Samstag, 3. August 2013

Kates Kleid und ich

Neulich bekam ich von einer Freundin ein Kleid geschenkt. Ein hellblaues Kleid mit weißen Punkten. Seitdem die Hitzewelle über Deutschland rollt, leistet es mir gute Dienste. Es ist eins dieser Kleider, die alles mitmachen und immer irgendwie nett aussehen ohne dass man sich besonders viel Mühe geben muss. (Danke übrigens, wenn du das hier liest!) Vor ein paar Tagen war bei uns der letzte Schultag und der endete mit einem Fußballspiel Lehrer gegen Schüler. An diesem Tag war es genau eine Woche her, dass Kate Middleton in einem ähnlichen Kleid aus dem St. Mary's Krankenhaus mit Baby George vor die Presse trat. Und so kam es, dass ich am Dienstag zum ersten Mal und in der Folge noch ein paar Mal auf mein Kleid angesprochen wurde. ("Das ist das gleiche Kleid, das Kate Middleton neulich anhatte! Sieht genauso aus!") Das ist aber eigentlich nicht das Wichtige an dieser Geschichte, auch wenn Vergleiche mit der Duchess durchaus schmeichelhaft sind. Das Interessante an diesen Vergleichen war vielmehr die Tatsache, dass diese fast nie ohne den Zusatz "Und sie hatte auch genauso einen großen Bauch wie du" auskamen.
Wenige Tage später las ich dann das hier und nun kann ich das nicht mehr unkommentiert lassen. Immer wenn ich in diesen Tagen über Kates und mein Kleid gesprochen habe, dann war schnell von ihrem großen Bauch die Rede - "das Baby ist doch schon raus! Wie kann der Bauch da so groß sein?" Nun - da scheint mir doch einiges verkehrt zu laufen in unserer Gesellschaft, wenn sich alle kaum 24h nach der Geburt in erster Linie erstaunt über ihren dicken Bauch äußern. In diesem Zusammenhang geht es sicher nicht um die gute Figur, die man als Frau heute spätestens 12 Wochen, besser noch 6 Wochen nach der Geburt wiedererlangt haben muss, sondern vielmehr darum, dass Geburten in unserer Gesellschaft mittlerweile einen solchen Sonderstatus haben, dass die Mehrheit der Bevölkerung gar nicht mehr weiß, dass der Bauch nach der Geburt nicht mal eben so einfach weg ist. Hinzu kommt dann nicht viel später die absurde Idee des post-baby-bodys, mit dem sich Frauen in allen Gesellschaftsschichten ziemlich bald nach der Geburt auseinandersetzen müssen, um ..., na um eben Frau zu sein, bzw. zu bleiben.
In dieser Hinsicht hatte ich Glück. Mein post-baby-Körper hat relativ schnell zu einem Zustand gefunden, der gesellschaftlich akzeptiert, mitunter idealisiert wird. Kleidergröße 36 hatte ich nach Moritz spätestens nach der dritten Magen-Darm-Runde in diesem Hause wieder. Ich habe dafür keine Diät gehalten und auch nicht sonderlich viel Sport getrieben - wann auch? Wäre es anders, ich wüsste nicht, ob ich die Energie dafür aufgebracht hätte, mich ins Fitness-Studio zu schleppen oder mich in irgendeiner Form in Sachen Ernährung zu beschränken. Ich habe sowieso schon so viele Baustellen, bei denen ich die Termine nicht einhalten kann: Ich habe zum Beispiel nie gebügelte Bettwäsche (ja, das finde ich schade) und ich habe heute einen Backmischungskuchen (igitt!) gebacken. Dazu kommt, dass mein Wohnzimmer immer häufiger ein Sandkasten ist und ich endlich mal wieder 3 Stunden hintereinander ein Buch lesen möchte, ohne im Kopf eine to-do-Liste herunterzurattern. Ich bin also sehr froh, dass ich nicht post-partum Kate, sondern pre-partum-Ich bin. Denn die muss jetzt einiges dafür tun, dass dieser Bauch, den man ihr 24 Stunden nach der Geburt noch verzeiht, in allerspätestens sechs Wochen verschwunden ist. Während es mir gesellschaftlich derzeit offiziell erlaubt ist, einen Bauch, Brüste und einen dicken Hintern zu haben. Mit oder ohne Kleid.

Nachtrag 3.8.2014: Kates Kleid und ich im Juli 2013-Juli 2014




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