Freitag, 4. April 2014

Mein Bauch ist kein Erziehungsratgeber

Immer wieder lese ich, wenn es um Erziehung geht (zuletzt in der aktuellen Ausgabe der Nido), von diesem ominösem Bauchgefühl, das man dabei haben soll und das einem hilft, die richtigen Entscheidungen zu treffen, wenn das Kind sich im Supermarkt mal wieder auf den Boden wirft oder es mal wieder heißt "MAMA - Maus und Elefant????????"
An vielen Stellen heißt es, man solle sich als Eltern auf seine Intuition verlassen, früher hätte es ja auch nicht so viele Ratgeber gegeben und man wisse eben "aus dem Bauch heraus", was man tun müsse und was das Beste für das Kind sei. Dieser Bauch wäre der beste und zudem der billigste Ratgeber.
Zu diesem Thema möchte ich mal eins klar stellen. Mein Bauch ist, was das angeht, ne ziemlich schweigsame Pappnase. Er sendet mir weder Signale noch sagt er mir, was ich tun soll, auch nicht, wenn ich "genauer auf ihn höre" und erst recht nicht, wenn ich ihn um Rat frage und deshalb auf einen Hinweis warte. Mein Bauch verdaut. Er beherbergt ab und zu Kinder. Er ist mal kleiner und mal größer und er ist mal mehr und mal weniger trainiert. Aber mit Erziehung kennt er sich nicht aus, der Heini. Und ich möchte jetzt auch an dieser Stelle einfach behaupten, dass sich das mit der Mehrheit der Mutterbäuche so verhält. Denn das, was da so gern als Bauchgefühl verkauft wird, hat auch früher nicht existiert. Die Ratgeber von damals hatten allerdings im Gegensatz zu den heutigen, die ja in erster Linie in Bücherregalen stehen, tatsächlich Bäuche, denn sie waren Menschen, die Oma, der Opa, die Tanten, die Onkels, die Nachbarn, die Lehrer und Lehrerinnen. Und die haben sich nicht in die Erziehung deines Kindes eingemischt, sondern sie waren ein ganz natürlicher Teil davon.
Für die Erziehung eines Kindes braucht es ein ganzes Dorf, so ein afrikanisches Sprichwort. Genau auf dieser Annahme basierte auch dieses komische Bauchgefühl, nämlich, dass es gesellschaftliche Normen zur Erziehung gibt und deshalb Menschen gibt, die genau die gleichen Ziele bei der Erziehung meines Kindes haben. Das ist ja heute verpönt. Die einzige Norm, die heute zu herrschen scheint, ist dass Normen doof sind und deswegen hat jeder bei der Erziehung in erster Linie die Aufgabe, seine eigenen Normen zu basteln und zwar am besten vorne weg, sonst ist man nachher doch wieder auf den Bauch angewiesen, weil man so schnell handeln muss und sich ja nichts überlegt hat. Manchmal kommt es so außerdem zu Normenkollisionen, zum Beispiel bei besagtem Kind auf dem Supermarktboden, das ich liegen lasse und ignoriere, bis es fertig gebockt hat und ein anderer dann plötzlich anfängt zu bemitleiden, was meiner Normendurchsetzung nicht gerade zuträglich ist.
Zurück zu meinem Bauch. Mein Bauch sagt mir zum Beispiel, Kuchen isst man nicht zum Abendessen. Und trotzdem hab ich meinen Kindern gestern warmen Zupfkuchen zum Nachtisch serviert. Woher kam diese Idee, wenn nicht aus dem Bauch? Bestimmt aus einem dieser blöden Ratgeberbücher.

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