Montag, 7. Mai 2012

Faszination Tür

Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann genau Paul angefangen hat mit Türen zu spielen, aber es kommt mir wie eine Ewigkeit vor. Seit Paul die Türen für sich entdeckt hat, ist Spielzeug, vor allem pädagogisch wertvolles, für ihn unsichtbar. Er stolpert höchstens mal drüber, wenn er sich auf dem Weg zu Tür und Tor befindet. Ich hab mich immer gefragt, woher diese Faszination kommt. Die Erklärung, 'das machen alle Kinder', is mir zu einfach. Ein bisschen schiebe ich die Schuld dem Grundriss unserer Wohnung zu. Der zentrale Raum ist bei uns die Küche und die hat sage und schreibe vier Türen plus einen Treppenaufgang. In welche Richtung man auch schaut, man hat dieses praktische Spielzeug immer vor Augen.
Am Anfang haben wir uns hier darüber aufgeregt,bzw. ich. Er kann sich ja die Finger einklemmen, das müssen wir verbieten. Dann haben wir die Strategie gewechselt und ihn beim Spielen darauf hingewiesen, dass er auf die Finger aufpassen soll. Gleichzeitig haben wir Türstopper an den Türen befestigt, um die Schäden klein zu halten und die Action aus dem Spiel zu nehmen. Heute bin ich mir sicher, dass wir die Faszination Tür damit noch gefördert haben. Denn ab sofort hat Paul immer versucht, so schnell wie möglich zu einer türstopperlosen Tür zu kommen, um sie dann mit großem Genuss zuzuschmeißen. Wenn man mit ihm in den Garten geht, schlägt Paul zwei Richtungen ein: Entweder geht er schnurstracks zum Gartentor und probiert die Klinke oder er geht gleich zu Oma und Opa um die Hausecke: Denn dort gibt es sieben Türen auf der Ebene und alle ohne Türstopper, das reine Paradies!
Aufgeregt sind wir deswegen inzwischen nicht mehr. Paul hat sich während der ganzen Zeit nicht einen Finger geklemmt. Allerdings haben wir das Türenspiel hier in der Wohnung bei manchen Türen eingeschränkt, indem wir die Türklinken hochgestellt haben. Auswarten war echt nicht drin. Vielleicht deshalb geht Pauls Obsession langsam von Türen auf Schlüssel über. Irgendwie müssen die Dinger doch wieder aufgehen. Zur Zeit geht hier ohne Schlüsselbund gar nix. Wenn Paul nicht gerade einen Schlüssel ins Schlüsselloch steckt, dann geht er damit spazieren, zählt alle seine Schlüssel oder versteckt sie an einem sicheren Ort (das ruft hier besondere Entzückung hervor). Manchmal ist er verzweifelt, weil kein Schlüssel erreichbar ist oder die Tür öffnet. Am Wochenende hat er wohl deshalb versucht, das Schlüsselloch mit Ananas- und Wurststückchen zu befüllen. Auf dem Spielplatz war Paul nur bereit zu schaukeln, wenn er das Schlüsselbund in der rechten Hand halten durfte und als wir später versucht haben, ihn vom Spielplatztor wegzubewegen, indem wir langsam losgegangen sind und Tschüß gesagt haben, hat Paul zum Abschied gelächelt und gewunken und in seinen Augen war zu lesen: 'Geht ruhig schon nach Hause, ich hab alles, was ich brauche.'

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