Donnerstag, 11. September 2014

Sätze aus meiner Kindheit

79. Welchen Erziehungssatz Ihrer Eltern mochten Sie nie und haben ihn trotzdem den eigenen Kindern gesagt?

Zuallererst möchte ich diese Frage gern modifizieren. Das gehört sich nicht, das stimmt. Aber ich habe nun schon 1/9 aller Fragen beantwortet und erlaube mir das einfach. Ich möchte erzählen, welche (Erziehungs-)Sätze meiner Kindheit ich nie mochte und trotzdem meinen Kindern gesagt habe. Denn ich könnte nicht schwören, wo ich diese oder jene Sätze herhabe.

"Jetzt ist aber Schluss mit lustig."
Der Einsatz dieser Satzschönheit darf nicht zu schnell erfolgen, sonst lutscht sich der Effekt ab und dann ist es meistens nach dem Schluss mit lustig doch noch ne ganze Weile lustig. Ich habe in dieser Hinsicht alles falsch gemacht. Denn die Kinder schmettern mir den Satz inzwischen selbst in allen möglichen Situationen entgegen und da frage ich mich, ob der eigentlich irgendwelche echten Effekte hat außer Traditionsbewahrung? Lustig ist es allemal, den Satz von den Kindern zurückzuhören.

"Freund Blase"
Das ist so ein Satz, den ich in der Grundschule dauernd hörte und ein absoluter Klassiker unter den Sätzen, die man aus seiner Kindheit in die Erziehung schleppt, ohne eigentlich zu merken, was man da redet. Denn ich wusste überhaupt nicht warum man das sagt. Ich kann mich erinnern an einen Schulkameraden, der einen ähnlichen Nachnamen hatte und hatte die Verwendung dieses Satzes im Nachhinein immer in diesen Zusammenhang gesetzt. Der Junge hat ihn auch - welch Zufall - nicht selten gehört. Aber der Ausdruck stammt in Wirklichkeit aus einem russischen Zeichentrickfilm ("Die drei Holzfäller"), bei dem eine Figur eine freche Blase ist. "Freund Blase" wird mit entsprechender Stimmlage gebraucht, wenn jemand zum letzten Mal ermahnt werden soll. Ein echter Sprachschatz der Historischen Jungenpädagogik.

"Das kann doch wohl nicht wahr sein!"
Bei diesem Satz beiße ich mir inzwischen auf die Lippen. Denn einmal losgelassen, hat der sich völlig verselbstständigt. Mein Söhne verwenden den nun in allen möglichen Situationen, um sich gegenseitig zu ermahnen. Auch Kombinationen mit obenstehenden nicht ausgeschlossen: "Das darf doch nicht wahr sein, Freund Blase! Jetzt ist aber Schluss mit lustig!" Wie oben. Keine nachhaltigen Effekte. Vor dem Einsatz kann nur gewarnt werden.

"Ich zähle bis drei."
Der absolute Klassiker aus der Kindheit. Aus vielen Kindheiten. Auch häufig im Einsatz bei anderen Müttern erlebt, deren Kinder allerspätestens bei zweieinhalb mit Schmollmund zu ihrer jeweiligen Aufgabe schlurften, und auch deswegen dann gleich zu Hause ausprobiert. Bei meinen Kindern könnte ich allerdings bis 198 zählen. Die zählen dann mit. Ich weiß auch nie, was bei drei passieren soll, wenn das Kind nicht folgsam ist. Bisher ist nie was passiert, was dazu geführt hätte, dass die Kinder die drei als Freund Blase wahrnehmen. 

"Wer will, wer will, der kriegt was auf die Brill."
Ohje. Ein schlimmes Konstrukt eigentlich. Aber der Reim ist doch so schön. Als mir der Satz zum ersten und letzten Mal rausrutschte, hat ihn sich mein Sohn sofort gemerkt. Seitdem lösen wir das anders. Deswegen hat der Satz "Das macht/darf/sagt man nicht" hier Hochkonjunktur. Wenig kreativ vielleicht. Gefällt mir aber besser als das mit der Brille. Trotz des Reimes. "Ich will" ist hier allerdings genauso unbeliebt wie damals. In Krippe und Kita nur leider akzeptierter Standard, wie ich es gerade in der Eingewöhnung erlebe. Um so wichtiger, dass der Satz in die Schublade fliegt, sonst haut ihn noch einer meiner Jungs den Erzieherinnen um die Ohren. 

"Jetzt mach einfach."
Das ist ja kein richtiger Erziehungssatz. Aber den wollte ich hier unbedingt mit aufnehmen. Im Grunde ist das überhaupt kein Satz. Das ist Sprachschrott, den ich zu meinen Kindern manchmal sage, wenn mich die Ungeduld packt. Als ich ihn das erste Mal von meinem Sohn hörte - ich sollte mich zu ihm aufs Sofa setzen und sagte, ich hätte keine Zeit, ich müsste die Küche aufräumen, "jetzt setz dich EINFACH hin Mama! Mach einfach!" - da wurde mir klar, dass viele viele Dinge nicht so einfach sind, wie sie im ersten Augenblick erscheinen. Und das ein solcher Satz wohl überlegt sein sollte. Bei mir setzt bloß manchmal die Überlegung erst hinterher ein. Nunja.

So sind viele der Sätze, die wir unseren Kindern entgegen schleudern, vielleicht unüberlegt. Woher sie kommen, weiß man nicht immer genau. Kann nicht schaden, ab und zu darüber nachzudenken. Über die Sätze selbst. Und über ihre Herkunft.

Dies ist ein Post meiner #99FragenfürEltern Challenge. Wenn du nicht weißt, worum es dabei geht, hier entlang.

Kommentare:

  1. Ich höre förmlich, wie meine Tante immer sagt: Kannst du nicht hören?! Und mein Cousin dann immer: ich KANN hören!!!

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  2. Wenn's am schönsten ist, soll man aufhören.

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    1. Furchtbares Exemplar. Was das für den Geschlechtsakt bedeuten würde...nicht auszudenken.

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  3. Ja, die Sätze kenne ich auch, und bin beim rückwärts zählen auch brav schmollend in mein Zimmer abgezogen.
    Dass die heutigen Kinder so reagieren, ganz einfach, bei uns steckte noch die relativ konsequente Drohung einer echten Strafe dahinter, entweder Klaps bis Tracht Prügel gestaffelt, oder Stubenarrest, kein Kontakt zu Kindern, u.ä. Diese Strafandrohung gibt es heute nicht mehr so (jedenfalls ist sie natürlich sozial geächtet.) So dass die Kinder also die echte Drohung vermutlich nicht einmal wahrnehmen.(Denn sie fehlt körpersprachlich vermutlich.)
    Zum anderen nehmen heutige Eltern ihren eigenen Ausdruck viel zu wichtig. (nicht bös sein, ist nur meine unmassgebliche Meinung) Damalige Eltern vertrauten auf die Drohung und dass man das nicht wirklich lustig finden konnte.
    Jedenfalls scheint mir das ein Aspekt zu sein. Ob das so stimmt, wer weiß.

    Trotzdem war halt nicht alles falsch, was früher die Eltern gemacht haben, denn der Drohung lag zwar mal eine Konsequenz zugrunde, aber dann blieb es bei der Drohung (bei meinen Eltern jedenfalls.) weil der Effekt erreicht war.

    Danke für die Erklärung des "Freund Blase"!

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  4. Neulich mit dem Sohn (4J.) zum ersten Mal das bis 3 zählen durchexperimentiert.
    Er verharrte bis zur 3 in einer Starre, ich versuchte, mir eine "pädagogisch wertvolle" Konsequenz für sein nicht-reagieren einfallen zu lassen - und kaum hatte ich "3" ausgesprochen sprang er auf und tat wie ihm geheißen.
    Erfolglosws Abzählen also. Tja. Seitdem auch nicht mehr angezählt.

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