Montag, 2. Juli 2012

Woran das Herz manchmal hängt

Manchmal wundert man sich, woran das eigene Kind sein Herz so hängt und wie sehr das Herz hängt, wenn selbiges Kind auf plötzlich unerklärliche Weise streikt, schreit, mit den Füßen stampft oder einfach zusammenbricht, nervlich. Das Wundern hört nicht auf, wenn man dann die Erklärung findet. Deshalb ist es besser, man schreibt sowas auf, damit man es dem Kind später im passenden Moment unter die Nase reiben kann.
Neulich habe ich Paul nach dem Mittagsschlaf ganz leise aus dem Kinderzimmer geholt um Moritz nicht zu wecken. Paul hat sofort ein bisschen protestiert und nach einer Weile immer energischer. Ich dachte, es wäre wegen Moritz und hab ihn immerzu ermahnt, er müsse noch ein bisschen schlafen und wir müssten deswegen leise sein. Je mehr ich ihn ermahnte, desto lauter wurde sein Protest. Bis er sich auf den Boden warf und weinte, sich herumrollte und mir immer wieder signalisierte, er muss unbedingt zurück ins Kinderzimmer, sein Leben hinge davon ab. Ich gab nach. Ich dachte, er bräuchte vielleicht seine Wasserflasche, denn von Wasser hängt das Leben ja tatsächlich ab. Wie naiv von mir. Als ich die Tür geöffnet hatte, stürmte Paul geradewegs zu seinem Bett und fischte einen Plastiklöffel raus, von dem er sich nach dem Mittagessen nicht hatte verabschieden können und ihn deshalb mit ins Bett genommen hatte. Mir war nicht klar, wie nahe sie sich inzwischen standen, Paul und der Plastiklöffel.  Denn danach war alles gut und Moritz durfte weiter schlafen.
Gestern, als wir vom Einkaufen zurückkamen, half Paul beim Auspacken und fischte sich aus einem Beutel eine Tüte Sardellenpaste. Damit spielte er eine ganze Weile rum, bis Papa sie unter lautem Protest in den Kühlschrank legte. Dann folgte das Mittagessen und der Mittagsschlaf. Nachmittags stand Paul so in der Küche rum und ich nahm mir einen Kaffee aus dem Kühlschrank, nichts ahnend von der engen Bindung, die unser Sohn am Vormittag mit der Sardellenpaste eingegangen war. Er stürmte zum Kühlschrank und wie immer hörte er ein energisches NEIN, als er die Tür aufmachen wollte. Und wie immer machte er sie trotzdem auf. Dann zog ich ihn wie immer vom Kühlschrank weg, worauf Paul zusammmenbrach. Er weinte, er stampfte, er ließ seiner Wut freien Lauf. Und der Papa und ich kuckten uns nur an und verstanden nicht, was los war. Bis Paul zu schnell für ein Eingreifen ein zweites Mal den Kühlschrank erreichte, öffnete, zielstrebig die Sardellenpaste aus dem Kühlschrank fischte und erleichtert seufzte, als hätte er einen alten Freund wieder gefunden. 

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