Freitag, 11. April 2014

Lieber M,

während deine Großtante das Gefühl hat, deine kleine Schwester käme hier im Blog ein wenig zu kurz, habe ich mir im vergangenen Jahr vor allem Sorgen um dich und dein Zukurzkommen im realen Leben gemacht und möchte dir heute sagen:
Was bin ich froh, dich wieder zu haben. Du hast mir so gefehlt. Mittelkind zu sein ist, glaubt man den Küchenpsychologen, eine echte Herausforderung. Man ist weder der Thronfolger noch das Nesthäkchen, man macht nichts zuerst und nichts als letzter. Ich kenne mich weder mit der damit zusammenhängenden Psychologie noch mit dem Gefühl richtig aus, aber ich will gerne glauben, dass das nicht die leichteste Position in einer Familie mit mehr als einem Kind ist. Aber nicht nur aus diesem Grund hat man dir in den letzten Monaten angemerkt, dass du ein bisschen leidest. 
Du hast dich mit Händen und Füßen gegen den Nacht- und Tagesschlaf gewehrt, du hast dein Spielzeug mit allen dir zur Verfügung stehenden Mitteln verteidigt, du hast am laufenden Band "Geh weg", "Nein" und "Papa?!?" zu mir gesagt. Du hast mit Essen geworfen, so viele Wasserbecher umgeschüttet, dass es für eine Badewanne reicht (und ein paar Kakaobecher waren auch dazwischen) und du hast dich so oft aus Protest auf den Boden geworfen, dass ich dir irgendwann nur noch eine Decke gereicht habe, damit es nicht so kalt ist, weil alle anderen Reaktionen dich nur noch wütender machten. Du warst offenbar ziemlich wütend. Und ich kann dich verstehen. 

Erst kommst du mit einem Schlüsselbeinbruch und Nackenschmerzen auf die Welt. Dann schubst dein großer Bruder dich mitsamt Kinderwagen um. Dann sprechen alle um dich herum ungarisch und als du acht Monate alt bist, hörst du plötzlich nur noch Deutsch (Bayerisch), weil du in der Krippe landest. Die Krippe ist in ihrem zweiten Arbeitsjahr und sehr chaotisch, deine Betreuerinnen sind nicht immer da, und du bist, wie das für Krippenerstlinge typisch ist, oft krank. Deine Mama muss dauernd Unterricht vorbereiten, für Prüfungen lernen, Hausarbeiten schreiben oder Lehrproben entwerfen. Dein Papa hat mindestens genausoviel Stress. Dann, mitten im Stress, du bist gerade ein Jahr und 4 Monate alt, geht es deiner Mama plötzlich schlecht. Sie hängt dauernd über der Toilette und du musst immerzu ohne sie auf den Spielplatz. Außerdem gibt es immer wieder komische Sachen zu essen, weil Mama wegen ihrer großen Übelkeit nicht kochen kann. Später, als es ihr besser geht, ist sie wieder im Prüfungsstress und ihr Bauch wird immer dicker. Als sie dann ihre erste Lehrerstelle in Deutschland antritt, ist der Bauch schon so dick, dass sie sich dauernd ausruhen muss, um die Arbeit zu schaffen. Am Ende liegt sie eigentlich nur noch rum und schickt dich auf den Spielplatz mit Papa. 
Und dann verschwindet sie plötzlich ganz und kommt nach drei Tagen mit einem Baby wieder, das erst den ganzen Tag pennt und dann immer öfter weint. Die Mama siehst du jetzt noch weniger, weil sie immer mit dem Baby zu tun hat und sie total übermüdet ist. 
Sauer bist du und ich versteh dich voll. 
Letzte Woche warst du zu Hause, eine ganze Woche. Seitdem bist du wie ausgewechselt. Gestern Abend hab ich mich zu dir gelegt, weil du mal wieder nicht alleine einschlafen wolltest, da hast du mir solange die Wange gestreichelt und immer leise "Mama" zugeflüstert, bis du eingeschlafen bist. Ich glaube, du wolltest sagen: "Schön, dass du wieder da bist, Mama."
Ab jetzt, lieber M, geht es aufwärts, versprochen. Mein Akku ist wieder aufgeladen und wir können endlich wieder alle Spielplätze und Schwimmbäder gemeinsam erobern. Deine Wut, die spielen wir einfach weg.

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