Mittwoch, 20. November 2013

Wir haben keinen Fernseher

Was war ich stolz. Ist noch gar nicht so lang her. Wir waren zu Besuch beim Opa und der versuchte mit den Kindern erstmals die elektronische Ruhigstellung. Was war ich stolz, als alle gemeinsam feststellten, elektronische Ruhigstellung zieht bei denen nicht. Die kucken weder genau hin noch sind sie besonders neugierig auf die flackernden Bilder, sei es auf dem Handy, dem Fernseher oder dem Computer. Nun - einige Monate später - funktioniert die elektronische Ruhigstellung einwandfrei und ich habe den Stolz gegen die elterliche Scham getauscht. 
Zur Erklärung: Wir haben keinen Fernseher. In Budapest stand ein kleines Miniaturröhrenfernsehgerät auf dem Kühlschrank. Da lief manchmal was. Aber nichts Abendfüllendes, dafür war die Küchenfernsehsituation viel zu unbequem, und nichts, was nicht sofort austauschbar war durch irgendeine interessantere Aktivität. Auch in Bayern haben wir es noch nicht zu einem Fernseher gebracht. Wir sind froh, dass wir seit neuestem ein Sofa haben und genug Stühle für genau drei Gäste. Ein Fernseher steht nicht auf unserer Prioritätenliste. Allerdings nicht, weil wir linke Intellektuelle sind und Leute verurteilen, die am Fernseher in den Feierabend gleiten ("Wir haben keinen Fernseher!"), sondern weil wir unsere Glotzbedürfnisse im Internet befriedigen und nicht genau wissen, wofür eigentlich das Fernsehgerät gut sein soll außer besseren Sound und besseres Bild, alles Dinge, die furchtbar viel Geld kosten und bei der Kinderfrequenz in diesem Haushalt immer wieder nach hinten rutschen auf unserer Prioritätenliste. Trotz allem ist es natürlich toll, wenn man zwischendurch immer mal wieder einschieben kann, "wir haben keinen Fernseher." Das Problem ist nur, Fernseher sind nicht das Problem. Unsere Kinder befriedigen ihre Glotzbedürfnisse mittlerweile im Modus ihrer Eltern: auf dem Smartphone und dem Laptop.
Es fing an vor ein paar Wochen. Ich arbeitete noch und stand jeden Morgen um halb fünf auf. Um halb sieben weckte ich die Jungs, zog sie an, frühstückte und brachte sie zwischen halb acht und acht in Krippe und Kiga. Um 8 fuhr ich zur Schule und blieb dort bis 13 oder 14 Uhr. Dann fuhr ich nach Hause, rührte mir ein Mittagessen zusammen und bereitete meinen Unterricht für den nächsten Tag vor. Zehn vor vier holte ich die Jungs ab, ging mit ihnen nach Hause und spielte mit ihnen. Die Jungs waren nach ihrem und meinem Acht-Stunden-Tag aber wenig dankbar dafür, sie beschmissen sich mit Legosteinen, kratzten sich die Augen aus, kreischten sich an und hauten am Ende mich, wenn ich dazwischen ging. Es dauerte nicht lang, da merkte ich um diese Uhrzeit regelmäßig, dass ich um halb fünf aufgestanden war und wünschte mir den Papa herbei. Der kam aber erst spät und so nahm die Unpädagogik in unserem Haushalt ihren Lauf und ich meinen Computer und eine "Der kleine Maulwurf" DVD. Ich setzte mich mit den Jungs aufs Bett und die Einstiegsdroge war perfekt. Am Anfang schauten wir ein Maulwurffilmchen, das sind im Durchschnitt acht Minuten. Irgendwann später schauten wir Maus und Elefant-Clips aus der Sendung mit der Maus und mittlerweile kommen die Kinder nach Hause, setzen sich aufs Sofa und fragen: "Maus und Elefant? Malokko (=Maulwurf kucke) kucken?" Meine Kinder sind inzwischen nicht nur offen gegenüber elektronischer Ruhigstellung. Sie verlangen danach. Und wenn die Ruhigstellung beendet wird, gehen sie direkt zu erneutem Gekreische über. Wen will ich jetzt eigentlich noch mit meinem Satz "Wir haben keinen Fernseher" beeindrucken, ohne mich lächerlich zu machen?

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