Mittwoch, 24. April 2013

Hier können jetzt alle küssen

In Ungarn ist Küssen eine wichtige Kulturtechnik. Nicht das Küssen des Geliebten oder die Schmatzer für die Kinder (auch wenn man durchaus festhalten kann, dass Kinder im Durchschnitt häufiger abgeknutscht werden), sondern das Küssen zur Begrüßung. Eine der Techniken, die mir am Anfang unheimliche Schwierigkeiten bereitet hat, weil sie durchaus in manchen Gesellschaftsschichten vom Aussterben bedroht ist und weil ich lange gebraucht habe, um die Regeln zu verstehen: Man küsst sich auf die Wange, erst links (glaub ich), dann rechts. Das tut man, wenn man sich kennt, gut kennt und wenn man sich gut kennen will. Dann gibt es manche, die küssen bloß so in die Luft, das ist dann so eine Art Wangenreiben und dann gibt es durchaus auch welche, die das Küsschen so nah am Mund ansetzen, dass man sich immer hinterher fragt, ob das noch eine Begrüßung oder schon ein Vorspiel sein sollte. Hinzu kommen die Männer, die einfach drauflos küssen und die, die der Frau die Entscheidung überlassen, ob geküsst werden soll. Wenn man darüber nicht informiert ist, kann es mitunter lustig werden. Am unangenehmsten sind wohl die Situationen, in denen man als Frau dann entscheidet, es soll geküsst werden und der Mann entpuppt sich als Traditionsverächter oder einfach als Rüpel und will gar nicht. Aber das ist nicht das Wesentliche. Wesentlich ist, es darf geküsst werden und das so viel wie möglich. Und das hat jetzt auch mein kleiner Moritz verstanden. 
Gestern war einer der Momente, die man als Mama festhalten möchte, damit sie einfach etwas länger dauern. Nach dem Baden lag Moritz zwischen den Handtüchern auf dem Boden und während wir so rumalberten, nahm er plötzlich meinen Kopf in seine Hände und zog mich so zu sich, um mir links und rechts und am liebsten auf den Mund einen Schmatzer nach dem anderen zu geben. Er wollte gar nicht mehr aufhören, er hatte wohl plötzlich das Küssen für sich entdeckt. Dieser Moment war schon sehr schön, aber danach folgte einer, den der Papa mir bei seiner Ankunft erst nicht glauben wollte. Beim Vorlesen saßen beide Jungs auf meinem Schoß und wir lasen den Katzentatzentanz, eine Geschichte von einer Katze, die mit keinem tanzen will - bis endlich der Kater kommt und ihre "Tatze küsst". Beim Wort küssen drehte sich Paul zu mir um, gab mir einen Kuss und dann schnappte Moritz sich Paul und drückte ihm mehrere Schmatzer mitten auf den Mund. Der war so überrascht von der plötzlichen Liebesbekundung (man muss dazu wissen, dass hier zur Zeit sehr viel gestritten wird, weil es von allem immer nur eins gibt und das immer gerade der andere hat), dass er wild rumkicherte. Als Moritz mit Paul fertig war, drehte er sich zu mir um - Paul ebenso - und dann wurde ich geküsst. Endlich können jetzt hier alle küssen.

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen