Dienstag, 29. April 2014

Offizielle Erlaubnis zum Ekligsein

Eigentlich wollte ich unbedingt Karriere machen. In den letzten vier Jahren habe ich dann vor allem Kinder gemacht. Schließt sich das gegenseitig aus? Für mich nicht. Mit diesem Blogpost reagiere ich auf den Aufruf von  Elke Peetz zum Thema Karriere mit Kind - 100 Probleme - 100 Lösungen. Suse hat mich auf ihrem Blog (hier) darauf aufmerksam gemacht und nachdem ich mich an der Aktion beteiligt habe, will ich auch hier zu diesem Thema schreiben.

Karriere hieß für mich immer vor allem eins: Erfolgreich zu sein, in dem, was ich tue und Spaß in meinem Beruf zu haben. Deshalb habe ich mein BWL-Studium vor mittlerweile fast 15 Jahren auch sehr schnell abgebrochen. Auch wenn ich heute im Gegensatz zu damals glaube, dass nicht die Studienwahl das Entscheidende dabei ist, war ich mir immer sicher, ich wollte etwas tun, das mir vor allem Freude bereitet, denn ich war schon immer schwierig für Aufgaben zu begeistern, die mich nicht wirklich interessierten. Deswegen dämmerte mir während meiner ersten Buchführungsseminare, in denen wir T-Konten führen sollten, dass die Freude für mich woanders zu suchen war.
Die Entscheidung über meinen weiteren Berufsweg fällte dann eigentlich mein Vater. In einem Gespräch am Frühstückstisch, das einen gewissen elterlichen Druck im Sinne von "jetzt musst du dich aber mal langsam entscheiden, was du willst" nicht entbehrte, fragte er mich: "Warum wirst du eigentlich nicht Lehrerin? Eklig genug bist du ja!" Mein Berufswunsch war geboren und ich schmiss mich mit vollem Engagement ins Studium, das ich im Sommer 2007 mit dem ersten Staatsexamen abschloss. Danach war ich dann bis 2010 drei Jahre in Ungarn in Vollzeit eklig. Wer weiß, was Pädagogen in Ungarn verdienen, weiß, dass das vor allem eins gemacht hat, Freude. 

Was mir jedoch in all der Zeit fehlte, war die offizielle Erlaubnis zum Ekligsein - das zweite Staatsexamen. Ich machte in der Zwischenzeit lieber ein Baby. Und weil es so schön war, gleich noch eins. Als beide da waren, stand für mich fest: Jetzt aber schnell mit dem Referendariat, sonst wird's nix mehr mit dem Abschluss und der Karriere. Freude am Ekligsein hatte ich zwar auch ohne meinen Abschluss, aber es fühlte sich nicht richtig an, so weiterzumachen. Deshalb wagten wir im September 2012 den Umzug nach Deutschland und mein Projekt: Referendariat mit zwei Kleinkindern. 
Sucht man nach diesem "Projekt" im Internet, stößt man immer wieder auf Hinweise, dass das nicht ginge und unmöglich zu schaffen sei. Ich nahm mir das trotzdem vor und bin mir heute sicher, dass es vor allem deshalb zu schaffen war, weil es mir Freude gemacht hat.

Es macht mir Spaß zu arbeiten. Mein Beruf macht mir Freude. Kinder und Jugendliche machen mir Freude, selbst wenn sie blöde Fehler in Aufsätzen produzieren und ihre Hausaufgaben zum hundertsten Mal nicht machen. Ich hatte Spaß am Lehrproben entwerfen, hab meine Examensarbeit in einer verlängerten (dank meines wunderbaren Mannes) kinderfreien Woche auf den Punkt konzentriert fertig geschrieben und habe das genossen. Ich war froh, nach zwei Jahren zu Hause wieder intellektuell gefordert zu werden, beruflich anerkannt zu sein und Erfolg durch eigene Leistungen außerhalb der Familie zu spüren. Das alles bereitete mir Freude, die mir über das schlechte Gewissen, das ich gleichzeitig hatte, weil ich meine Kinder viel fremdbetreut sehen musste, hinweghalf. Die Freude über diese neuen Herausforderungen und die beruflichen Erfolge war so groß, dass sich ganz plötzlich noch ein drittes Kind einschlich und ich im vergangenen Herbst statt richtig beruflich durchzustarten, erstmal wieder in Mutterschutz ging.

Fühlt sich das im Nachhinein manchmal falsch an, dass ich meine Kinder so früh so viel fremdbetreuen lassen hab? Ja.
Aber es fühlt sich auch verdammt richtig an, mein zweites Examen endlich in der Tasche zu haben und jetzt auch endlich offiziell so richtig eklig sein zu dürfen. Der nächste Versuch startet im Herbst 2014. 

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