Mittwoch, 2. Mai 2012

Ich mach mir doch nicht die Hände schmutzig!

Was das selbstständige Essen angeht ist Paul ein Verweigerer. Er ist jetzt bald 18 Monate alt und lässt sich füttern, der feine Herr. Nun ja, er durfte Brei nie mit der Hand essen und hat auch sonst nur die Dinge in die Hand bekommen, die man aufsammeln kann, wenn sie runterfallen, anstatt sie aufwischen zu müssen. Aber es mangelt trotz allem nicht an Angebot zum selbstständigen Vollstopfen.
Zur Zeit findet Essen bei Paul sowieso absolut nebenbei statt. Er sitzt auf dem Hochstuhl, beschäftigt sich mit allem möglichen und lässt sich nebenbei den Löffel, das Brot oder die Obststücke in den Mund schieben. Er checkt immer kurz, was man ihm da anbietet; alles lässt er sich nicht andrehen.
Paul hat so viel Besteck wie Trinkflaschen und er benutzt dieses auch fleißig. Nur eben nicht zum Essen. Wenn er einen guten Tag hat, dann nimmt er seinen Löffel und füttert mich damit oder schiebt mir seine Obststücke und Kekse in den Mund. Das Prinzip hat er also verstanden. Er hat nur keine Lust, das bei sich selbst auszuprobieren. Warum selber essen und eine Schweinerei produzieren, wenn man auch nebenbei spielen kann und das Essen ohne eigenes Zutun zielsicher in den Mund kommt. Die Kritiker werden sagen, er muss eben mit dem Essen spielen dürfen, das Essen muss interessant sein usw. Das Problem ist aber, dass er nicht mit dem Essen spielt, denn Essen macht die Hände schmutzig. Und alles was die Hände schmutzig macht, lässt er andere machen. Vor kurzem haben wir ihm eine Sandkastenausrüstung besorgt: Paul hat einmal in den Sand gefasst und danach gaaaaaanz lange kritisch die Hände angestarrt, um sie dann aneinander abzuwischen. Anschließend wollte er diesen schmutzigen Ort sofort verlassen und ist zum Spielplatztor marschiert. So ist das auch beim Essen die meiste Zeit. Er fässt in was Schmieriges, kuckt seine Hände an und kommunziert: Mach du mal.
Aber jetzt ist Schluss damit lieber Paul. Als du deine Geburtstagstorte nur angestarrt hast und lieber gekreischt hast, um gefüttert zu werden, statt einfach einzutauchen, hatte ich Verständnis. Als du monatelang mit Löffeln Wurfübungen gemacht hast, statt sie in den Brei einzutauchen, hatte ich ebenso Verständnis. Als du regelmäßig Kekse aneinander geschlagen hast, um zu sehen, in wie viele Einzelteile sich so ein Keks zerlegen lässt, anstatt ihn zu essen, hatte ich wieder Verständnis.
Jetzt wird es allerdings langsam mal Zeit selber zu essen. Ich erwarte ja nicht, dass du mit Messer und Gabel manierlich das Gemüse schneidest und zwischendurch mit abgespreiztem Finger den Trinkbecher zum Mund führst. Aber du wirst doch wohl nicht behaupten, dass du lieber mit leerem Magen vom Tisch aufstehst als dir die Hände schmutzig zu machen. Wenn die Löffel hier bald aus zwei Richtungen fliegen, statt zum Mund zu wandern, muss ich mich ganz schön ducken. Lieber Paul, bewahre mich davor!

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen