Freitag, 30. Mai 2014

Schön sind oft nur die anderen

Mein jüngstes Kind ist nun 18 Wochen alt und da bin ich mittendrin im Hormonschlamassel und suche den Weg nach draußen. Jeden Morgen ziehe ich ein Riesenbüschel Haare aus der Bürste und meine Haut sieht aus als wäre ich wieder 15. Nicht im positiven Sinne, weil glatter und weicher, sondern pickeliger. Dazu kommt bleierne Müdigkeit, ein Gehirn wie ein Sieb und Fingernägel, die auch nicht mehr das sind, was sie einst in Schwangerschaftsblüte mal waren. Wenn es nicht so verdammt anstrengend wäre, würde ich allein wegen der schönen Fingernägel und Haut nochmal schwanger werden. Aber nun, zum dritten Mal post partum, denke ich manchmal: wenn überhaupt noch ein Kind, dann nicht über meinen Körper.

Von außen und weitem sieht man eigentlich nicht so viel. Vor allem, weil das Hauptproblem, das Frauen häufig nach der Schwangerschaft haben, für mich aus unerfindlichen genetischen Gründen keins ist: Zu viele Kilos. Ich bin 1,80 m und wiege zur Zeit 63 kg. Hochschwanger waren es 74 und davor 60. Ich habe jetzt drei Kilo mehr als vorher, aber das würde ich nicht als Problem bezeichnen. Ansonsten sieht man mir an, dass ich müde bin und mein Leben anstrengend ist, aber auch das war schon immer so. Ich bin die, die immer gefragt wird, ob es ihr nicht gut geht, wenn sie ungeschminkt das Haus verlässt. Natürliche Blässe nennen das die Euphemisten grünliche Gesichtsfarbe die Direkten. Die Farbe filtere ich mir dazu und sehe dann so aus:

Aber wie das so ist, mit den Frauen und ihrem Aussehen, sehe ich sehr wohl. Und zwar ganz genau. Da, wo vor kurzem sich noch ein Riesenbauch wölbte, schlägt sich jetzt mein Bauch in Falten, weil er nicht weiß, wohin mit sich. Da wo vor kurzem noch das Blut für meine Tochter durch die Beine strömte, schimmern die Adern heute viel intensiver als früher. Da, wo sich vor kurzem ein Geschöpf von 4 kg durchpresste, suchen die Muskeln nach Halt und alles fühlt sich wackelig an. Meine Mitte fehlt. Sie liegt neben mir und schlummert sanft. Und mein Körper versucht die Aufarbeitung. Immernoch.

Bisher ist mir das vor allem seelisch gelungen und darüber bin ich sehr froh. Das ist ein wichtiger Schritt. Geburt und Dreifachmamawerdung, das zu verarbeiten, hat lang gedauert. Dass ich damit nun fertig bin, merke ich daran, dass mein Blick auf meinen Körper fällt. 
Vor kurzem habe ich das Video zur Embrace Documentary gesehen. Es ist euch sicher schon über den Weg gelaufen. Darin wurden Frauen befragt, welches Wort ihnen zu ihrem Körper einfällt. Mit Entsetzen sah ich ihre Antworten und weinte. 



Und dann lag ich neulich im Bett, schaute an mir runter und sah, dass mein Bauch diese Falten schlug. Da wo vor kurzem noch meine Tochter war - es fühlt sich an, als wenn es gestern war - ist jetzt eine Fettschicht, zugegebenermaßen sehr dünn - und ein Haufen faltige Haut. Und ich dachte: wie eklig.

Und dann: Stopp. Ich erinnerte mich an die Frauen in dem Video. An ihre Gesichter, wie sie sagen: eklig, abstoßend, disgusting. Ich erinnerte mich, wie ich dabei in ihre Gesichter schaute und nicht begreifen konnte. Die meisten der Frauen sehe ich noch heute vor mir. Diese schamhaften Blicke, diesen unbegreiflichen Hass auf den eigenen Körper. Und diese schönen Gesichter. Ich erinnere mich, wie absurd ich die Aussagen fand, wie ich jede Einzelne irgendwie schön fand. Ein Lächeln, ein Blick oder eine Hautfalte, jede hatte was. Und dann erinnerte ich mich an das beautiful body project von Jade Beall (hier entlang) und schoss dieses Foto von meinem Bauch. Gleich danach bastelte ich mit Filtern herum und versuchte das Bild zu verschönern, damit es nicht ganz so hässlich aussehe. Damit es ein bisschen schöner wird. So schön wie die Bilder bei Jade Beall. Und dann schoss ich noch eins und noch eins und bastelte wieder. Es wurde nicht schöner. Ich fand es immernoch hässlich.
Heute teile ich es mit euch. Ohne Filter, unbearbeitet. Mein post-partum Bauch. Was hat die denn, da is ja gar nichts, werdet ihr vielleicht sagen. Und genau das ist es nämlich mit der Selbst- und Fremdwahrnehmung. Schön sind nämlich oft nur die anderen.



Und jetzt bin ich dann mal weg. Und fülle den post partum Bauch mit Kuchen.

Kommentare:

  1. Das ist mein absoluter Lieblings-Blogeintrag von dir, den muss ich direkt mal kommentieren. Als ich dich gestern gesehen habe, dachte ich mir so "wahnsinn, wie die aussieht nach drei Kindern - dieser flache Bauch!"- und dachte an meinen nach nur zwei Kindern. Und an die Falten und Röllchen und dass ich jetzt immer das Licht ausmache im Bett mit meinem Mann... Und an die Kommentare der Anderen - wie schön schlank ich sei, und wie ich das nur mache und ... Soviel zur Fremd- und Eigenwahrnehmung. Das war mutig von dir - besonders das Bild. Ich glaube, ich werde meinen Bauch auch mal fotografieren ...

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    1. Och, danke. Das freut mich. Wenn es ganz schnell geht mit dem Schreiben, ist es manchmal am besten.
      Würd ich im Übrigen bei dir auch nicht drauf kommen. (Stichwort Selbst- und Fremdwahrnehmung)

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  2. Ein Post, der mir aus dem Herzen spricht. Und obwohl wir Frauen wissen, dass wir viel zu selbstkritisch sind, können wir oft doch nur schwer aus unserer Haut. Manchmal fühlt man sich wohl und findet sogar die kleinen Spuren, die die Schwangerschaft dem Körper zugefügt hat, schön. Weil sie zeigen, was unser Körper geleistet hat. An anderen Tagen möchte man sich eigentlich nur einen neuen Bikini kaufen und würde dann in der Umkleide am liebsten in Tränen ausbrechen. Hut ab, dein Bild ist toll! Wenn es etwas mehr davon gäbe und dafür weniger photogeshopte Shape-Cover von Heidi & Co., würden wir alle vielleicht unsere "After-Baby-Bodies"eines Tages vollkommen okay finden?!

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  3. Schwankt eben immer. Genau wie die Laune. Die lässt sich aber schlecht photoshoppen.
    Danke!

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  4. Zu dem Thema schwappte gerade Aleah Chapin grad durch meine Timeline (die Kaltmamsell vielleicht?), die Bilder fand ich auch sehr beeindruckend, z.B. http://www.flowersgallery.com/exhibitions/flowers/2014/aleah-chapin/

    Denn was soll aus uns werden? Noch ein, zwei Jahrzehnte und wir müssen entweder alle voller Selbsthass rumlaufen oder aber irgendwie lernen, unsere Körper zu akzeptieren oder besser zu lieben. Denn niemand (außer vielleicht drei Ausnahmen weltweit) kommt darum herum, das mit dem Alter sich Dinge am Körper ändern.. Ganz schwieriges Thema, ich weiß

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  5. Ich muss wohl mal deinen Blog einmal komplett von hinten nach vorn lesen.
    Dieser Eintrag ist so so toll.

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