Sonntag, 13. Juli 2014

Liebes Ministerium,

ich wende mich heute in einem offenen Brief an Sie, um meine Dankbarkeit auszudrücken. Und ich gehe gleich in medias res, wie man sich hierzulande gern ausdrückt.

Vor zwei Jahren bin ich nach Bayern gekommen, um hier meine Lehrerausbildung mit dem Referendariat abzuschließen. Ich kam mit zwei Kindern und einem Mann im Gepäck. Ich verkürzte das Referendariat auf ein Jahr und schloss mit der Note 1,3 und einem Bauchansatz (4. Schwangerschaftsmonat) im Juli 2013 ab. Weil mein Abschluss so schlecht war - zur Zeit bekommen eigentlich bei meiner Fächerkombination fast nur Kandidaten eine Stelle, die ihr Examen mit 1,0 abschließen, bekam ich nur geradeso eine Stelle im Herbst letzten Jahres. Aber ich will nicht undankbar klingen. Immerhin bekam ich eine. Ich trat sie an. Ich fuhr 25 km jeden Tag mit zwei Kindern unter drei und einem immer dicker werdenden Bauch und unterrichtete 20h in der Woche, was in etwa einer Dreiviertelstelle entspricht. Ich freute mich über die Gelegenheit und war dankbar, dass ich arbeiten durfte. Dann ging ich im November in Mutterschutz und im Februar in Elternzeit. Und da ich Beamtin bin, wurde ich mit Dokumenten konfrontiert, in denen es heißt: Auf eine Rückkehr an Ihren bisherigen Dienstort haben Sie nach der Elternzeit keinen Anspruch. Ich dachte mir nichts dabei und ignorierte fröhlich optimistisch. Im Herbst hatte ich eine Stelle, 25 km von meinem Wohnort entfernt. Das war nicht ideal. Ich konnte nicht zur ersten Stunde da sein, aber ansonsten war es machbar. Es würde nun sicher nicht schlimmer kommen. Schließlich habe ich drei Kinder, das werden sie sicher sicher bedenken. 
Ich stellte einen Versetzungsantrag und wartete. Denn mehr konnte ich eh nicht tun.

Am 4.7. hatte das Warten ein Ende. Ich bekam einen Anruf von meinem Dienstherren. Und ich finde das Wort sehr passend, denn die Nachricht, die ich erhielt, kann eigentlich nur von einem Herren stammen. Herr im Sinne von, Sie wissen schon. Es liegt mir fern, hier die Männer in den Schmutz zu ziehen. Ich bekam einen Anruf im Urlaub, an einem Freitag um 11.52 Uhr: Wir haben Ihre Zuweisung. Die Schule xy am Dienstort xy. Ich legte auf. Googelte und stellte fest: 75 km vom jetzigen Wohnort entfernt. 52 Minuten reine Zugfahrt. 50 Minuten, wenn ich auf der Autobahn schnell bin. Zu schnell darf ich allerdings nicht sein, denn dann mischt sich ein anderer Herr ein. Als ich fertig war mit Googeln, war es Freitag, 12.00 Uhr. Wie praktisch. Aber ich will das lassen mit der Ironie. Das passt nicht zu mir.

Liebes Ministerium, ich wende mich nun an Sie, obwohl ich mich gar nicht an Sie wenden darf. Ich darf mich nur an besagten Dienstherren wenden mit all meinen Belangen. Ich darf Sie nicht anrufen, ich darf Ihnen nicht schreiben und ich darf auch keine Emotionen haben gegenüber den Entscheidungen, die Sie über mein Familienleben fällen. Ich darf allein dankbar sein, dass ich die Möglichkeit habe, für meinen neuen Dienstherren in Dienst zu treten, wo auch immer dieser ist. Die Tatsache, dass mein neuer Dienstherr so weit weg ist, habe ich nicht zu bemängeln. Und wenn, dann interessiert das auch niemanden. Ich habe schließlich auch die Möglichkeit zu Hause zu bleiben. Ich kann weniger arbeiten und ich kann überhaupt nicht arbeiten. Ich habe so viele Möglichkeiten. In fact, ich habe so viele Möglichkeiten, dass mir ganz schummerig wird davon, liebes Ministerium. Ich will Sie Ihnen einmal aufzeigen:

Ich kann die Stelle am neuen Dienstort antreten und hier wohnen bleiben. Unterrichtsbeginn ist in der Regel um 8 Uhr morgens. Ich habe 20 Unterrichtsstunden, macht im Schnitt 4 Stunden pro Tag. Die Kita öffnet um 7 Uhr. Ich bin in der Woche allein mit den Kindern. Also muss ich die Kinder spätestens um 5.30 Uhr wecken, damit ich es in beide Kitas schaffe. Für mich heißt das, ich muss um 4.30 Uhr aufstehen, denn ich muss vorher fertig sein. Und dann darf keines meiner Kinder, aber auch wirklich keines auch nur irgendetwas von mir wollen, was nicht eingeplant ist. Kein Problem. Sind ja nur Kleinkinder. Um spätestens 7.30 Uhr bin ich dann fertig mit Wegbringen. Derzeit fahre ich in zwei Einrichtungen. Zwei Kleinkinder, ein Baby. Eine halbe Stunde ist knapp berechnet. Die erste Stunde ist trotz der knappen Berechnung leider schon hops, liebes Ministerium. Kein Problem, bleibt die zweite. 8.45 Uhr. Ups, das ist aber knapp. Zum Kopieren vor dem Unterricht oder auch nur zum bequemen Jacke ausziehen reicht das aber nicht. Es sei denn ich überschreite ein wenig die Geschwindigkeiten auf der Autobahn. Kein Problem, mach ich gern. Ab der dritten Stunde kann ich dann wirklich anfangen. Das ist realistisch. Rechnen wir vier Stunden pro Tag, bin ich um 13.10 Uhr in etwa fertig, wenn ich jeden Tag alle Stunden hintereinander weg habe. Wer unterrichtet, weiß, was das für eine Stundenplanillusion ist. Hinzu kommen Konferenzen, Fachsitzungen, Korrekturzeiten, Aufsichten, Vertretungsstunden. Das muss alles in die zwei Stunden zwischen 14 Uhr und Kinderabholzeit passen. Denn wenn die Kinder erstmal da sind, geht hier nichts. Abgesehen davon findet ja vieles davon in der Schule statt.
Die Kinder sind um 20 Uhr im Bett. Danach kann ich dann den Unterricht vorbereiten. Die Lebensmittel bestelle ich im Internet, oder ich esse einfach nichts. Die Kinder sind ja in der Kita versorgt. Liebes Ministerium, beim besten Willen - ich weiß nicht, wie ich 75 km mit drei Kleinkindern und den mir gegebenen Kita-Öffnungszeiten pendeln soll. Diese Möglichkeit ist also leider keine echte. 2h Fahrtzeit pro Tag sind zwei Stunden, in denen ich nicht vorbereiten, nicht arbeiten, mich nicht um meine Kinder kümmern kann. Es ist Arbeitszeit, in der ich nicht arbeite. Es ist im Grunde heiße Luft und das auch noch ziemlich schlechte, denn sie verpufft auf der Autobahn.

Nun habe ich erfahren, dass mir noch eine andere Möglichkeit bleibt. Ich kann umziehen. Das ist auch das, was eigentlich von mir verlangt wird. Hört sich aber nett an. Heute ist der 13.7. Ich habe 6 Wochen zum Umziehen. Genau sechs Wochen. Denn die restliche Zeit, die mir von den Sommerferien bleibt, bräuchte ich in diesem Fall zur Eingewöhnung von drei Kindern in der neuen Kita. Drei neue Kitaplätze, eine neue Wohnung für eine fünfköpfige Familie in einem Gebiet, wo selbst junge Singles Schwierigkeiten haben, Wohnraum zu finden, neuen Kinderarzt, usw. Wohnung hier kündigen, Kitaplätze hier kündigen (Ups, der eine hat ja eine Vertragsstrafe bei Nichtantritt. Kein Problem, zahl ich gern. Vielleicht übernehmen Sie das ja auch, liebes Ministerium.) Wohnung, kein Problem. Muss ja nur schnell einen Nachmieter finden. Und dann die Wohnung auf Vordermann bringen und schnell umziehen. Geht schon irgendwie. Die Kinder geb ich halt in die Kita. Ach ups. Das geht ja nicht, die haben ja Sommerpause. Irgendwie hab ich den Eindruck, auch diese Möglichkeit ist nicht so richtig realistisch. Aber da ist ja noch eine dritte.

Die dritte Möglichkeit gefällt mir am besten: Ich muss nicht antreten. Es ist ja sowieso besser, wenn ich zu Haus bleibe und mich ordentlich um meine Kinder kümmere, musste ich mir in letzter Zeit des Öfteren anhören. Ein halbes Jahr Elternzeit dranhängen, oder gar ganz zu Haus bleiben, ein paar Jahre halt. Bis die Kinder größer sind, vielleicht so bis zum Ende der Grundschule oder etwas länger. Mein Mann, der verdient doch ordentlich. Und bei drei Kindern, da muss sich schließlich auch einer kümmern. Um meine Rente muss sich niemand kümmern. Darum kümmern Sie sich ja, liebes Ministerium. Und wenn ich doch so sehr auf das Geld angewiesen bin (weil ich so gierig bin, nicht etwa, weil ich laufende Kosten habe, die beglichen werden wollen und weil es auch ein Leben nach der Arbeit geben soll, geben muss), kann ich ja ab Februar wieder einsteigen. Ich muss ja nur einen neuen Versetzungsantrag stellen und hoffen, dass ich wieder so ein schönes Angebot bekomme. Diesmal vielleicht neunzig Kilometer. Und diesmal ohne Sommerferien für den Umzug. 

Ich finde diese Möglichkeiten, die sich mir hier eröffnen, so wundervoll, dass ich meine Freude darüber in einem offenen Brief an Sie ausdrücken möchte. Ich möchte ausdrücken, wie froh ich bin, dass sich die intensive Arbeit im Referendariat gelohnt hat. Mein exzellenter Abschluss wird belohnt mit einer Stelle. Ich darf Geld verdienen, als Lehrerin arbeiten. Ich darf zurückgeben, was mir gegeben wurde. Ich bin glücklich. Ich bin so glücklich, dass ich es in die ganze Welt hinausschreien möchte, mein Glück. Echter Lohn für echte Arbeit. Echte Anerkennung und echte Familienfreundlichkeit. Vereinbarkeit von Familie und Beruf, das schreibt man in Deutschland mit großen Buchstaben. Der Staat selbst kümmert sich darum. Und weil er sich so gut kümmert, habe ich diese drei wunderbaren Möglichkeiten. Andere haben nicht mal das. Sie haben gar keine Arbeit. Ich möchte mich dafür bedanken, liebes Ministerium. Neulich, als ih mit einer entfernten Bekannten über das Versetzungsdilemma sprach (noch theoretisch - ich hatte ja keine Ahnung!), empfahl ich uns: Wir sollten doch dankbar sein. Immerhin haben wir was. Jetzt habe auch ich endlich „was". Die Dankbarkeit strömt mir aus allen Poren und ist so auf diesem Blog hier gelandet. Es tut mir furchtbar leid, dass ich den Dienstweg nicht eingehalten habe. Manchmal bin ich etwas emotional.

Freundliche Grüße

Ihre Heike

Kommentare:

  1. Wahnsinn, das macht einen echt sprachlos. Man konnte sagen wenigstens hast du einen job, aber das ist einer wie keiner. Ich selbst war im öffentlichen Dienst tätig, Vertrag wurde in der Elternzeit nicht verlängert, nach 4 Jahren. Nun, leider auch hier kein Einzelfall. Ich wünsche dir viel Kraft. Was machst du eigentlich? Kannst du noch ein Versetzungsantrag stellen?

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    1. Nein. Erst im Februar wieder. Dann wird neu gewürfelt.

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    2. Also ist eine Kombination aus 2&3 auch nicht möglich, oder? Also ein halbes Jahr planen für den Umzug (falls das überhaupt eine Option ist...).
      Es soll nicht polemisch klingen, aber ist das nicht auch ein "fächerabhängiges" Problem? Also dass Du zum Beispiel eine Kombination hast, die AUSGERECHNET 75km weit entfernt gesucht wird, und dass man zum Beispiel halt NICHT den Englischunterricht durch weitere Sportstunden ersetzen kann, weil gerade dafür sich eine einheimische Lehrerin bewirbt? Und ich mein das gar nicht böse, sondern wirklich als Frage...

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  2. Wie es aussieht hat der öffentliche Dienst sich umfassend an die freie Marktwirtschaft angepasst. Denn so eine Stelle vorgepackt zu bekommen ist nichts anderes, als bei einer Auflösung von Zweigniederlassungen bei großen Firmen. Da wird den Mitarbeitern nicht gekündigt, sondern angeboten, dass sie in der Zentrale weiterarbeiten dürfen. Die liegt natürlich sonstwo und ewig kann dort auf die neuen Kollegen auch nicht warten. Klingt doch ganz nach dem Problem oben und riecht sehr danach, dass diese Praxis langsam aber sicher zum deutschen Standard wird.

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  3. krasse Scheisse...mehr fällt mir zu der bitteren Wahrheit nicht ein
    LG MICHI

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  4. Oh wunderbares Deutschland! Da heuchelt die Politik schon Seit Jahren fast glaubwürdig ihr großes Engagement zum Thema Vereinbarkeit. Un heraus kommen Dinge, die sich immer nur für unsere Rentner ("wir hatten es ja damals nicht so einfach") oder das Ausland toll anhören. Was können wir nicht alles in Deutschland: Wir haben den Mutterschutz, das Eltergeld, die Elternzeit, das Kindergeld, einen Rechtsanspruch an unsere alte Stelle zurückzukehren und sogar den Anspruch auf einen Kitaplatz. In der Realität kenne ich allerdings nur Mütter, die Monate- oder Jahrelang um einen völlig überteurten Kitaplatz mit furchtbaren Öffnungszeiten kämpfen um die Möglichkeit zu haben, an einen Arbeitsplatz zurückzukehren, an dem sie mittlerweile betriebsbedingt andere Aufgabenbereiche betreuen (schlechtere) oder an einem anderen Ort eingesetzt werden (weiter weg). Natürlich empfinde ich das nur subjektiv als Schikane, schliesslich ist der Arbeitsmarkt ganz scharf auf gut ausgebildete Mütter, die im entferntesten von so etwas wie work-life-balance träumen.
    Leichter ist in den vergangenen Jahren eigentlich nur eines geworden: Müttern mangelndes Engagement vorzuwerfen, wenn sie nicht früh nach der Geburt wieder arbeiten gehen.

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