Dienstag, 11. September 2012

Zweikämpfe ums Brot

Im Wonnemonat Mai, das ist (rechne, rechne, rechne) vier Monate her, habe ich hier von den drei verschiedenen Esstypen bei Kleinkindern berichtet (die "Brot-ohne-Belag-Esser", die "Belag-ohne-Brotesser" und die "Brot-nicht-Esser") und großmäulig verkündet, wie ich erfolgreich jeden Abend aus meinem Sohn Typ vier mache, den "Ich-esse-erst-den-Belag-und-nach-mütterlichem-Eingreifen-auch-das-Brot-Typ". Nun, es wird Zeit mit der Beschönigung aufzuhören. Typ vier war mein Sohn nur, weil er es selbst so wollte. Und was soll ich sagen, er will nicht mehr.

Seit einer Weile kämpfe ich, vor allem innerlich mit mir selbst, aber durchaus auch äußerlich mit Worten und Taten mit meinem großen Sohn Paul, der kein Brot mehr essen will. Vor kurzem dachte ich, ich wäre kurz davor den Kampf zu verlieren, als mir nun gestern mein kleiner Sohn Moritz zu Hilfe kam. Eins vorab: Ich finde Brot ist ein wichtiger Bestandteil der Ernährung. Es gibt ganze Völker, die sich völlig brotlos ernähren, aber ich kann nun mal nicht ohne Brot. Und Paul und Moritz dürfen erst wieder ohne Brot, wenn sie bei ihrer Ernährung mitmischen dürfen und das ist noch ne Weile hin. Demokratie beim Essen gibts hier nur im Sinne von Auswahl aus einer Vorauswahl und die Vorauswahl besteht beim Abendessen nun mal aus Brot. Punkt.
Anfangs hat Paul das Brot mit Begeisterung in sich reingestopft. Manchmal hat er an dem Belag rumkritisiert, vor allem als ich noch experimentiert habe mit salzarmen, gesünderen, aber auch geschmacksärmeren, vegetarischen Aufstrichvarianten. Aber er hat sein Brot gern gegessen. Monatelang hat er jeden Abend eine Portion Griesbrei und dazu noch zwei bis drei Stullen reingestopft, später dann nur noch Stullen.
Die Zeiten des fröhlichen Brotessens waren aber plötzlich vorbei, als Paul feststellte, dass Belag viel besser schmeckt. Und dann fing Paul mit seiner Brotdiät an, vielleicht auch eine frühe Form von abendlichem Low-Carb-Diät-Wahnsinn (als ob er es nötig hätte), auf jeden Fall steht dieses Ernährungsverhalten bei mir auf der schwarzen Liste. Und so hab ich alles versucht, zumindest glaubte ich das, als ich heute gegoogelt hab ("mein Sohn pult den Belag vom Brot"), um nach Tipps zu suchen, wie ich diese brotlose Ernährung doch noch irgendwie verhindern kann, denn ich hab schon einiges versucht.
Zuerst hab ich den Salamikonsum eingeschränkt: Salami pult sich denkbar einfach vom Brot und wird ja sogar pur verkauft. Wie soll ich dem Jungen mit Kolbász-Blut die Brotliebe beibringen, wenn ich ihm die Kolbász im Grunde auf einem extra Teller serviere?
Später dann hab ich nur Belag zum Schmieren verwendet, denn das pult sich schlechter. Paul hat aber auch das Entfernen von Streichbelag inzwischen professionalisiert: Er macht den Mund gaaaaaanz weit auf, schiebt sich das Brot mit der flachen Hand und der Belagseite vor den Mund und lutscht den Belag runter. Wenn man ihn in dem Moment erwischt, kann man schnell die Mitte vom Brot reindrücken und er kuckt etwas überrascht, kaut dann aber durchaus fröhlich doch auf dem Brot rum. Aber das ist ja keine echte Lösung.
Noch später bin ich wieder zum Füttern übergegangen. Denn die von ihm selbst abgeleckten Brote findet Paul scheinbar so eklig, dass er sich nicht mehr überwinden kann, diese zu essen. Bevor er die isst, ist er auf Nachfrage lieber satt. Füttern findet Paul aber inzwischen furchtbar. Das ist doch was für kleine Kinder. Blieb noch die Möglichkeit, ihm immer nur kleine Portionen zu servieren und erst ein neues Scheibchen Brot rauszurücken, bis er aufgegessen hat. Das hat aber schon so richtig was von Zweikampf. 
In einem Forum hab ich eben den Vorschlag gelesen, das Brot nicht vorher zu belegen, sondern den Belag extra zu servieren: Angeblich könnte ich gar nicht so schnell kucken, wie das Kind den Belag ordnungsgemäß auf das Brot legt und dann isst ("das machen die in der KiTa so"). Aber das ist sicher so ein Ding, was in der KiTa funktioniert, weil die Kids da den Gemeinschaftsdruck spüren. Hier bin ja nur ich. Und mein Druck lässt über die Monate hinweg langsam nach. Ich spüre, wie ich mit jedem Abendessen weicher werde ("dann iss doch nur den verflixten Belag!") Ich möchte hart sein, den Kampf gewinnen, meinen Sohn zum Brotliebhaber erziehen und merke gar nicht, dass die ultimative Waffe direkt neben Paul in der Babyschale hängt und Moritz heißt. Gestern habe ich sie dann ausprobiert, diese Waffe, die sie auch in der KiTa benutzen. Ich hab Moritz eine Scheibe Brot gegeben, pur, ganz ohne Belag. Nicht wegen Paul (ehrlich nicht!), sondern wegen Moritz (das war nämlich eigentlich keine geplante Kampfstrategie, sondern nur der Versuch Moritz an ungesüßtes Backwerk heranzuführen; die Einführung ins gesüßte hat schon die deutsche Oma erledigt). Die Einführung ist als gelungen zu bezeichnen. Denn Moritz freute sich sehr über die feste Nahrung für seine gequälten Zahnleisten und stopfte das Brot fröhlich in sich hinein. Immer wenn das Brotstück so klein wurde, dass es in seinem Fäustchen verschwand oder runterfiel, wurde er wütend und verlangte nach mehr. Nach mehr verlangte auch jemand anderes, nämlich Paul. Der aß an diesem Abend seeeeehr viel Brot. Ganz ohne diesen ekligen Belag, pfui. Jetzt muss ich nur noch irgendwie Brot und Belag wieder zusammen führen. Das muss doch zu schaffen sein.

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