Donnerstag, 4. September 2014

Gar keins - oder wie viele Märchen ich erzählen kann


6. Wie viele Märchen können Sie erzählen?

Genau gar keins. Ohne Umschweife und völlig ohne Scham. Ich kann nicht erzählen. Schon gar nicht in Echtzeit. Und erst recht nicht aus dem Kopf. Einfach so. Und jetzt kommt mir hier nicht dem Bloggen. Das ist was ganz anderes. Bloß weil ich hier ab und an mal ein paar Sachen zusammenschreibe, die mich so bewegen, heißt das noch lange nicht, dass ich auch spannend erzählen kann. 

Ich bewundere es, wenn jemand das kann. Sehr. Im Studium habe ich mich sehr viel mit der Kultur der Native Americans befasst, die noch bis heute sehr stark auf Mündlichkeit basiert. Das war jetzt die Kurzzusammenfassung für Ungebildete. Darauf nagelt mich hoffentlich niemand genauer fest, das ist nämlich alles eine ganze Weile her. Was ich aber sagen will und worum ich schon wieder sauber herumschreibe ist, dass ich die Mündlichkeit dieser Kulturen immer bewundert habe. Ich habe viele Geschichten gelesen - Louise Erdrich, Thomas King, N. Scott Momaday - in denen Figuren ganze Abende verbringen, sich gegenseitig stories zu erzählen von den Wundern der Welt. Solche Geschichten saugte ich auf und las sie stets mit Ehrfurcht vor der mündlichen Erzählkunst. Ich lese gern und verliere mich in Geschichten. Das Hören von Geschichten allerdings ist mir fremd. Ich kann mich beim Hören schlecht konzentrieren und vielleicht ist dies auch der Grund, warum mir das mündliche Erzählen nicht liegt. Dazu fehlt mir irgendwie die Konzentration (erst recht seit ich entweder stille oder schwanger bin), die Genauigkeit, der Pathos, die Stimmgewalt. 

Einige werden sagen, das muss man/frau doch können als Lehrer_in. Nun einerseits gibt es sicher einige, die sagen werden, ich stapele hier tief. Andererseits sage ich einfach, nicht alle Lehrer_innen müssen alles können. Selbstbewusstsein kann ich.

Es ist eine große Gabe, Geschichten erfinden zu können. Das kann ich nicht. Und ich bin darüber oft traurig. Die Trauer verarbeite ich, indem ich meinen Kindern so viel wie möglich vorlese. Ich lerne manchmal Gedichte auswendig und sage sie auf. Ich singe jeden Abend Schlaflieder. Und ich stelle ihnen immer wieder neue Bücher ins Regal, deren Geschichten wir gemeinsam entdecken. Ich hoffe, dass sie auch ohne meine Erzählkunst, vielleicht durch den auf diesem Gebiet viel talentierteren Papa, an dem ein Sprachlehrer verloren gegangen ist, zu Wortliebhabern werden. Und wer weiß, vielleicht kann ich das Erzählen ja doch noch lernen?

Dies ist ein Post meiner #99FragenfürEltern Challenge. Wenn du nicht weißt, worum es dabei geht, hier entlang.

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