Montag, 7. Juli 2014

Warum ich SOVIEL arbeiten will

Am Freitag habe ich Nachricht über meine Versetzung erhalten. (Für alle Nichtwissenden: als Beamtin hat man nach der Elternzeit keinen Anspruch auf die alte Stelle, man stellt nur einen Antrag und hofft). Das Angebot für mich kam nun am Freitag und besagt: 75km Schulweg ab September. Ich halte das nicht für unmöglich. Die Vergangenheit hat mir gezeigt, dass viele Dinge möglich sind, von denen man glaubt, dass sie es nicht sind. Aber ich versuche dennoch umzuorganisieren, denn ich bin der Ansicht, dass nirgendwo die Lebenszeit schneller wegrieselt als im Auto. Und im Zuge dieser Umorganisation bin ich heute als Lösungsvorschlag mal wieder gefragt worden: „Wollen Sie nicht weniger arbeiten?"
Ich will darauf mal genauer antworten.

Ich bin seit März in Elternzeit, meine Tochter ist im Januar geboren, und ich möchte nun im September wieder einsteigen in der Schule. Dazu habe ich mir überlegt, nicht mit Vollzeit weiterzumachen, sondern mit 70-80%. Denn ich bin ab jetzt allein mit den Kindern und da ist mir eine volle Stelle doch zuviel, denn ich habe neben den offiziellen Betreuungseinrichtungen und einer sehr lieben Babysitterin keine weitere Hilfe.

Weniger als 60% möchte ich aber nicht arbeiten, und 60% auch nur unter der Bedingung, dass ich den Rest der Zeit für eine eventuelle Promotion verwende.
Da ich mich aber deswegen immer mal wieder rechtfertigen muss, hier die zehn wichtigsten Gründe, warum ich SOVIEL arbeiten will.

1. Ich arbeite gern.
2. Ich bin sehr gerne Lehrerin.
3. Um den Job gut zu machen, habe ich mich immer sehr reingehängt. Ein guter Kontakt zu den Schülern macht für mich den größten Teil aus. Eine Klasse, zu der man eine gute Beziehung aufgebaut hat, reguliert sich im Grunde selbst. Je weniger Stunden ich an einer Schule habe, desto weniger bin ich Teil dieser Einheit, desto unbekannter bin ich im Kollegium und bei den Schülern. Ab einer gewissen Stundenzahl ist man höchstens noch die, die „neulich in Englisch da war" und nicht „unsere Englischlehrerin". Eine kleine Stundenzahl geht mit weniger Verantwortung, weniger Schülerkontakt, weniger Austausch und weniger Spaß einher. 
4. In der schulischen Arbeit gibt es Dinge, die sind nicht in Teilzeit zu erledigen. An Konferenzen müssen alle teilnehmen, es gibt keine Teilzeitklassenfahrten und man kann auch nicht nur die Hälfte der Zeugnisse schreiben. Eine halbe Stelle ist  leider oft nur finanziell eine halbe Stelle.
5. Ich bin 34. Bis vor kurzem habe ich im Ausland gearbeitet. Ich habe wenig für meine Rente getan. Ich habe nicht den Eindruck, dass irgendwer in naher Zukunft das für mich übernehmen möchte.
6. Ich möchte, dass meine Kinder mich als Geld verdienende Mutter erleben. Als Frau, die die Familie nicht durchs Kochen ernährt. Dafür koche ich zu schlecht.
7. Ich will Verantwortung. In jeder Firma werden die verantwortungsvollen Aufgaben denjenigen übertragen, die da sind. Ich möchte da sein. 
8. Ich möchte mich beruflich weiter entwickeln. Ob es die Promotion am Ende wird oder eine andere anspruchsvolle Tätigkeit, ist nicht so wichtig. Ich verbeiße mich nicht und bin offen für alles. Aber stehen bleiben, davor gruselt es mich etwas. 
9. Ich möchte junge Menschen begleiten. Ich möchte lehren und von ihnen lernen, ich will sie inspirieren und mich von ihnen beeindrucken lassen. Ich will sie anleiten und mich von von ihnen leiten lassen. Und am meisten will ich endlich wieder reisen. Mit Schülern. Nichts ist so spannend wie die Welt mit Schüleraugen zu entdecken. Nun. Die eigenen Kleinkindaugen sind vielleicht noch spannender, zugegeben. Aber mit einer Horde Teenager die Geschichte Berlins in den Bunkern zu entdecken hat ähnliches Spannungspotential.
10. Ich möchte Geld verdienen. Für mich, für meine Kinder, für mein/ unser Leben. 

„Würden Sie denn auch mit einer 1/3 Stelle zufrieden sein?"

Nun, diese Frage ist damit vielleicht hinreichend beantwortet. Nur erledigt hat sie sich leider für mich noch nicht.



Kommentare:

  1. Kann ich in jedem Punkt nachvollziehen und ich glaube einfach das es jedem Menschen so geht, der seinen Job liebt, gerne arbeitet und sich über Herausforderungen freut. Einzig das Geld wäre für mich nie eine Option.
    :-)

    LG
    Elle

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    1. Das Geld ist für dich kein Grund soviel zu arbeiten oder überhaupt zu arbeiten? Letzteres fände ich schwierig. Aber soll's ja geben.

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    2. nein so meinte ich das nicht :-D Ich arbeite auch, in einem Job den ich sehr liebe aber auch im Schichtdienst. Ist Organisation aber nicht unmöglich. Ich könnte nie einen Job ausüben den ich nur wegen des Geldes mache aber keinen Spaß daran habe.

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  2. Jeder Schüler kann sich glücklich schätzen, der eine Lehrerin hat, die ihre Arbeit mit soviel Herzblut macht!

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  3. So ein Sch... Ich drücke die Daumen, dass sich noch eine Lösung findet.

    LG Marisa

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