Dienstag, 22. Juli 2014

Mein größter Kompromiss

Dies ist der zweite Post meiner #99FragenfürEltern Challenge. Wenn du nicht weißt, worum es dabei geht, hier entlang.


Frage 2: Was ist der größte Kompromiss, den Sie je geschlossen haben?


Als Elter geht man viele Kompromisse ein, mehr oder weniger freiwillig. Badtür nicht mehr zuschließen zum Beispiel. Nicht mehr zumachen, um präzise zu sein. Oder Kaffee auch mal kalt trinken. Manche davon sind leichter (ersteres) und manche davon schwieriger (zweiteres). Der größte Kompromiss aber, den ich je geschlossen habe, und der vielleicht die weitreichendsten Konsequenzen für mein Elterndasein hat, liegt weit vor meiner Zeit als Mutter, ungefähr 13 Jahre.

Ich war 20 und beim Aufnahmegespräch in der Rehaklinik.
„Wie viel würden Sie gern wiegen?"
-„Ich finde, ich hab eigentlich schon ganz gut zugenommen. Ich bin auch nicht wegen meines Gewichts hier."

„Ja, aber was meinen Sie, was ist ihr Normalgewicht?"
-„Ich hab eine Zeitlang nicht gut gegessen, aber jetzt geht's mir gut. Ich esse alles. Ich bin nicht deswegen hier."

„Sie wollen sagen Ihr Gewicht ist normal?"
-„Ja...... Nein....... Vielleicht. Was weiß denn ich. Ich kann nicht zunehmen. Mein Stoffwechsel ist sehr schnell."

„Nun, Sie werden müssen. Ihr BMI liegt bei 16,5. Ein normaler BMI fängt bei 19 an. Wir können uns bei Ihnen auf einen Mindest-BMI von 18 einigen.  Das ist ein realistisches Ziel. Das heißt, Sie müssen mindestens 4 kg zunehmen, auf 58kg. Wir haben hier ein Phasenprogramm, an das Sie sich halten müssen. Ab sofort müssen Sie jede Woche 500 g zunehmen. Jede Woche. 500 g. Wenn Sie das schaffen, gut. Wenn nicht, kommen Sie in eine andere Phase. Es gibt drei. Sie sind jetzt in Phase drei und haben einige Freiheiten. Wenn  Sie nicht zunehmen, kommen sie in Phase zwei. Einige dieser Freiheiten verlieren Sie dann. Sie dürfen zum Beispiel das Gebäude nicht mehr verlassen. Sie dürfen an den Physiotherapiestunden nicht mehr teilnehmen und Sie müssen jeden Abend Tagebuch führen. Jeden Abend. Unter Aufsicht. Phase eins, wenn Sie abnehmen. Wenn Sie in dieser Phase sind, nehmen Sie alle Mahlzeiten unter Aufsicht am Schwesterntisch ein. Das Zimmer dürfen Sie nur zu den Mahlzeiten verlassen. Jeden Morgen und jeden Abend wird Ihr Gewicht kontrolliert. Sie wiegen jetzt 53,7 kg. Machen Sie das Beste draus. Herzlich Willkommen bei uns und alles Gute für Sie."
-"...."

Ich bin ihn eingegangen, den Kompromiss. Nach zehn Tagen landete ich sofort in Phase eins. Ich hatte mehr als ein Kilo abgenommen. Aber ich blieb. Ich ließ mich auf den Kompromiss ein, ein paar Kilos zuzunehmen, um zu sehen, ob ich damit umgehen könnte, ob ich so gesund werden könnte, auch wenn ich glaubte, gar nicht krank zu sein. Nur vier Kilo mehr. Was war das schon. Für mich war es einer der schwierigsten Schritte in meinem Leben. Aber ich ging ihn. Ich nahm sie zu, die vier Kilo, obwohl schon die letzten vier Kilo davor eine enorme Herausforderung gewesen waren. Ich überschritt meine selbst gesteckte Gewichtsgrenze und wurde gesund.
Ich verließ die Klinik mit 58,5 kg. Aber was viel wichtiger war: Ich verließ sie im Grunde geheilt. Nicht weil ich jetzt einen BMI von 18 hatte, sondern weil ich mich auf den Kompromiss Therapie wirklich eingelassen hatte, mit all seinen Herausforderungen und Schwierigkeiten. Dazu gehörte viel mehr als nur Zunehmen. Dazu gehörte in erster Linie, eigene Grenzen zu erkennen und zu überschreiten, im positiven Sinne.

Heute ist meine größte Sorge als Mutter die, dass meine Kinder in eine ähnliche Situation geraten könnten und nicht wieder herausfinden. Die Kinder vor einem Krankwerden an sich zu beschützen, wie das geht, das weiß ich nicht. Dabei hat mir meine Erfahrung nicht geholfen. Denn es gibt keinen Schuldigen. Es gibt nur eine Verkettung von Ereignissen, von Umständen, und ein Vorhandensein von gesellschaftlichen Bedingungen, gegen die man weitgehend machtlos ist. Was mich in diesem Zusammenhang als Mutter prägt, ist allerdings auch nicht der Glaube, meine Kinder davor beschützen zu können. Aber ihnen zeigen, wie man den anderen Weg wählt, wenn der eine zur Sackgasse geworden ist, das hoffe ich tun zu können.

Kommentare:

  1. Klasse Artikel und ganz großes Danke für deine Offenheit.
    Über die Frage muss ich wirklich noch nachdenken.

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    1. Ich hab nun auch meine Antwort auf die Frage nach dem großen Kompromiss gefunden: Es ist das Aushalten von Kontakt, den ich eigentlich gar nicht haben will.

      http://tulpentopf.de/kinderkram/leben/99fragenfuereltern-mein-groesster-kompromiss

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  2. Respekt - das ist ein wirklich echter Kompromiss. Schon die Idee der 99 Fragen find ich super, aber die Antworten noch viel mehr.
    Mehr fällt mir dazu nicht ein und ich habe selbst den ganzen Tag überlegt, was mein größter Kompromiss war, aber dagegen waren meine echt gar nichts. Ich bewundere, wie du das geschafft hast. Darauf kannst du stolz sein!

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  3. Heftig die Geschichte an sich.
    Und wahnsinnig wie Du damit umgegangen bist. Ich ziehe meinen Hut!

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