Donnerstag, 21. August 2014

Von Pfützen und Eingriffen in meine Erziehung

Das schlechte Wetter ist in Budapest angekommen und auf der Suche nach Regenprogramm sind wir heute in einer Regenpause beim Pfützentourismus angekommen. Ein dankbares Programm für meine Jungs. In die Gummistiefel, auf die Laufräder und ab geht's zur nächsten Pfütze. Dank mehr schlecht als rechtem Straßenbau hier in der Umgebung haben wir hier Pfützen beinahe in Schlachtenseegröße. 
Der Pfützentourismus endete heute daher auch mit einer Seenotrettung und einem für mich so typischen Vorfall, von dem ich berichten möchte. Ganz kurz, keine Sorge. 

An dieser Stelle war noch alles super. Am Straßenrand. Die Jungs fragten bei jeder Pfütze: "Kann ich da reinfahren?" oder "Ist die zu tief?" 


Ich wunderte mich schon über die Scheu und über den Respekt vor meiner Person. Irgendwie strahlte ich wohl Autorität aus. Oder so. Wenig später kamen wir allerdings am Schlachtensee der hiesigen Pfützen an und ich stand nur noch am Rand und regelte die Geschwindigkeiten ("Nicht so weit rausfahren Jungs, ihr könnt nicht schwimmen!" "Nicht so schnell, ihr habt keine Badehosen an!") 
Ich hatte nämlich keine Gummistiefel.


Auf einem der Rückwege kam Kind M dann trotz Verbots ganz zufällig natürlich, ohne es zu wollen und auch sonst ganz ohne Absicht, vom Weg ab und landete in einer Untiefe. Um genau zu sein im 50-70 cm tiefen Straßengraben.


Er rief - es war nicht anders zu erwarten - um Hilfe, womit wir auch zum Vorfall kommen. Er stand in der Pfütze, etwa bis zu den Oberschenkeln und rief "Mama, helfen!", während ich ihm Mut zusprach, "Komm, versuch's allein!" Wie immer bei uns in solchen Situationen, kam just in diesem für die Persönlichkeitsentwicklung meines Sohnes so wichtigen Moment jemand mit einem Auto vorbei und sah meinen Sohn. Und auch mich. Und griff ein. Er fuhr nah an ihn heran, machte die Autotür auf und tolpatschte da so herum mit der Autotür, während ich meinem Sohn weiter zurief, keine Angst zu haben und es bitte alleine zu versuchen. Der Mann konnte meinem Sohn nicht wirklich helfen, er fuhr vorwärts, fuhr rückwärts und rief meinem Sohn nun auf Ungarisch zu "Gyere!" (=Komm!) Und machte den Jungen völlig kirre. Ein fremder Mann. Mit Auto. Der "Komm!" ruft. Es führte ziemlich schnell dazu:

Ich musste ihn die Pfütze waten und den Jungen rausholen. Das hätte ich vielleicht auch so machen müssen und es war auch kein Problem. Es ist hier warm und ich ekle mich nicht vor Pfützen oder Schlamm. Im Grund ekle ich mich vor nahezu gar nichts mehr, seit eins meiner Kinder mir mal ins Gesicht gekackt hat. Aber ich wollte ihn dazu animieren, seine Angst zu überwinden und alleine rauszukommen, vor allem weil es nicht das erste Mal war, dass er trotz Warnung so tief im Straßengraben im Wasser stand. Dazu kam ich aber nicht, weil jemand anderes intervenierte. Der Mann wollte helfen, ich mache ihm keinen echten Vorwurf. Na vielleicht ein bisschen. Aber sauer bin ich schon. Denn ich glaube, ich hätte ihn dazu bringen können, sich aus dem Schlamassel selbst wieder zu befreien. Er wäre so stolz gewesen. So hat er zwar freudig erzählt, wie der Mann ihn aus der Pfütze gerettet hat (dabei saß er bloß in seinem Auto und rief ihm zu, weil er nicht aussteigen wollte), aber er hat viel weniger aus der Situation gelernt. Oder was meint ihr?

Kommentare:

  1. Ich haben in der Retrospektive die Überzeugung gewonnen, dass der Effekt unseres erzieherischen Planens und Beabsichtigens (und seien beide noch so erleuchtet) gering ist, die Auswirkung dessen, was man "real life" oder Schicksal nennt, jedoch groß. Anders ausgedrückt: Kinder, die es gewohnt sind, dass keiner auf sie schaut, fallen in den Graben erst gar nicht hinein, respektive kommen unassistiert aus allen Untiefen (des Lebens) selbständig wieder heraus. Kinder, die in finanzieller Not aufwachsen, brauchen keine pädagogisch ausgeklügelten elterlichen Taschengeldprogramme um den Wert des Geldes kennenzulernen. Der Wert des "erzieherischen Planens" ist trotzdem groß: Er besteht in der inliegenden Botschaft:"Ich will dein Bestes. Du bist es wert, dass ich mir Gedanken mache und Mühe auf mich nehme, obwohl ich auf Widerstand stoße und es mich anstrengt."

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    1. Ich freue mich über deine Gedanken, verstehe den Zusammengang zu meinem Text aber nicht richtig.

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  2. Dieses Szenario kenne ich nur zu gut; bevorzugt von Besuchen im Supermarkt.

    Kind bockt, weil es was haben will - eine mir unbekannte ältere Dame fühlt sich verpflichtet, an die "böse Mama" zu appellieren, dem armen Kindlein was zu kaufen.

    Grr! Ich kann verstehen, dass du dich geärgert hast.

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    1. Es ist nicht auszuschließen, dass der Mann nur einer armen Frau helfen wollte, damit diese nicht in die Pfütze muss. Trotzdem irgendwie dumm gelaufen. Die Supermarktsituation ist noch nerviger, weil da ruckzuck 20 Leute kucken.

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