Dienstag, 2. April 2013

Blumentopf oder Kinderwagen

Ich hatte es gleich geahnt, als wir gestern Nacht hier ankamen, dass das, was sich mir dort im Hausflur präsentierte, eine Kampfansage und nicht etwa ein Zufall war. Und heute, vor genau 30 Minuten, wurde ich in dieser Ahnung bestätigt. 
Seit wir hier eingezogen sind, im August 2012, stellen wir unseren Doppelkinderwagen direkt vor der Haustür ab, weil das der ideale und einzig praktikable Standort dafür ist. Wir wohnen im Erdgeschoss, ich muss also den Kinderwagen nur in den Hausflur fahren, stelle ihn in die Ecke vor die Tür, wo er mit seiner Umgebung verschmilzt und keinen einzigen cm Fluchtweg verbaut. Die Ecke an der Treppe war der Hauptgrund für die Anmietung dieser Wohnung, wenn man es genau nimmt. Daran ändert die Tatsache, dass ich inzwischen den Kinderwagen nicht mehr so häufig brauche wie in den ersten Tagen gar nichts. Wenn ich ihn brauche, dann mit diesem Stellplatz. Ein Stellplatz - und das kann mir jede Mutter mit Kleinkindern bestätigen - in irgendeiner Ecke im Keller, nur zu erreichen über schwere Metalltüren und große Stufen - ist kein Stellplatz. 
Wenn wir den Kinderwagen für längere Zeit nicht brauchen, weil wir nicht hier sind, dann stellen wir ihn in den Keller oder in die Wohnung/auf die Terrasse, damit er nicht sinnlos im Flur herumsteht (auch wenn er sich im Allgemeinen sehr unauffällig verhält). So auch diesmal, während wir in Budapest waren. Als ich gestern wiederkam, stand in meiner schönen Kinderwagenecke ein großer Blumentopf mit einem angegammelten Farn. Mir kochte gleich gestern Nacht das Blut, denn mir war klar, dass jemand bewusst die Abwesenheit meiner Kindertransportmaschine schamlos ausnutzen wollte, um irgendwelche kinderfreien Hausflurzustände von früher wiederherzustellen. Mein Mann aber konterte: "Jetzt reg dich nicht so auf. Den hat sicher jemand da vergessen." 
Nun, der Vergesser hat eben bei mir geklingelt, 'ob ich seinen Blumentopf weggestellt hätte'. "Ja", sagte ich. "Ich wusste nicht, wem der Blumentopf gehörte, aber ich hab ihn wieder zurück in den Keller gestellt, wo er ja seit letztem Jahr steht und sich auch wunderbar macht, denn hier vor der Haustür muss mein Kinderwagen stehen." Es stellte sich heraus, dass mein Nachbar beschlossen hatte, dass sein Farn unbedingt in meiner Kinderwagenecke stehen muss, weil dort die beste Mischung von Licht und Schatten sowie Luftfeuchte und Raumtemperatur für ihn bestünde. Auf meine Erwiderung, der Farn hätte ja schon seit letztem Jahr im Keller gestanden, reagierte der Herr Nachbar mit der Bemerkung, dass sie in meiner Abwesenheit festgestellt hätten, dass es dem Farn im Keller dreckig geht (das hatte ich ja auch schon bemerkt, sh. Beschreibung Farn "angegammelt") und er deswegen ins Erdgeschoss hochziehen müsste. "Nun", entgegnete ich, "Blumentöpfe dürfen ja sowieso nicht im Hausflur stehen wegen der Brandschutzverordnung und der Fluchtwegsregelung", woraufhin mein Nachbar seinen angegammelten Farn mit meinem Kinderwagen argumentativ auf eine Stufe stellte, indem er sagte "das wäre ja nun egal, was da stünde". Auch wenn ich durchaus verstehen kann, dass es im Falle einer Flucht aus dem brennenden Haus keinen Unterschied macht, ob man über einen Kinderwagen oder einen Blumentopf stolpert, machte ich ihn auf den tatsaechlichen Unterschied in der Wertigkeit aufmerksam und wies ihn abschließend noch darauf hin, dass es seinem Farn um so besser gehen würde, je größer die Entfernung von meinen Kindern ist. Zu diesem Zeitpunkt unseres Gesprächs hatte ich bereits das Gefühl, dass es sich beim Nachbarn und mir ähnlich verhielt. Alle weiteren Gespräche wurden deshalb vertagt.

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