Donnerstag, 19. Juli 2012

Auf frischer Tat ertappt

Wenn meine Mutter sich an ihre Großeltern erinnert, dann erzählt sie hauptsächlich von ihrem strengen Opa und dass dort immer still gesessen werden musste und man als Kind artig und brav zu sein hatte- Kategorien von Kindern, die heute so gut wie ausgestorben sind. Ausgestorben auch, weil moderne Großeltern nicht mehr erziehen. Früher war Erziehung Gesellschaftsaufgabe. Es herrschte Einigkeit über Ideale und Vorstellungen und das Ideal vom artigen Kind war sicher nicht die Erfindung meines Urgroßvaters.
Heute ist Erziehung oftmals reine Elternsache (wer lässt sich schon gerne reinreden) und statt die Kinder zum Bravsein zu ermahnen, verbünden sich heute reihenweise Großeltern mit ihren Enkeln gegen die Eltern und führen das Kind lieber auf den Pfad der Versuchung, denn das macht ja auch viel mehr Spaß.
Das Ergebnis: Mein Sohn frühstückt neuerdings Honig direkt aus dem Glas und zum Nachtisch gibt es Kekse. Und weil die Mama sich darüber nicht freut, begeben sich der Budapester Opa und der Enkel neuerdings direkt in die Speisekammer, um dem Zorn der Mama zu entfliehen. Vorgestern hab ich sie aber erwischt, auf frischer Tat. Die Tat war so frisch, dass der Opa gerade dabei war, das Honigglas zuzuschrauben und P sich breit grinsend die Lippen schleckte. Mir fiel da gleich Tante Polly ein, die ihrem Tom den Hosenboden versohlt, weil er sich ein Marmeladenglas aus der Speisekammer klaut.
Ich hätte, wenn ich irgendwen hätte versohlen wollen, den Opa nehmen müssen. Denn heute werden den Enkeln nicht die Hosenböden versohlt, (weder von Tanten noch von Omas und Opas oder Mamas und Papas) wenn sie in die Speisekammer gehen, sondern sie werden an der Hand hineingeführt in die Süßigkeitenhöhle/hölle. In der Speisekammer haben sie dann die Wahl...Schokoriegel, Kekse, Honig, Marmelade, was das Herz begehrt. Und P's Herz begehrt. Mein Herzbegehren ist dabei weniger relevant. Aber vielleicht muss das auch so sein. Gespannt darf ich dann wohl sein, worin sich die deutsche Speisekammer von der ungarischen unterscheidet.

Nachtrag am 18.11.2014
Mittlerweile besuchen zwei von drei Kindern die Süßigkeitenhöhle.
Und hinterher erstatten Sie Bericht. Gut für mich. Unangenehm für den Opa. Insgesamt aber vor allem süß. In jeder Hinsicht.

1 Kommentar: