Montag, 10. Januar 2011

Eine gute Mutter

"Ich hab einfach die Tür zugemacht und bin in ein anderes Zimmer gegangen, um das Geschrei nicht zu hören." Wenn man heute so einen Satz als Mutter spricht, sollte man ein dickes Fell haben, um das Kanonengefeuer abzuwehren, das einem beim Aussprechen einer solchen Grausamkeit entgegenkommt. Als ich diesen Satz heute von einer befreundeten Mutter als Reaktion auf meine Frage, ob sie ihre Kinder auch "mal schreien lassen hat" hörte, war ich mir sicher, ein wenig Zurückhaltung gespürt zu haben. Auch sie war sich nicht hundertprozentig sicher, ob sie das mir gegenüber so deutlich formulieren dürfte. In Internetforen müsste sie für diesen Satz mit bösen Beleidigungen rechnen, die Rabenmutter wäre noch die sanfteste von ihnen. "Ein Baby lässt man doch nicht schreien. Dabei lernt es doch nur, dass es nicht geliebt wird."
Sicher lässt man ein Baby nicht absichtlich stundenlang in seinem Bett liegen und schreien, während man im Nachbarzimmer sitzt, Latte Macchiato trinkt und Löcher in die Decke starrt. Aber ich möchte doch stark bezweifeln, dass sich ein Baby nur von einer Mutter geliebt fühlt, die bei jedem Mucks alles stehen und liegen lässt, beziehungsweise das Kind überhaupt nie allein lässt, damit es gar nicht erst zum Mucks kommt. Nach einer Weile fängt so eine Mama ja auch an unangenehm zu riechen, weil sie es gar nicht schafft zu duschen und sich die Haare zu waschen. Oder gibt es dafür auch eine Lösung? Duschen ist für Mama wahrscheinlich nur erlaubt, wenn das Kind mal schläft. Neulich hab ich einen Test gemacht auf einer ungarischen Seite, da ging es darum, wann man eine gute Mutter ist. Eine Frage war: "Was machen Sie, wenn Sie unter der Dusche stehen, mit eingeseiften Haaren, und das Kind fängt an zu schreien." Die gute Mutter entfernt sich laut Test schnell die Seife aus den Haaren, duscht im Eiltempo zu Ende und eilt zum Kind. Die sehr gute Mutter bricht natürlich den Duschvorgang sofort ab, wickelt die eingeseiften Haare in ein Handtuch, wirft sich einen Bademantel über und eilt zum Kind, um das Anti-Schrei-Programm abzuspulen.
Lieber Paul, ich muss dich leider enttäuschen, was das angeht. Ich gehöre weder zur ersten noch zur zweiten Kategorie. Denn ich dusche nicht nur zu Ende. Ich föhne mir auch noch die Haare, denn eine Mutter mit nassen Haaren ist eine genervte Mutter. Und eine genervte Mutter ist nervig, finde ich. Da kann sie noch so schnell am Bett sein. Wir lassen dich einfach entscheiden Paulchen, über meine Mutterfähigkeiten. Aber soviel kann ich dir versprechen, mein Süßer: Bevor ich Löcher in die Decke vom Nachbarzimmer starre, während ich meinen Latte Macchiato schlürfe, komm ich lieber zu dir und kuck mal was du wohl hast. Meinen Toilettengang allerdings nehme ich mir heraus in aller Ruhe zu beenden, bevor ich mich um dein Wohlbefinden kümmere. Ich hoffe, aus dir wird trotzdem was.

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