Dienstag, 27. Mai 2014

Viel Vertrauen und ein bisschen Leichtsinn

Nachdem ich neuerdings bei Twitter bin, finde nicht immer ich die Themen für meinen Blog, sondern die Themen immer häufiger mich. Man möge es mir verzeihen. Diesmal geschehen durch Johannes Korten. Er ruft auf seinem Blog zur #Mutmachparade auf, eine Blogreihe, in der es um Mut gehen soll (hier der Blogpost dazu). Dazu fällt mir was ein. Was sehr persönliches.

Ich habe in meinem Leben viele Dinge getan, die im Allgemeinverständnis häufig als mutig gelten. Ich bin einmal mit meinem Bruder in Südfrankreich mit einem Bungeeseil 50 Meter in die Tiefe gesprungen und hab darauf vertraut, dass das Seil hält. 
Ich bin einmal aus 3000 m Höhe aus einem Flugzeug gesprungen und hab darauf vertraut, dass der Fallschirm mein Überleben sichert. 
Ich habe mit 15 meine Familie für ein Jahr verlassen, um in einem anderen Land zu leben und hab darauf vertraut, dass das eine der schönsten Erfahrungen meines Lebens sein wird. 
Ich bin mit 27 Jahren nach Ungarn gegangen und habe darauf vertraut, dass ich diese Sprache schon irgendwie lernen werde. 
All das wurde mitunter als mutig empfunden oder auch so bezeichnet, von anderen. Aber all das war nichts gegen den Mut, den ich im März letzten Jahres brauchte, als ich mit meinem Mann zusammen feststellte, dass Kondome tatsächlich abrutschen können (Bis dato war uns das auch klar, aber sowas passiert ja eigentlich immer nur den anderen!) und mich das erste Mal in meinem Leben erst nach der Zeugung für ein Kind entschied.

Ich war gerade mitten im größten Referendariatsstress. Im September 2012 hatte ich die Ausbildung begonnen und war gerade in den vierten Ausbildungsabschnitt gesprungen, nachdem die Genehmigung, das Ref zu verkürzen, durch war. Meine Examensarbeit hatte ich gerade in einer langen Ferienwoche fertig geschrieben und war furchtbar stolz, dass ich das schon hinter mir hatte und nur noch die Prüfungen und die letzte Lehrprobe vor mir lagen. Der Teil des Refs, den ich vor mir hatte, war nun kürzer als der, den ich schon hinter mich gebracht hatte. Die schlimmsten Krankheitsphasen des ersten Krippenjahrs unserer Jungs waren überstanden (sie waren zu dem Zeitpunkt 1 Jahr und 2 Jahre alt) und ich genoss die wiedergewonnene Freiheit meines Körpers. Ich stillte nicht mehr, worüber ich traurig war, aber ich freute mich auch, dass mein Körper wieder nur für mich funktionierte. Die Hormonumstellung war erst zu diesem Zeitpunkt wirklich richtig abgeschlossen. Kurzum: Ich war zufrieden mit der Gesamtsituation. Und auch mit der aktuellen Kinderanzahl in unserer Familie. Und dann passierte, was passierte.

Meine erste Handlung bestand darin, alle Daten in 20 verschiedene Eisprungkalender im Internet einzugeben, um dann festzustellen, dass die sich nicht sehr unterschieden. Alle bestätigten mir, was ich vielleicht vorher hätte wissen müssen, wenn mir soviel daran lag, nicht schwanger zu werden: Wir hätten keinen viel schlechteren Zeitpunkt treffen können. Mir war ziemlich schnell klar, das hat geklappt. Oder das ist schief gegangen (abhängig von der Sichtweise), auch wenn es zu diesem Zeitpunkt natürlich keine Garantie gab. 
Den Rest der Nacht verbrachten wir mit Reden. Überlegen. Wieder Reden. Noch mehr Überlegen. Noch ein Kind, das passte nicht. Aber was vor allem nicht passte, war noch eine Schwangerschaft. Mir war in beiden vorherigen Schwangerschaften kotzübel, genau dreieinhalb Monate lang. Ich musste mich jeweils mehrmals täglich übergeben und fühlte mich hundeelend. Ich war mitten im Referendariat. Im März passierte es. Drei Monate, das waren April, Mai, Juni. Prüfungszeit, Lehrprobenzeit, Abschlusszeit. Alles mit Schwangerschaftsübelkeit. Das pack ich nicht, dachte ich. Wie soll das gehen? 
Und dann fiel mir ein, wie ich all die anderen Situationen in meinem Leben bis dahin gemeistert hatte, in denen ich oder andere mir gesagt haben, dass ich irgendwas nicht packe: mit Vertrauen. Ich wusste in dieser Nacht nicht, dass ich tatsächlich schwanger geworden war. Aber ich entschied mich, darauf zu vertrauen, dass ich damit umgehen könnte, wenn es so wäre. Ich vertraute darauf, dass ich einen Weg finden würde. Musste. Und fuhr nicht ins Krankenhaus, um mir die Pille danach zu besorgen. Im Nachhinein betrachtet, bin ich mir nicht mehr so sicher, ob das überhaupt mutig war. Vielleicht war es auch einfach ein bisschen leichtsinnig. So leichtsinnig, wie auf die Sicherheit von Kondomen zu vertrauen, wenn man nicht schwanger werden will vielleicht. Das Ergebnis dieses Leichtsinns liegt gerade neben mir, während ich diesen Text schreibe. Sie ist heute viereinhalb Monate alt und das willkommenste Baby der ganzen weiten Welt. Ich kann mir keine schönere Belohnung für meinen Leichtsinn vorstellen und auch wenn mein Körper sich immer noch von den Strapazen dreier Schwangerschaften in drei Jahren erholt, bin ich heute froh über meine Entscheidung letztes Jahr.


Mutig sein heißt für mich in erster Linie, Vertrauen zu haben. In was auch immer. Ob das Gott ist, die Umstände, ein Partner, eine Partnerin, Freunde, Familie oder einfach in die Zukunft. Oder wie bei mir in meinen Körper. In dieser Nacht beschloss ich jedenfalls, in meinen Körper zu vertrauen, und fand mich das erste Mal in meinem Leben verdammt mutig.

PS:
Andere interessante Beiträge zum Thema Mut finden sich hier:


Mut ist, wenn man auch weglaufen könnte - Frau Heike
Wir sind in die Welt gestellt, um zu leben - berlinmittemom
Aus Angst wird Mut und Heldentum - Mama notes
An die Sonne glauben können - vomwerdenzumsein

Kommentare:

  1. Wie schön, dass du mutig warst.
    Für dich, euch, die Kleine, uns, die Zukunft, ...

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  2. danke für diesen berührenden Text... und für deinen Mut!

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