Samstag, 12. Mai 2012

Mein Sohn spricht. Ich verstehe.

Von erfahrenen Kinderbesitzern hab ich mir sagen lassen, dass man sich in der ersten Zeit nichts sehnlicher wünscht, als dass das eigene Kind anfangen möge zu sprechen und wenn sie dann angefangen haben, dann wünscht man sich nichts intensiver, als dass sie abends damit aufhören. Mit Paul befinden wir uns immernoch im ersten Stadium. Es gab verschiedene kleine Momente, in denen man sich eines Wortes sicher war, aber die meisten davon waren doch eher Silben als Worte. So zum Beispiel bin ich mir sicher, dass er schon Mama und/oder "Anya" gesagt hat. Manchmal sagt er "baba"- was wohl Papa sein soll und er sagt seit neuestem sehr viel "Ja" (obwohl er viel mehr "nein" hört, das finde ich interessant). Aber die meiste Zeit verbringen wir doch damit unserem Paul zu lauschen, wie er unverständlich, aber natürlich auf höchstem Niveau der Niedlichkeit, vor sich hinplappert. In letzter Zeit hat das Plappern neue Formen angenommen. Er variiert die Silben viel stärker und versucht ganz oft uns was mitzuteilen. Das macht er sicher schon länger, aber neuerdings ist er richtig enttäuscht, wenn ihn keiner versteht.
"Der arme Junge", sagt die Oma, "muss ja auch ein totales Chaos im Kopf haben, mal deutsch, mal ungarisch." Die eine Oma spricht ungarisch, die andere deutsch. Der eine Opa spricht ungarisch, der andere deutsch. Die Leute auf der Straße sprechen mal ungarisch, mal deutsch, je nachdem wo wir uns gerade befinden. Aber am schlimmsten sind Mama und Papa. Die reden mal deutsch und mal ungarisch und wenn sie die Worte in der passenden Sprache nicht finden, dann reden sie ungareutsch oder dungarisch, wie auch immer das Kauderwelsch heißt. Da kommen dann so Sachen raus wie "Kérek egy Stück Schokolade-t" ('ich möchte ein...'). Wir versuchen natürlich ein gutes Vorbild zu sein, aber die jeweils andere Sprache ist ja auch für uns eine Fremdsprache. Und die lernen wir schließlich auch noch. Auf höherem Niveau als das Stück Schokolade, aber solche Formulierungen machen doch auch einen Heidenspaß.
Was Paul angeht hat er in seinem bisherigen Leben mehr Ungarisch gehört als Deutsch. Was dazu führte, dass er auch schon mal "an-ya" gerufen hat. Das kam allerdings nur einmal vor und im Nachinein hab ich manchmal gedacht, vielleicht hab ich mir das auch nur eingebildet. Wir haben uns auch schon öfter mal eingebildet, dass er Auto gesagt hat. Hat er vielleicht auch. Gestern allerdings haben Paul und ich uns das erste Mal unterhalten. Mit einem Wort und damit das Gespräch nicht so langweilig wird, in zwei Sprachen. Wir aßen Abendbrot und Paul zeigte immer aufs Fenster und sagte gu-jja. Und ich reagierte, wie man halt reagiert, wenn man sein Kind nicht versteht und sprach irgendwas zum schönen Wetter draußen und zum Wind in den Bäumen vor dem Fenster. Und Paul wieder "gu-jja". Und wieder und wieder. Und beim dritten oder vierten Mal hat die auf dem Schlauch stehende Mutter endlich kapiert, warum sie ihr Kind nicht versteht. Der redet UNGARISCH! Und sagt "kutya", was Hund bedeutet. Draußen bellte ein Hund und mein Kind wollte mir das erzählen. Und ich fasel von Wind und Bäumen. Als ich dann verstanden habe, was er meinte, hab ich mir ein Loch in den Bauch gefreut und gerufen: JA, Paul! HUND. Ein Hund! Und Paul: gu-jja. Und ich "JA, Hund!" und so ging das eine Weile hin und her (denn wenn hier einmal ein Hund bellt, dann hat man eine Weile was davon. Kein Wunder also, dass der Junge dieses Wort spricht).  So haben Paul und ich gestern unsere erste Einwortunterhaltung geführt. Auf ungareutsch.

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