Samstag, 30. August 2014

Brennen ohne sich zu verbrennen


Frage 5: In welchem Bereich machen Sie sich am meisten Sorgen um Ihre Kinder?


Diese Frage möchte ich mit einem Satz beantworten, den ich im Isabelle Allende Interview las, das kürzlich in derselben Nido (Ausgabe 07/08 2014) erschien, aus der auch die 99 Fragen stammen. Sie spricht in dem Interview über ihren zweiten Mann, der drei von vier Kindern verlor: 


"Es gibt nicht viel schlimmeres, als wenn man seinen Kindern dabei zusehen muss, wie sie sich langsam selbst töten." 

Es geht um Sucht. Um Drogensucht. Meine größte Sorge deshalb, weil ich nicht weiß, wie Kinder davor beschützt werden können. Was man als Eltern tun kann oder tun muss, damit Kinder nicht süchtig werden. 
Ich war 17 als ich das erste Mal Ecstasy nahm. An den Rausch kann ich mich bis heute erinnern. Und auch wenn es durchaus Menschen in meinem Leben gab, die die Ursachen für meine Suchtexperimente der Jugend in meiner Kindheit suchten, glaube ich, dass meine Eltern nichts hätten tun können, um dies zu verhindern, außer vielleicht, mich nicht zu bekommen.

Frühling 2000. Entstanden in (m)einer Kunsttherapiesitzung. 
Ich habe einen Hang zur Sucht. Den trage ich in mir und er gehört zu mir, wie meine großen Zehen. Ich schäme mich dafür nicht, denn ich glaube diese Eigenschaft hat es mir in der Vergangenheit, Gegenwart (und das wird es wohl auch in Zukunft) ermöglicht, immer wieder für irgendetwas zu brennen. Und das mitunter sehr stark. Erst kürzlich las ich bei Momatka (hier) von der Angst, für nichts mehr brennen zu können, nicht mehr diese Energien, dieses Interesse entwickeln zu können, das man in der Jugend für viele Dinge hat.
Auch als meine Freundin kürzlich zu Besuch war, kam dieses Thema auf. Ab einem bestimmten Alter, beziehungsweise mit bestimmten Lebensabschnitten - häufig sind es die Kinder - hört genau dieses Brennen manchmal auf und es wird sehr leicht, sich im Alltag zu verlieren. Es hat auch durchaus seinen Reiz, sich hinter den vielfältigen Aufgaben, die das Leben so bietet, zu verstecken. Es macht viele Dinge leichter, die komplexen Lebensfragen lassen sich besser verdrängen.

Ich kann nicht nicht brennen. Im Gegenteil. Ich muss dafür sorgen, dass ich immer für irgendwas brenne. Gleichzeitig aber muss ich darauf achten, dass das Feuer nicht außer Kontrolle gerät. Kontrollverluste wie in meiner Jugend kann und will ich mir nicht erlauben. Dennoch: Es ist immer da. Das Gefühl, besonders sein zu wollen. Dem Leben Bedeutung zu schenken. Sich im Hier und Jetzt zu verlieren und nicht immer über das Morgen nachzudenken. Oder sehr viel über das Morgen nachdenken und sich dann zu ängstigen. Etwas hinterlassen zu wollen. Nicht vergessen zu werden. Zu fühlen. Zu erleben. Zu sein. Zu bleiben.

Ich bin heute glücklich. So wie mein Leben ist. Ich habe mein Leben ausgefüllt mit Menschen und Aktivitäten, die mir das Gefühl geben, ich atme, ich lebe, ich spüre, ich bin. Aber was, wenn das meine Kinder nicht schaffen? Wenn ich es nicht, wenn das Leben es nicht schafft, sie mit den Fähigkeiten auszustatten, die sie brauchen, um anzukommen, hier auf dieser Welt? Ganz sie selbst zu sein und doch auch für andere da zu sein. Was, wenn ich irgendwann zusehen muss, wie sie straucheln? Wenn ich sie nicht auffangen kann? Wenn ich ihnen das Feuer in die Wiege gelegt habe, aber nicht die Fähigkeit, sich nicht zu verbrennen? Das ist wohl meine größte Sorge.


Dies ist ein Post meiner #99FragenfürEltern Challenge. Wenn du nicht weißt, worum es dabei geht, hier entlang.

Kommentare:

  1. Herzklopfen... Heike, für diesen schonungslos ehrlichen, entblößenden und aufrichtigen Artikel zolle ich Dir meine Hochachtung! Die Angst teilst Du mit vielen Eltern und doch fällt es den meisten schwer, die Retrospektive in ihre Gefühle mit einzubeziehen. Wo kommen die Kinder denn her, was bekommen sie als genetischen Rucksack mit... wieviel ist beeinflussbar. Und vor allem: Wie? Ich danke Dir herzlich für diese Worte udn wünsche Dir eine wundervolle und sorgenfreie Woche. Alles wird gut! Ganz sicher. Rike

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    1. Danke für die lieben Worte. Tut immer gut, wenn sich jemand die Mühe macht.

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  2. Danke für den tollen Beitrag.
    Er wirkt noch nach!
    LG, Micha

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  3. Ein wunderbares Posting!
    Ich glaube, kaum etwas mehr fürchtet man als Eltern neben Krankheiten und Schicksalsschlägen, als dass das eigene Kind "auf die schiefe Bahn" geraten könnte.
    Mit deinem Reflexionsvermögen hast du den Grundstein für deine Kinder gelegt, dass alles gut werden kann.


    Alles Liebe und DANKE,
    Katrin

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