Mittwoch, 23. Oktober 2013

Mädchen sein darf kein Problem sein

Wer an dieser Stelle zum ersten Mal in meinem Blog liest, wird nicht wissen: Ich bin zum dritten Mal schwanger. Nach zwei Jungs bekommen wir jetzt ein Mädchen und es vergeht kein Tag, an dem das Geschlecht meines dritten Kindes nicht in irgendeinem Gespräch thematisiert wird. In vielen Fällen in positiver Hinsicht. Unser Umfeld freut sich auf unser Mädchen - darüber habe ich an anderer Stelle schon geschrieben. Genauso wie diese Freude aber häufig auf dem durchaus gängigen Vorurteil beruht, dass Mädchen unkomplizierter, weil braver, wären, begegne ich täglich Stimmen, die das Geschlecht mit Bezug auf gegenteilige Vorurteile problematisieren. Zuletzt in einem für mich erschreckenden Zusammenhang: 
Ich bin jetzt in der 30. Schwangerschaftswoche und das fühlt sich - da mache ich keinen Hehl draus - in der dritten Schwangerschaft in drei Jahren - nicht mehr nach Babymoon an. Um ehrlich zu sein fühlt sich die 30. Woche dieser Schwangerschaft so an wie die 37. in der zweiten und die 41. (oder 45. , wenn es sowas geben würde) in der ersten. Das hat vor allem mit der Doppelbelastung Arbeit und Familie zu tun, aber auch mit der Tatsache, dass mein Körper in den letzten drei Jahren eigentlich immer im Status pränatal oder postnatal geweilt hat. Das macht sich einfach irgendwann bemerkbar und wundert mich auch nicht besonders. Was mich aber gewundert hat, war die Erklärung, die ich von verschiedenen Seiten schon gehört habe, dass die Schwierigkeiten dieser Schwangerschaft mit dem Geschlecht meines Kindes zu tun haben. Das wundert mich nicht nur, sondern erschreckt mich. 

Berlinmittemom hat vor ein paar Tagen eine Blogparade gestartet, zum Thema "Gemeinsam für starke Mädchen". Sie beteiligt sich damit an der von Dove und Rossmann gestarteten Aktion "Mehr Mut zum Ich: Mütter helft Mädchen stark zu sein!"

Die Aktion spricht mich in vielerlei Hinsicht an und ich möchte mich deshalb gern daran beteiligen. Die erste sind die eben erwähnten Gespräche. Die Prägung des Geschlechts in kultureller Hinsicht fängt schon weit vor der Geburt an - und das nicht etwa mit dem Kauf von rosa Babysachen, sondern vor allem in Gesprächen über Schwangerschafts- und Geburtsverlauf sowie voraussichtlichenVeränderungen, die die Geburt eines Mädchens in deinem Leben bewirkt. Nicht nur Mädchen erziehen ist anders. Auch Mädchen im Bauch tragen und Mädchen austragen. Mädchen sind nicht einfach nur Mädchen. Sie sind vor allem keine Jungs.
So habe ich zum Beispiel zwei Jungen bekommen. Beide wurden eingeleitet, aber natürlich geboren. Nun wird angeblich alles anders: Mädchen kommen meistens vor Termin und schneller, denn die Jungs sind bequemer. Es gibt auch Stimmen, die behaupten, Mädchen würden länger im Bauch verweilen, weil sie sich noch putzen müssten - mein weibliches Baby hat also jetzt schon Mascara in der Hand. Allein der Ungenauigkeit des Ultraschalls ist es offenbar zuzuschreiben, dass mir das noch nicht aufgefallen ist. Genauso gibt es Menschen, die behaupten, dass die körperlichen Beschwerden in einer Schwangerschaft vom Geschlecht des Babys abhängig sind. Und so werden meine jetzigen Probleme mitunter dem Geschlecht meines Babys zugeschrieben. Was dahinter steckt: Das weibliche Geschlecht als Problem. Fängt mit der Schwangerschaft an und hört danach nicht auf. Dinge, die mir in diesem Zusammenhang in den letzten Wochen und Monaten begegnet sind:
1. An der Rosa-Phase wirst du nicht vorbeikommen. 
2. Mädchen sind halt in der Pubertät viel anstrengender.
3. Weniger Sorgen muss man sich um Drogen und Alkohol machen, wenn sie größer werden, aber dafür viel mehr, wenn sie abends allein unterwegs sind.
4. Mädchen sind zickig.
5. Mädchen sind unkomplizierter, aber schreien viel mehr als Babys.
6. Mädchen können schwanger werden, das ist eigentlich das größte Problem.
7. Mädchen sind komplizierter, schon allein wegen der Menstruation.
8. Mädchen wollen immer die Prinzessin spielen/sein.
9. Na dann musst du ja jetzt doch lauter neue Babysachen kaufen.
10. Das wird ja dann eine schöne Prinzessin, mit zwei großen Brüdern.   
11. Die darf dann bestimmt alles (weil sie ein Mädchen ist, mit zwei großen Brüdern).
12. Na da mach dich auf was gefasst. Mädchen schreien viel mehr. 
13. Mädchen sind hysterisch. Und Frauen erst.
Die Liste ist hier nicht zu Ende, aber sie zeigt, wie sehr ein Mädchen schon vor der Geburt zum Problem wird, weil es ein Mädchen ist. Vom späteren Frausein ganz zu schweigen. Gemeinsam für starke Mädchen beginnt bei mir deshalb schon vor der Geburt. Und es beginnt nicht unbedingt mit der Weigerung, eine rosa Babyausstattung anzuschaffen. Obwohl ich dies aus persönlichen Gründen tatsächlich tue. Es beginnt mit der Weigerung, all diese Urteile und Vorurteile über Mädchen, die so sind wie sie sind, weil sie Mädchen sind, zu hinterfragen. Aus diesem Grund kann ich die Aktion nur unterstützen und werde mich sicher noch mit einem weiteren Artikel beteiligen. Jetzt wo ich wegen meines Mädchens mehr Zeit zum Beine hochlegen habe.

Kommentare:

  1. Zunächst einmal: Herzlichen Glückwunsch! Ansonsten: Ein toller Bericht. Ich kann dir eines sagen: Auch wenn wir in der Tat eine kleine Diva zuhause haben, die rosa liebt und "zicken" kann, was das Zeug hält, so spielt sie für ihr Leben gerne draußen, hat jeden Tag schwarze Ränder unter den Fingernägeln (trotz Schrubbens am Morgen und am Abend) und für mich ist es einfach das schönste auf der Welt, eine Mädchenmama zu sein, gerade weil mein Mädchen in keine Schublade passt, sondern ganz besonders ist.

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  2. Genau in den Schubladen liegt die Häsin begraben. Ich bin schon sehr gespannt, wie frei ich mich davon machen kann. Danke, übrigens!

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