Mittwoch, 23. Juli 2014

Das Kind anschauen und nicht die Tabelle

Gestern war ich beim Arzt. Zur Vorsorgeuntersuchung mit Kind A. Kind A ist jetzt ein halbes Jahr alt und da war es Zeit, wieder etwas Vorsorge zu betreiben. Ich habe nichts gegen Vorsorgeuntersuchungen. Überhaupt nicht. Ich mag sie gern. Da wird gemessen, gewogen, verglichen, eingeordnet, systematisiert, gewertet, gewarnt und geratschlagt. Das hilft, wenn man unsicher ist. Und wenn man sicher ist, hat man wenigstens mal jemanden, mit dem man auf gleicher Ebene reden kann. Und unterschiedlicher Meinung sein darf. Was mir aber gestern wieder klar geworden ist: Bei aller Wichtigkeit der Vorsorge und Zwischensorge und Akutversorgung und sämtlichen anderen Sorgen, scheint uns der Blick fürs Kind doch ein wenig abhanden zu kommen. 
Wir schauen immer weniger das Kind an und immer öfter die Tabelle. So wie mein Arzt gestern.

Mein Kind ist gestern kritisiert worden. Eigentlich aber natürlich ich. Denn das Kind kann ja nix dafür. Es hätte nicht genug zugenommen. Über konkrete Zahlen haben der Arzt und ich dabei nicht gesprochen. Die Kleine war zuvor von der Schwester gewogen worden, die Zahlen in die Kurven eingetragen. Der Arzt sah das Kind. Aber er sah vor allem die Tabelle. Und die Zahl, die dort stand, zeigte nur 800g mehr als bei der U4 vor ein paar Monaten. 
Es folgte ein sehr intensives Gespräch über die Ernährungsgewohnheiten meines Kindes, das ich nur so locker wegsteckte, weil ich das Babystadium nun schon zweimal durch hab und zumindest in diesem Bereich ungefähr weiß, was mir persönlich wichtig ist und ich glaube das ist das Wichtigste. 
Die Fragen sind sicher normal und völlig verständlich, aber sie machen auch unsicher. Verdammt unsicher. Was ich dem Kind denn zu essen gäbe? Ob ich es noch stillen würde? Ob es schon feste Kost bekäme? Ob es nachts noch sehr oft trinken würde? Ob das Kind schon vom Familientisch mitessen würde? Ob es schon Kekse bekäme? Alle diese Fragen wurden mir im Anschluss an die Aussage gestellt, mein Kind nähme nicht gut genug zu. 

Dabei schaute der Arzt auf die Tabelle und ich schaute auf mein Kind. Und ich dachte: irgendwas stimmt doch hier nicht. Reden wir vom selben Kind? Aber ich wollte ihn nicht in Frage stellen. Hätte ich es mal getan. Eine einfache Frage hätte gereicht. Die nach der konkreten Zahl. Die Schwesternschülerin hatte falsch gemessen und - ich war heute zum Nachwiegen noch einmal in der Praxis - sich um 1,3 kg verwogen. Das gesamte Gespräch beruhte so auf einer falschen Zahl. Hätte dort das tatsächliche Gewicht gestanden, 7,8 kg, wir hätten ein komplett anderes Gespräch geführt, ich bin mir sicher. So haben wir dieses geführt und ich habe es an mir vorbeirauschen lassen, um abends die falsche Zahl im U-Heft zu entdecken. Vorbeirauschen deshalb, weil ich auch beim dritten Kind lieber das Kind anschaue als die Tabelle. Ich würde mir wünschen, dass alle das tun.

1 Kommentar:

  1. Richtig so..... Kind anschauen.. Tabellen sind Tabellen. Natürlich muss man handeln, wenn ein Kind extrem wenig zunimmt.... und dabei krank aussieht, schwach ist etc. aber man muss das Kind ansehen.....

    Und es stimmt: du hast für dich das Glück eine erfahrene Mama zu sein... aber speziell die Erstmamas kann man mit solchen Gesprächen arg verunsichern.

    Alles Gute für die kleine Maus....

    *immer noch fassungslos wegen der Keksfrage zur U7a!!!*

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