Mittwoch, 7. Mai 2014

Nicht für alle Kinder gibt es ein Label

Ein Gespräch, das mit dem Satz "Wir wollen ja keine Diagnose stellen, das können wir auch gar nicht, wir wollen nur...." anfängt, endet in den meisten Fällen doch mit einer Diagnose. Bei uns endete es am Montag mit: "Das Kind entwickelt sich nicht." Untermauert wurde die Diagnose, die keine sein sollte, mit einem ganzen Haufen Symptome. 

Sprache
"Kind P. spricht nicht von allein. Er spricht so viel nach. Er stellt keine Fragen und kann nicht zusammenhängend erzählen. Er spricht Dinge nach, die man ihm vorspricht, aber spricht nicht von allein."

- Wie lernt man eigentlich Sprache? Ich kenne mich damit nicht aus. Ich habe mal irgendwo gelesen, dass man unter anderem durch Nachahmung lernt. Aber das war wahrscheinlich im Internet und eine unsichere Quelle.  

Motorik
"Kind P. hat nicht genug Körperspannung. Er steht über die Seite auf und nicht über den Bauch. Wenn er läuft, hat man den Eindruck, er fällt um." 

- Das wirklich überraschende ist dann aber, dass er eben nicht umfällt.

Feinmotorik
"Kind P. geht nicht gut mit Schere und Klebstoff um."

- Aber er kriegt jede Tür auf. Jede.

Interaktion
"Kind P. ist häufig verträumt und in Gedanken. Er ist manchmal so im Spiel versunken, dass er nicht reagiert."

- Dichter, Denker, Träumer. Hat die Oma schon festgestellt, da war der Junge 4 Monate alt. 

Essen
"Kind P. isst zuviel. Wir greifen nun schon manchmal ein. Er scheint kein Sättigungsgefühl zu haben, so viel, wie er isst."

- Dass er zu dünn ist, das hören wir schon eine Weile. Dass er zuviel isst, ist neu. An dieser Stelle des Gesprächs wollte ich gern die Tischplatte dramatisch umwerfen und aus dem Raum stürmen. Ein Kind, das zuviel isst. Auch das neuerdings ein Symptom. Er wäre dabei so dünn. Wenn doch nur mal einer genau seine Mutter anschauen würde.
Und dann bietet ihm mal ein Stück Schokoladentorte an, nachdem er mit einem leckeren, deftigen Mittagessen fertig ist und kuckt zu, wie er ablehnt, weil er satt ist.

"Kind P. trinkt zuviel. Immer, wenn irgendwo Wasser steht, ist er am Trinken. Auch da müssen wir ihn bremsen."

- Er trinkt schon immer viel. Und immer Wasser. Im Kindergarten stehen Wasserkannen rum. Und Becher. Die Kinder dürfen sich selbst einschenken. Kind P. schenkt gern ein und trinkt eben gern. 

Lernen
"Kind P. scheint nicht langfristig zu lernen. Wenn wir ihn für's Aufräumen loben, dann hat das keinen wirklichen Effekt. Er räumt deswegen nicht besser oder schneller auf."

- Das gleiche Kind hängt hier zu Hause für mich die Wäsche auf, saugt Staub, wischt den Tisch ab und räumt die Geschirrspülmaschine ein. Vielleicht, weil ich immer den Rohrstock raushole, wenn er es nicht macht. 

Emotionen
"Kind P. ist immer fröhlich. Er lacht immer und strahlt viel. Aber er ist nie traurig. Das ist komisch. Wenn ihm jemand ein Spielzeug wegnimmt, dann ist er nicht traurig, sondern sagt höchstens kurz, dass ihm jemand das Spielzeug weggenommen hat. Er sollte doch traurig sein. Auch laut ist er nie."

- Mit Alfred J. Quack: Warum ist er so fröhlich, so fröhlich, so fröhlich, warum ist er so fröhlich, das ist doch nicht normal?

Kind P. passt in keine Schublade. Das fing schon ganz früh mit der Ernährung an (sh. hier) ging mit nicht zeitgerechtem Kopfheben weiter (sh. hier), seiner Faszination für Türen (sh. hier), und endet nicht mit seinem Faible für Schleusentore (sh. hier). Aber ist er deshalb nicht normal? Das Wort Autismus fällt nie, aber es steht immer im Raum. Und ich verlasse auch weiterhin diese Räume, in dem festen Glauben daran, dass es nicht für alle Kinder ein Label gibt.


Kommentare:

  1. Ernsthaft? Da ist man ja schon versucht, die Ausbildungsqualität der Erzieherinnen in Zweifel zu ziehen.
    LG, Micha

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  2. Ja, besonders beim Thema Essen musste ich mich sehr zurückhalten. Alles andere haben wir erstmal freundlich zur Kenntnis genommen.

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  3. Hallo,

    mit Entsetzen habe ich das Gespräch gelesen- ich habe noch nie einen Kommentar etc. geschrieben.
    Aber hier würde ich sofort den Kindergarten wechseln! Wie kann man so über ein Kind reden. Furchtbar.
    Beste Grüße

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    1. Ich war auch entsetzt. Aber emotional wollte ich das nicht entscheiden. Abgesehen davon glaube ich, dass es in vielen Einrichtungen heute schwierig ist für Kinder, die sich nicht in betimmte Ecken pressen lassen.

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  4. Er ist immer fröhlich? Ernsthaft? Da hätte ich ja gefragt, wer denn jetzt ein Problem damit hat...

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  5. Bin grade wieder auf Deinen Text gestoßen.

    Hier war s ähnlich:

    http://frische-brise.blogspot.de/2013/02/hallo.html

    Alles Gute und starke Nerven!

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    1. Danke für den Text. Der ist toll!
      Und für die guten Wünsche.

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  6. Da kann ich jetzt gar nicht viel schreiben, außer vllt sich Rückhalt beim Kinderarzt zu holen. Meiner hat sich tapfer die "Diagnosen" der Erzieherinnen angehört und mich dann wieder beruhigt. Ein Beispiel: Ein Sohn würde so viel ma.stur.bieren und müsse seine Spannungen anders abbauen lernen. Oder ob ich wolle, dass er die nächsten Jahre ständig m****, und das vor anderen Leuten? Ich war voll fertig. Dabei hat er lediglich seinen P**** angefasst, wie das viele kleine Jungs tun, nur halt einige Wochen lang extrem. Dann war das Phänomen schlagartig verschwunden.

    Träumer, Dichter und Denker sind wir hier alle ;O) .

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  7. In welchem Kindergarten ist P.?
    LG Katja (aus der Nachbarschaft ;-) )

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  8. Was sind das denn für "Diagnosen"? Trinken ist gesund, fröhlich sein nicht wirklich schlecht und wenn er nen gesunden Appetit ohe Übergewicht hat, ist es doch gut (zumal so kleine doch noch kaum Übergewicht haben können, oder?).

    Mir scheint die brauchen da grad ne Schublade oder Diagnose...und alles was er tut und wie er ist wird da rein gequetscht, Das braucht doch wirklich keiner, was soll sowas?

    Achso, das mit dem Sprechen...Einerseits ist es durch Nachahmung, andererseits durch Kommunikation, also durch Feedback. Wenn man nur ZU ihm spricht muss er ja nichts antworten, wenn man aber MIT ihm spricht, und eine Antwort nötig ist, dann entwickelt sich das sprechen. Und manchmal, ja manchmal hat man eben keine Lust zu reden...ich auch nicht. :D

    Also wenn man so offensichtlich nach Diagnosen SUCHT, weil man irgendwas braucht, dann sollte man erstmal nach dem Grund bei sich selbst suchen und das Kind in Ruhe lassen. Schönen Gruß von mir an die Damen. :-)

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  9. Also das mit dem Essen und Trinken und einiges Mehr...
    nein, Kopfschütteln

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    1. Hallo Heike!
      Ich habe auch noch nie einen Kommentar verfasst doch heute muss ich das einfach tun, wenn auch leider Anonym, da ich keinen Account unter den aufgeführten Möglichkeiten besitze. Man findet mich auf Instagram unter dem Namen "Elibellest", damit ich nicht ganz so Anonym bin.
      Ich habe selbst eine Zeit lang mit behinderten Kindern gearbeitet, mitunter auch mit "autistischen" Kindern, die zum Teil wirklich verdammt "normal" waren, mit der richtigen Förderung und Integration (mein Gott, definiere "normal", eure liebe Erzieherin sollte mal ihr eigenes Weltbild überdenken, es ist wirklich ein Graus..) nur soviel dazu. Es ist leider schrecklich modern solche Diagnosen zu verteilen und die Verteiler denken oft überhaupt nicht daran wie schwerwiegend diese Diagnoserei für ein solch kleines Leben sein kann. Für ein g a n z e s Leben lang.
      Auch ich würde langfristig überlegen ob der kleine Mann nicht woanders besser untergebracht wäre, nicht überstürzt, aber ich würde mich umsehen. Womöglich nach einem Konzept in dem nicht alles so schrecklich genormt zugehen muss. Nach einem Ort an dem er so sein darf wie er ist, denn er ist mit Sicherheit g u t so. Ich würde mich jedoch umsehen bevor er völlig eingeschüchtert ist und den Glauben in sich und seine Fähigkeiten durch diese tolle festgefahrene Erzieherin verliert.
      Alle großen Köpfe waren zu ihrer Zeit "anders". Nicht "genormt" bedeutet nicht gleich "krank", es ist wundervoll, doch leider tendiert unsere Gesellschaft dazu lieber Marionetten zu erziehen. Bitte lass dir den Glauben an dein Kind nicht nehmen und bleibe so wie du bist :-)

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    2. Hallo!
      Lieben Dank für deinen ausführlichen Kommentar. Ich glaube eben auch, dass das Problem in der Normiwrung liegt. Das erleb ich in der Fortsetzung k ja regelmäßig in der Schule.
      Inzwischen ist er in einem anderen Kindergarten wegen Umzugs. Dort wurde noch kein Wort über irgendwelche Auffälligkeiten verloren. Ich bin gespannt, wie es weiter geht.
      Gruß
      Heike

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    3. Oh das freut mich sehr! Dann wünsche ich euch viel Glück und drücke euch die Daumen dass es so bleibt. Ich spiele langsam bereits mit dem Gedanken die Kids von Anfang an Richtung Montessori oder Waldorf los zu schicken. Gottseidank habe ich noch etwas Zeit ;-))
      Viele Grüße,
      Elibellest

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