Dienstag, 26. November 2013

Ein besonderer Moment im Elternleben

Es gibt Momente im Leben eines Elter, da fühlt man sich einfach so richtig wohl in seiner Rolle: Man ist stolz auf sein Kind und auf seine eigenen Erziehungserfolge, man ist überzeugt von der Wichtigkeit der Dinge, die man tut und man spürt, dass einfach alles genauso sein muss, wie es gerade ist. Und dann gibt es die anderen Momente. Einen davon hatte ich heute Morgen.
Alles fing damit an, dass der Papa und ich die Kinder zusammen in die Kita und Krippe brachten und an unserer ersten Station, dem Kindergarten, angekommen, ein herauskommender Vater mir und Paul  sträflicherweise die Tür aufhielt, was ich dankbar annahm, weil ich dachte, wir könnten uns so die lästige Wartezeit nach dem Klingeln ersparen. Das war mein erster grober Fehler an diesem Morgen. Denn Paul wollte weder Wartezeit sparen noch durch bereits geöffnete Türen schlendern. Er wollte klingeln, und zwar höchstpersönlich, und dann wollte er die Tür aufmachen. Hätte ich wissen müssen und können. Manchmal sieht man aber die naheliegendsten Dinge nicht.
Paul kam also hechelnd an der Tür an und herrschte mich an, "Tür zumachen" und "Klingeln, I-C-H!". Da beging ich meinen zweiten Fehler. Ich machte die Tür zu, weil ich dachte, so Harmonie stiften zu können und das Kind glücklich zu machen. Das Glück des Kindes aber, das war mir nur in diesem Moment noch nicht so klar, war nicht wiederherzustellen. Ich hätte insofern lieber an meinem eigenen Glück arbeiten sollen.
Es ging weiter damit, dass Paul klingeln wollte und auch klingelte. Aus Angst, es könnte jemand sein Klingeln überhören, klingelte er mehrmals hintereinander und ich konnte noch gerade verhindern, dass er mit beiden Händen großzügig alle Klingeln aller Gruppenräume auf einmal betätigt. Das war mein nächster Fehler. Denn der Junge wollte ja nur gehört werden, von allen. Was ist denn daran so schlimm? Ich fand es unangenehm und verbat ihm alles weitere Klingeln, woraufhin er keine Lust mehr hatte, die Tür überhaupt zu öffnen und reinzugehen. Ich wartete eine Weile, um dann aufzugeben und ihn hineinzuzerren. Das fand er hochgradig unpädagogisch und es löste bei ihm eine Wut mittleren Grades aus, die sich darin äußerte, dass er  ein willkürlich ausgewähltes Plakat von der Pinnwand riss. Das wiederum löste eine Wut schwereren Grades bei mir aus, die sich in wutentbrannten Äußerungen meinerseits zeigte, zu deutsch: Ich wurde laut, sehr laut und von dem oben angesprochenen "anderen" Elter-Moment trennten mich jetzt nur noch wenige Augenblicke. 
Meine laute Rede verwandelte Pauls Wut in Trotz und er beschloss, sich mitten in den Flur auf den Boden zu werfen und dort liegen zu bleiben. Er schrie nicht, er sagte nichts: Er demonstrierte stillen, aber aktiven Protest mitten auf dem Kindergartenvorflur. Ich herrschte ihn abermals an, er solle aufstehen, da war er da, der Moment: Ich öffnete die Innentür und es begrüßten uns zwei Damen mit freundlichem Lächeln und mit den an Paul gerichteten Worten: "Guten Morgen!….Ach Gott, bist du müde? Hast du dich ein wenig schlafen gelegt? …Ich bin auch ganz müde!….Darf ich mich dazulegen?" Paul reagierte nicht, blieb einfach liegen und kuckte trotzig in die Luft. Während ich mich in stillem Warten übte, in der Hoffnung mein Junge würde irgendwann einfach aufstehen und reinkommen, wandte sich die Dame nun mir zu: "Einen schönen guten Morgen, wir sind von der Diözese und heute den ganzen Tag hier. Dürfen wir ihnen eine Broschüre in die Hand geben mit Anlaufstellen für Eltern, deren Kinder manchmal einfach im Flur schlafen wollen?" - sprach's und drückte mir eine Broschüre mit Erziehungsberatungsstellen in die Hand. In diesem Moment war ich ganz angekommen in meinem Moment. Ich bedankte mich für die Broschüre, zwang Paul zum Aufstehen und verdrückte mich, denn die Gefühle, die mich nun übermannten, waren Gefühle, die man lieber allein genießt.

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