Montag, 25. August 2014

Eine Stulle mehr

„Iss mal ne Stulle mehr.”

Ein Satz. Hingesagt. Mit gutem Willen. Gewürzt mit ein wenig Sorge und guter Absicht. Dennoch ein Satz, den ich genauso anmaßend finde wie den Satz „Iss doch mal weniger Kuchen!” im Zusammenhang mit Menschen, die mehr Gewicht haben als der oder die den Satz sprechende für angemessen hält. Ich sagen letzteren nie. Höre ersteren aber dauernd.

Ich bin dünn. Ich war schon immer dünn. Ich komme da nach meiner Mutter. Die musste sich früher schlimmere Sätze anhören als den mit der Stulle. Mit mir meint man es ja nur gut.
Ich hatte es etwas leichter. Denn ich bin hineingeboren in die size zero Generation und entsprach in den Augen der meisten immer dem gängigen Schönheitsideal. Groß und dünn. Aber eben auch auffällig. Außerhalb der Norm. Denn size zero ist ein krankes Ideal. Eine Absurdität. 

Diät halten gehört zum Frausein unter meinen Altersgenossinnen so sehr dazu, dass ich als junges Mädchen zeitweise mitmachte, nur um dabei sein zu können. In Wirklichkeit war ich dünn und blieb dünn, völlig unabhängig von meiner Ernährung. Woran das liegt, weiß ich nicht. Aber ich fühle mich heute damit sehr wohl. Ich bin gesund. Ich esse gesund. Manchmal esse ich auch ungesund. Und ganz oft esse ich Kuchen. Was ich aber auf jeden Fall mache ist, genug Stullen zu essen. 

Ich möchte nicht über Stullenkonsum reden, wenn ich über mein Aussehen rede, genausowenig wie ich über Kuchenkonsum rede, wenn es um Menschen geht, die laut Gesellschaft vielleicht etwas zuviel auf den Rippen haben. Und wer bestimmt dieses zuviel und dieses zuwenig? Laut BMI habe ich zur Zeit mal wieder zu wenig. Das interessiert meinen Körper aber nicht wirklich. Abgesehen davon halte ich den BMI für gequirlte ihr wisst schon. 
Den Körper einfach unabhängig vom Essen betrachten. Ginge das?

Ich gebe zu, seit ich Kinder habe erhalte ich sehr viele Komplimente für mein Aussehen. Man würde gar nicht sehen, dass ich drei Kinder bekommen hätte. Das wäre selten, dass frau nach drei Kindern so aussieht. Aber auch diese Sätze kann ich nicht als echtes Kompliment verstehen. Denn erstens finde ich, darf man durchaus sehen, dass ich drei Kinder bekommen habe. Ich schleppe die auch meistens mit mir herum. Es wäre eigenartig sie zu leugnen, auf jeden Fall aber sehr schwierig sie nicht zu sehen. Und zweitens habe ich dafür nichts geleistet. Das ist mein Körper und den finde ich schön. Manchmal auch weniger. Darüber habe ich hier schon einmal geschrieben. Aber was er auf keinen Fall ist: eine Leistung. Er ist wie er ist. Natürlich kann ich ihn sehniger, straffer, faltenfreier oder bunter gestalten. Aber ich werde ihn nicht runder machen durch mehr Stullen, genausowenig wie ich erwarte, dass andere sich für mich schmaler machen mit weniger Stullen, nur damit wir alle etwas gleicher sein können.

Eine Stulle mehr macht meinen Körper weder schöner, noch runder, noch leistungsfähiger oder attraktiver. Eine Stulle mehr bringt mich auch nie dazu, wirklich eine Stulle oder von irgendwas anderem mehr zu essen. Eine Stulle mehr gibt mir einzig und allein das Gefühl, ich passte nicht in die Norm und müsste was ändern. Dazu habe ich inzwischen nur noch eins zusagen. Ich sch.. auf die Norm. Und auf eine Stulle mehr.

Man/frau und alle anderen mögen mir den Ton und den Rest verzeihen. Aber das musste mal raus.

Kommentare:

  1. Da geht es mir genau wie dir (außer, dass ich nicht besonders groß bin). Bei meinen eigenen Kindern vermeide ich es auch ganz, die Essensmenge zu thematisieren und finde es immer befremdlich, wenn andere das tun. Der Genuss soll im Mittelpunkt stehen!
    LG, Micha

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  2. kein zweifel, du hast nicht nur glück. du bist genug bewusst, was das essen angeht, und konntest deine nüchternheit auch im land des issnochmalwasduhastnochkaumwasgegessens leicht behalten. deine mama genauso, zufälle gibts nicht.
    das ist immer eine entscheidung.

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