bundestrainer"), alle haben ganz viel Ahnung und können prima mitreden, *ironie*!
    Ich fand die Dokumentation in den Teilen, die ich gesehen habe, auch mal wieder sehr "plakativ", wirklich was Neues kam ja nicht bei rum.
    Ich finde aber, das die Lehrer-"Ausbildung" v.a. an den Unis massiv verändert werden muß, v.a. der pädagogische Aspekt. Und ja, man MUSS die Lehrer mehr/besser bewerten, Feedbackgeben, und sie auch aus ihrer Einzelkämpferrolle rausholen.

    Gruß Caro

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  4. Ich habe mir die Doku gestern in der Mediathek angeschaut und habe Stereotyp-Bingo gespielt: Lehrer sind Jammerlappen, burnoutbedroht, die falschen Leute werden Lehrer, alle schielen nur auf Sicherheit statt spannenden Unterricht, die Ohren tun weh usw ... Und das Allerschlimmste: Dauernd kommen selbst ernannte "Bildungsexperten" zu Wort, die mit wenig fachlicher Ahnung und viel Bauchwissen hantieren. Nö, doofe Doku. Irgendwann vor ein paar Monaten habe ich auch mal etwas darüber geschrieben, das ging in die selbe Richtung, ich krame es noch mal raus.
    http://www.quadratimkreis.com/2014/04/22/sind-schulen-ueberfluessig/

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    1. Danke. Genau Bullshitbingo! Super Idee. Danke für den Link. Gleich mal kucken gehen.

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