Dienstag, 3. Juni 2014

Da ist Diplomatie gefragt.

Heute habe ich mich mit gleich zwei fremden Müttern unterhalten. Das ist gewaltige Zahl für meine Verhältnisse, denn normalerweise begegne ich fremden Müttern selten. Manchmal treffe ich mich mit befreundeten Müttern, aber das ist im Grunde noch seltener. Treffen mit fremden Müttern versuche ich allerdings meistens sogar zu vermeiden, denn die Gespräche mit ihnen gleichen einem Spaziergang über ein Minenfeld. In irgendeine Falle latsche ich immer. Diese Gespräche sind die hohe Kunst der Diplomatie, denn so vorsichtig kann man gar nicht formulieren, dass eine Mutter sich nicht automatisch beginnt zu verteidigen. Ich habe es dennoch heute versucht. Gleich zweimal. Und zweimal musste ich in eine komplett andere Richtung schiffen, um aus dem Fettnapf wieder herauszukommen.

Gespräch Nummer eins: Die Nachbarin mit ihrem 5-Wochen-alten-Säugling.

Ich gratulierte zur Geburt. Das Geschlecht hat sie mir gesagt. Ich habe es vergessen. Zur Zeit bin ich froh, wenn ich meinen eigenen Namen behalte. Aber das gebe ich ungern zu. Der erste große Napf. Ich musste nochmal fragen. Dann fragte sie aber nach dem Geschlecht meines dritten Kindes. Situation gerettet. Aber irgendwie war das Gespräch nun angezettelt und dann fragte ich:
Und wie klappt das mit dem Stillen? Wie bescheuert von mir. Sie war nur deswegen nicht beleidigt, weil ich auf ihre Antwort: Ich stille nicht., sofort beschwichtigend reagierte. Denn verteidigt hat sie sich natürlich prompt. Obwohl meine Frage nicht angreifend gemeint war.
....das wäre nichts für sie, dann könne man sich ja nicht abwechseln, die Flaschenmilch ist so gut und praktisch und so weiter. Es wäre zwar auch unheimlich praktisch zu stillen, vor allem nachts, aber dafür gibt es ja auch Lösungen: Na und da war mein Einstieg. Ich hatte von befreundeten Müttern gehört, was es alles für Zaubermittel gibt heutzutage, damit man für den Säugling zu jeder Tages- und Nachtzeit wohltemperierte Milch oder zumindest Wasser bereithalten kann und es nicht zu hastigen Aufwärmaktionen mitten in der Nacht kommt. 
Wir redeten dann eine ganze Weile über diese Gerätschaften. Nein, wir redeten nicht. Ich hielt einen beeindruckenden Vortrag. Ich wollte ihr unbedingt beweisen, dass alles gut und richtig ist, was sie macht, auch wenn sie nicht stillt. Denn die Entscheidung, dass sie dies nicht tut, wird wohl bedacht und begründet sein. Abgesehen davon liegt es nicht in meinem Ermessen, dies zu beurteilen. Das mache ich aber natürlich, wenn ich annehme, dass sie auf jeden Fall stillt. Denn eine gute Mutter.....
Ich fühlte mich aber trotzdem irgendwie unangenehm berührt, denn eigentlich bin ich Stillfan und finde Flasche doof. Ich glaube dennoch, dass ich mich in so einem Moment zusammenreißen muss und meine Meinung lieber für mich behalte. Da ist eben einfach irgendwie Diplomatie gefragt.
Das Problem ist nur, man weiß ja vorher nie so genau was einen erwartet, bei ner fremden Mutter. Wie sie das so macht, kann man nur erahnen. Deswegen das mit dem Minenfeld.

Am Nachmittag sprach ich mit der Frau eines entfernten Bekannten meines Mannes. Baby, sechs Monate, voll gestillt. Nach der Erfahrung am Morgen stellte ich meine Frage anders: Stillst du? Und wieder Fettnapf. Denn hier traf ich eine überzeugte Stillmutter, für die Stillen das einzig Wahre und Richtige ist. In meiner Frage steckte die Möglichkeit, dass sie nicht das Beste und Richtigste für ihr Kind wollen könnte, indem sie es eventuell nicht stillt. Das steckte da natürlich nicht drin. Ich wollte nur vorsichtiger formulieren nach der vormittäglichen Erfahrung. Puuuuhh. Danach haben wir uns sehr lange über die wahnsinnigen Vorteile vom Langzeitstillen unterhalten und wie praktisch das nachts wäre und dass man sich ja keine lästigen Gerätschaften besorgen müsse und alles immer gleich temperiert hätte. Ich kam mir ein bisschen blöd vor in der Erinnerung an das morgendliche Gespräch.

Was ich wollte, war allerdings nur, so diplomatisch wie möglich zu sein. Nachzufragen, mich zu interessieren, nett zu sein, ohne zu sehr einzudringen in die Privatsphäre und vor allem, ohne in irgendeiner Form zu beurteilen oder zu werten. Denn ich erlebe es immer häufiger in Gesprächen, dass Mütter sich verteidigen. Wie sie ihre Babys ernähren, wie sie sie erziehen, wie sie mit ihnen spielen, wie sie ihre Freizeit verbringen oder dass sie überhaupt welche haben wollen. Dass sie kein schlechtes Gewissen haben, wenn sie wegfahren und dass sie überhaupt ohne ihre Kinder wegfahren wollen. Diese dauernden Verteidigungen führen dazu, dass ich mich bei vielen Unterhaltungen bisschen wie auf dem Minenfeld fühle. Diplomatie ist da gefragt. Und ich hab den Eindruck, daran hapert's noch bisschen.


1 Kommentar:

  1. Danke für diesen Text. Mienenfeld trifft's total! Ich lauf da auch sehr oft drüber und fast immer geht eine hoch. Rechtfertigen und Verteitigen ist das, was Mütter unter "sich austauschen" verstehen. Darum lass ich den Austausch gern bleiben wenn ich kann ;)

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