Donnerstag, 5. Juni 2014

Die Stimme einer Einzelnen

In letzter Zeit lese ich immer mal wieder Rechtfertigungstexte für Blogs, vor allem aber die Mama-Blogs sind davon betroffen (Einen sehr, sehr lesenswerten findet ihr übrigens bei der Frischen Brise hier). Da ich viel über meine Familie und meine Kinder erzähle und auch bei den Brigitte Mom Blogs gelistet bin und wohl auch in erster Linie deshalb, weil ich eine Mutter bin, ist mein Blog auch so ein Mama-Blog. Ich fühle mich dadurch auch gar nicht angegriffen, aber so richtig identifizieren kann ich mich mit dieser Bezeichnung auch nicht, weil ich eben nicht nur Mutter bin. Was ich aber überhaupt nicht leiden kann, ist die abwertende Verwendung des Begriffs Mamablogs. Für mich steckt dahinter zweierlei 

- Was Mütter zu sagen haben, ist im Allgemeinen unwichtig.
- Blogs sind belanglos. Mütterblogs sind am belanglosesten.

Wie ich das finde? In erster Linie furchtbar schade. (#irgendwasmitTellerrand)

In meinem letzten Schuljahr habe ich eine Unterrichtseinheit zu Blogs in einer Oberstufenklasse durchgeführt. Dabei waren die Rückmeldungen der sogenannten digital natives (in Wirklichkeit stellte sich aber heraus, dass die meisten von ihnen genau das eben nicht waren, weil sie zum Teil mit rigorosen Einschränkungen, was den Computerzugang zu Hause angeht, leben mussten, was mich sehr erstaunte) eindeutig: Blogs sind nicht ernstzunehmen, da sie nur die Stimme eines Einzelnen sind und noch dazu anonym, was gleichzusetzen ist mit unseriös, einseitig und subjektiv. Ganz nett also, eine witzige Unterhaltung, wenn man sich bei Facebook mal langweilt. Aber ernstzunehmen ganz sicher nicht. Ich war darüber sehr erstaunt, mit einer solch eindeutig ablehnenden Haltung hatte ich gar nicht gerechnet. Ich akzeptiere sie durchaus. Aber ich meine die Basis dieser Kritik  ist in einer grundsätzlichen Technikangst zu suchen, die das Internet und vor allem die sozialen Medien auch 2014 manchen Menschen verursachen. 

Ich für meinen Teil bin tatsächlich mit dem Internet groß geworden. Es wird viel geschrieben darüber, wie gefährlich es sei, weil das böse Internet "nie vergisst" (es sei denn man macht eine aufwendige Meldung bei google), weil es nur der Selbstdarstellung diene und weil keine echten Kontakte entstünden. Immer wieder begegnen mir im Internet Aufrufe, ich solle meinen Blick wieder auf das echte Leben richten statt immerzu auf das unechte im Internet zu schauen (Video Look Up - einen guten Kommentar zum Look Up Video findet ihr hier). Dabei wird immer wieder die Unterscheidung gemacht zwischen echt und unecht, real life und fake life und die Behauptung aufgestellt, die sozialen Medien seien alles andere als sozial. 
Ich kann mit solchen schwarz-weiß-Sichtweisen nichts anfangen, denn ich führe mein Leben weder nur außerhalb des Internets noch ausschließlich darin. Die zwei Lebenswelten lassen sich schlecht voneinander trennen, denn sie sind beide gleichwertiger Teil meines Lebens geworden. Und das ist auch gut so. Einen guten Kommentar zum Problem der Trennung zwischen digital und analog findet sich übrigens hier.

Was mir Blogs und andere Plattformen im Netz bedeuten

- Ich kann mich treiben lassen: Von Thema zu Thema. Von Welt zu Welt. Einfach fallen lassen und neue Dinge entdecken. Mich inspirieren lassen.

- Neue Sichtweisen: Beinahe täglich stolpere ich über völlig neue Perspektiven, Blickrichtungen. Lebensweisen, von denen ich nichts wusste, die mich gedanklich bereichern und meinen Horizont erweitern (zuletzt z.B. hier).

- Ich erhalte Einblicke in Privates und erfreue mich daran: Genauso wie ich gerne in die Fenster schiele, wenn ich an Häusern vorbeilaufe, bin ich im Internet neugierig auf andere Menschen. Will sehen, wie sie leben, was sie glücklich, traurig, zufrieden oder wütend macht. 

- Ich tausche mich aus: Ich frage nicht gern einen Menschen. Ich frage gern viele und schneidere mir dann aus vielen Handlungsmöglichkeiten meinen eigenen Weg. Dafür ist es wichtig, dass ich in möglichst kurzer Zeit die Handlungsmöglichkeiten vor mir sehen kann. Das ermöglichen mir die sozialen Medien und die Recherche im Internet.

- Kontakte: Ich habe schon oft den Wohnort gewechselt in meinem Leben. Es begann in der Uckermark, ein Jahr in den USA, ein paar Studienjahre in Mecklenburg, ein paar Jahre in Ungarn, jetzt das dritte Jahr in Bayern und ich nehme an, auch hier ist unsere Zeit begrenzt. Die Möglichkeit trotzdem mit Menschen in Kontakt zu bleiben, die mir wichtig sind, nutze ich. Ich finde nicht, dass diese Form des Kontakthaltens weniger echt ist. Manchmal ist es genau ein Kommentar im Netz, den ich an einem schwierigen Tag brauche, um wieder klar zu werden. Das fühlt sich gut an. Und echt.

- Nachrichten: Ich informiere mich auf Blogs über das Weltgeschehen. Ich halte sie nicht für schlechter und subjektiver als die großen Massenmedien. Auch hier gilt der Grundsatz: Die Auswahl trifft der Leser. Man kann sich in der BILD-Zeitung über das Neueste informieren. Muss aber nicht.

Diese Liste könnte ich noch eine Weile fortführen, aber wie immer rennt mir nun die Zeit davon. Auch das ein Aspekt, den ich speziell an meinem eigenen Blog liebe. Ich schreibe. So wie ich Zeit habe und so wie es in mein Leben passt. Mein Leben ist nicht der Mittelpunkt der Welt. Das soll es auch gar nicht sein. Aber meine Stimme ist eine Stimme von vielen. Die Stimme einer Einzelnen. Einer Frau. Einer Lehrerin. Einer Mutter. Im Gegensatz zu den Schülern und Schülerinnen im letzten Jahr, glaube ich, dass diese verdammt wichtig ist, auch wenn sie sich nur Gehör in einem Blog verschafft.

Kommentare:

  1. Super, du bringst es auf den Punkt. Genauso sehe ich es auch. Es liegt natürlich auch an der Nachrichtenüberflutung im Netz, das private Blogs nicht so wahrgenommen werden, wie sie es verdienen.
    Das "Filtern", Lesen und Kommentieren (und schreiben) von Blogs nimmt Zeit in Anspruch, die nicht jeder hat oder sich nicht nehmen will. Ich muss mich ständig entscheiden, lese ich die Blogs, die mich interessieren oder ein Buch? Manchmal ist es schwierig...
    Liebe Grüße, Kirsten

    AntwortenLöschen
  2. Ich lese nicht so oft in Blogs von Müttern (Familien allgemein), weil die Lebensrealität so weit weg von meiner ist. Dieser Aspekt taucht in solchen Diskussionen dazu "was Blogs sind/bedeuten" auch nur selten auf.

    Und: dass viele private Blogs untergehen liegt glaube ich auch manchmal an den gleichen Strukturen, wie sie außerhalb der Internetkommunikation da sind.
    Wer besonders (laut/schrill/...) ist, der wird auch gehört und gepusht- und zwar an allen vorbei. Da greifen dann plötzlich Faktoren wie: welchen Bloganbieter hat man (Google, Wordpress, eigene Homepage- kostenloses Blog oder bezahlter (werbefreier) Webspace- wo gelistet und warum, beworben oder nicht...), welche Themenschwerpunkte hat man und was bedient die Masse (wer die Masse nicht bedient, der bekommt nicht die Aufmerksamkeit der Masse...) und alles sowas.
    Eigentlich bloggt man ja, weil man was zu erzählen hat und deshalb ist die Abwertung von Blogs ganz allgemein immer blöd.

    Viele Grüße und danke für die Verlinkung zu mir ;-)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja da ist was dran. Erinnert mich auch manchmal an Gruppenstrukturen, wie sie in jeder siebten Klasse herrschen. Sehr amüsant eigentlich. Aber manchmal auch ein wenig frustrierend. Nischenprodukte sind aber dennoch erfolgreich, wenn sie die richtige Nische finden.
      Gern geschehen.

      Löschen